Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Wollust des Todes inklusive

Eine Langzeitstudie japanischer Schlafforscher von der Universität Osaka hat viele Langschläfer in Aufregung, ja, Schlaflosigkeit versetzt. Demnach schaden nicht nur Kurzschläfer, sondern auch und vor allem Langschläfer ihrer Gesundheit und verkürzen ihre Lebenserwartung. Knapp sieben Stunden Schlaf täglich, sagen die Forscher, seien genau das richtige Maß und eine gute Garantie für langes und gesundes Leben. Völlig zu Recht habe schon der alte Hippokrates gelehrt: „Wenn sie das Maß überschreiten, sind beide böse, der Schlaf wie das Wachen.“ Kritiker der Studie haben freilich bereits eingewandt, daß in ihr zu wenig zwischen Schlaf und Schlaf differenziert werde. „Den“ Schlaf gebe es gar nicht. Jeder Mensch habe seinen je eigenen Schlaf, dessen Verlauf von zahlreichen, teils genetischen, teils durch individuellen Lebensaufbau bedingten Besonderheiten abhänge. Die pure Dauer eines Schlafes müsse, um seine Lebensqualität bestimmen zu können, stets mit anderen Faktoren „verrechnet“ werden, so mit den aktuellen Erregungszuständen des Schläfers, seiner momentanen Konstitution, seinem tagtäglichen Lebensrhythmus. Meinte die Studie mit „dem“ Schlaf das jeweilige Weggetretensein des Schläfers in einem Stück? Oder beziehe sie bei der Bestimmung des ihr zugrunde liegenden Quantums das „kleine Schläfchen zwischendurch“, das Mittagsschläfchen etwa oder den häufig vorkommenden, meist durchaus erholsamen Minuten- oder Halbschlaf, mit ein? Dies müsse berücksichtigt werden. Außerdem gelte es zu bedenken, daß der Schlaf in sich selber höchst differenziert sei, in Phasen aufgeteilt, deren spezifische Einzeldauer gegebenenfalls wichtiger sei als die so oder so errechnete Gesamtdauer. Eine wichtige Rolle spiele beispielsweise die sogenannte REM-Phase, hergeleitet aus dem „Rapid Eye Movement“, der rapiden Augenbewegung, in die der Schläfer verfällt, wenn er träumt. Ältere Untersuchungen haben ergeben, daß eine von außen bewirkte Unterbrechung der REM-Phase sich besonders schädlich-schlafverkürzend auf das „Gelingen“ eines Schlafes auswirkt und Schläfer, die in der REM-Phase gestört werden, auf jeden Fall Schlaf nachholen müssen, um auf das für sie optimale Quantum zu kommen. Wobei die mögliche Skala äußerer Störungen faktisch unendlich ist, vom Hupton eines Autos bis zur plötz-lichen Verschiebung des Kopfkissens des Schläfers reichen kann. Zu Panik haben die Langschläfer also kaum Grund. Jemand, der seinen Wecker zwar immer brav auf genau sieben Stunden eingestellt haben mag, sich aber nach dem Schrillen nur allzu oft unwillig umdrehte und sich „noch ein paar zusätzliche Minütchen“ gönnte, muß deshalb gewiß nicht früher sterben. Dennoch, die Forscher aus Osaka haben einen unangenehmen Stachel in die Seelen der Schläfer gesenkt, besonders der literaturbewußten unter ihnen. Denn der Lobpreis des üppigen Schlafs war in der Poesie und Philosophie der Völker bisher so groß, daß kein Forschungsprogramm dagegen anzukommen schien. Die kulturelle Tradition war stets und in allen Breiten für den „tiefsten Schlaf“, vulgo: den Langschlaf. Sie verschaffte den Schläfern stets das allerbeste Gewissen und damit ein wahrhaft gutes Ruhekissen, gerade auch den Fleißigen und Arbeitsamen, die