Superwahljahr

 

Wohltuend

Seit nunmehr einem halben Jahrhundert schmettert Loretta Lynn ihre Country-und-Western-Hits, daß es eine Wonne wäre, handelten die Texte nicht immer wieder vom Elend eines Frauenlebens im US-amerikanischen Süden. Schon 1953 hatte die gerade 18jährige Mutter von vier Kindern Mumm genug, mit ihrer für die kalifornische Plattenfirma Zero aufgenommenen ersten Platte „Honky Tonk Girl“ von einem kleinen Radiosender zum nächsten zu tingeln. Hängen blieb sie schließlich in Nashville, wo ihr 1960 zum ersten Mal die Ehre zuteil wurde, in der Grand Ole Opry aufzutreten. Seither zählt sie dank epischer Stücke wie „Fist City“ und „You Ain’t Woman Enough“ zu den Königinnen der Country-Musik, schreckte aber in „Rated-X“ und „The Pill“ auch vor feministischen Äußerungen nicht zurück, die ihrem Publikum schräg in den Ohren klingen mußten. 1980 spielte Sissy Spacek sie als Titelheldin in Michael Apteds Film „Nashville Lady“. Jetzt ist der auf die Siebzig zugehenden Urgroßmutter noch einmal ein großer Wurf gelungen. Ihr neuestes Album „Van Lear Rose“ entstand in Zusammenarbeit mit Jack White vom Detroiter Erfolgsduo The White Stripes, der mit seinen 28 Lenzen mindestens ihr Enkel sein könnte und aus einer nicht weniger, aber auf ganz andere Weise harten Welt kommt. Die Platte wurde auf Lynns „Double L“-Ranch in Tennessee aufgenommen und kombiniert Country mit einem Hauch von Rock’n‘ Roll. Ein eklektisches, von White handverlesenes Quintett aus Dave Feeny von Goober and the Peas, Jack Lawrence und Patrick Keeler von The Greenhornes und dem Cajun-Fiedler Dirk Powell, die hier als The Do Whaters auftreten („Weil sie loslegten und spielten, was immer – whatever – wir brauchten“, so Lynn), verleiht dem Album einen besonderen Pfiff und Schliff, eine Frische, an der es Lynns vorherigen Werken manchmal mangelte. „Van Lear Rose“ hebt ganz sachte an: Eine Stahlgitarre begleitet Lynns Stimme, die wohltut wie Honig, durch das Titelstück, in dem ein Fremder in ein ödes Bergbaunest kommt und dem schönsten Mädchen den Kopf verdreht. „Portland, Oregon“ beginnt mit psychedelischen Bluesklängen, als versuchten die Electric Prunes sich als Country-und Western-Band, und erreicht ein krachendes Crescendo, bevor Lynn ihr viel zu kurzes Duett mit White anstimmt, in dem es um Suff und Liebe in den „Honkytonks“ geht, den anrüchigen Kaschemmen am Straßenrand. Mit „Family Tree“ und „Mrs. Leroy Brown“ betritt Lynn vertrautes Gelände: Countryrock-Nummern, die wie kleine Sittengemälde von der Ehe mit Taugenichtsen und der Konfrontation mit der unvermeidlichen „anderen Frau“ handeln. Dazwischen folgen ein Rockabilly-Stück, „Have Mercy“, das Lynn mit einer Stimmgewalt singt, die Wanda Jackson vor Neid erblassen ließe, und das launige „High On A Mountain Top“, in dem Powells Fiedel zu ihrem vollen Recht kommt. Ein behutsam von White orchestriertes Liedgedicht, „Little Red Shoes“, vertont eine Kindheitserinnerung Lynns. Die Tragik dieser Geschichte über bitterste Armut erschließt sich erst nach mehrmaligem Hören. Im letzten Stück, „Story of My Life“, läßt Lynn die kleinen und großen Freuden und Leiden Revue passieren, die ihr mit ihrem Mann und sechs Kindern beschert waren – ein wahrhaft krönender Abschluß dieses sehr persönlichen Albums, dessen dreizehn Lieder alle aus Lynns eigener Feder stammen. Einmal mehr hat sie ihren Rang als First Lady der Country-Musik verteidigt. „Not bad for a Kentucky Girl“, wie sie selber singt, und man kann ihr nur zustimmen: Ganz und gar nicht schlecht für die Tochter eines Bergbauarbeiters aus Butcher Hollow!

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