sich ihre Zeit freilich einteilen mußten und streckenweise gar nicht zum richtigen Schlafen kamen. Um so größer ihre Sehnsucht nach Langschlaf, von dem sie sich außer Erholung auch noch Inspiration und neue Einfälle erhofften. Schon in der Bibel, in den Psalmen, lesen wir bekanntlich: „Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf“. Und bei Ovid, in seinen „Metamorphosen“: „Schlaf, du Ruhe der Welt, o Schlaf, du sanfteste Gottheit, / Friede der Seele, Verscheucher der Sorge – die Leiber, vom harten / Dienst ermüdet, verstehst du zu streicheln, zur Arbeit zu stärken“. Die Helden Homers, von denen jetzt durch den Troja-Film Wolfgang Petersens so viel die Rede ist und die in diesem Film als unermüdlich Wachende erscheinen, als Kämpfer in Dauerbewegung – sie wissen sich beim Dichter vor Schlafbedürfnis manchmal kaum zu lassen, seufzen nach Schlaf, Schlaf, nichts als Schlaf: „O der Glückliche, er lieget des nachts im Schlaf. Der läßt ihn vergessen / Alles, Gutes und Böses, sobald er die Augen umschattet“. Solches Seufzen ausgerechnet bei Soldaten, die Tag für Tag dem Tod ins Auge sehen, erinnert nun allerdings daran, daß der Lobpreis des Schlafes durch die Poesie oft auch eine fatale Seite hat, nämlich die Wollust des Todes, die er einbegreift, des endgültigen Schlafes, des Vergessens. Hypnos, der Schlaf, und Thanatos, der Tod, sind in der abendländischen Mythologie und in der ihr folgenden Poesie Brüder, Zwillingsbrüder sogar, Söhne der Nacht, welche in der Unterwelt, im Tartaros, wohnen, von wo aus Hypnos den Menschen die Träume schickt. Wer sich allzu freudig dem Hypnos vermählt, der vermählt sich auch dem Tod, manchmal ohne es zu wissen, was aber die bösen Folgen nicht von ihm abwendet. „Ich denke, einen langen Schlaf zu tun, / Denn dieser letzten Tage Qual war groß“, sagt Schillers Wallenstein, und der Schlaf, den er als Heilung von aktueller Qual ersehnt, wird wirklich sehr lang, er dauert eine Ewigkeit, geht in den Tod über. Und wir wissen nicht, ob die letzten Träume, die die REM-Phase dem Wallenstein möglicherweise noch lieferte, gute Träume oder Schreckens-, Entsetzensträume gewesen sind. Jeder stirbt für sich allein. Und eine Garantie für gute Träume gibt es nicht, dafür sorgt Hypnos als typischer Sohn der Nyx, der Nacht, einer überwiegend bösen Göttin, die auch für Lüge, Verdunkelung und Täuschung steht. Glücklicherweise neigen die meisten Langschläfer nicht zu dräuenden Nachtgedanken. Und sie finden Trost und Unterstützung bei dem Philosophen Schopenhauer, der in seinen „Aphorismen zur Lebensweisheit“ sehr genau über das Verhältnis von Langschlaf und Tod nachgedacht hat. „Der Schlaf“, schreibt er, „borgt vom Tod zur Aufrechterhaltung des Lebens, oder: er ist der einstweilige Zins des Todes, welcher selbst die Kapitalabzahlung ist. Diese wird um so später eingefordert, je reichlicher und regelmäßiger der Zins bezahlt worden.“ Für empfindliche Ohren klingt das vielleicht ein bißchen sehr neoliberal. Schlaf ist doch kein Börsengang. Aber in der Diskussion um das richtige Schlafquantum liefert Schopenhauer das richtigen Argument. Reichlicher und regelmäßiger Schlaf sind die Voraussetzungen eines langen, gesunden Lebens. Die Schlafforscher von Osaka werden es bestätigen.

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