Wille zur Autonomie

Dem jungen Gabin fiel Unterordnung schwer. Als Schüler floh der am 17. Mai 1904 in Paris geborene Jean Alex Gabin Moncorgé aus dem Gymnasium und schlug sich als Bauarbeiter und Lagerverwalter durch. Nach seinem Dienst in der Marine engagierte ihn der Direktor der Folies Bergeres. Mit der Mistinguett, Simone Simon und Maurice Chevalier sang und spielte Gabin unter anderem im „Moulin Rouge“. Mitte der dreißiger Jahre entdeckte ihn der Filmregisseur Jean Renoir. „Nachtasyl“ (1936) wurde sein erster großer Erfolg. Im gleichen Jahr spielte er in Julien Duvuviers „Pépé le Moko“ einen aus Paris geflüchteten Gangster, der in der Kasbah von Algier zum König der Unterwelt aufsteigt. Marcel Carnés Meisterwerk „Hafen im Nebel“ (1938), die Geschichte des desertierten Soldaten und des elternlosen Mädchens, die für eine kurze Nacht einen festen Punkt in ihrem Dasein finden, geriet zu einem tragischen Filmgedicht über die sinnlose Grausamkeit des Lebens und die ewige Einsamkeit des Menschen. „Der Tag bricht an“ (1939) zeigt Carnés scharfen Blick für psychologische Schattierungen. Auch hier erlebt der Zuschauer die Gestaltung großer Poesie aus dem Skeptizismus, aus der Hoffnungslosigkeit und Lebensverneinung. Zu Gabins wichtigsten Filmen der vierziger Jahre gehört Carnés „Hafen der Verlockung“ nach dem gleichnamigen Roman von Georges Simenon. Unter der Regie von Max Ophüls drehte er 1951 „Pläsier“ nach Guy de Maupassant und 1954 wieder mit Jean Renoir „French Can-Can“. Sein großes komödiantisches Talent bewies er in Filmen wie Gilles Grangiers „Im Kittchen ist kein Zimmer frei“ (1958), Jean Delannoys „Ein Herr ohne Kleingeld“ (1960) oder Henri Verneuls „Ein Affe im Winter“ (1962). Immer wieder kehrte er jedoch zum Gangsterfilm zurück. Die Faszination Gabins in diesen Rollen liegt in der Mythologie des Außenseiters. Die instinktive, vitale Revolte gegen die alltäglichen Zwänge, die zur Routine gewordenen Aktionen des alternden Verbrechers, in dessen Lebensweise durchaus Spuren einer antibürgerlichen Utopie zu finden sind: Gerade in den Filmen der fünfziger und sechziger Jahre ist Gabin ein verwitterter Individualist, der zwar zögernd und zunächst unwillig, dann aber bis zur letzten Konsequenz bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Eine andere Paraderolle war die des Clochards, der seine Freiheit gegen alle Anfechtungen zu verteidigen weiß. Wenn er sich im Verlauf seiner Entwicklung auch vom Anarchisten zum Patriarchen wandelte, so blieb er sich doch treu in seinem unabdingbaren Willen zur Autonomie, der Clochard- und Gangster-Existenz gleichermaßen als eine nahezu philosophische Lebensweise kennzeichnet, durch die man sich der Fremdbestimmung entzieht. Vom intellektuellen Kino, von Godard oder Resnai hielt er nicht viel, und Truffaut lehnte es ab, mit ihm zu drehen. Politisch stand er sowohl dem rechten Anarchismus Marcel Aymés als auch dem linken Anarchismus Claude Autant-Laras nahe, und das allgemeine Wahlrecht hielt der entschiedene Anhänger der Todesstrafe für „ausgekochten Blödsinn“. Michel Audiard bezeichnete Gabin als einen „Mann der Linken, dem die Linke schließlich die Ideen der Rechten eingebleut hat“. Noch nie habe er einen Menschen kennengelernt, der die Politiker so sehr verachte. Am 15. November 1976 starb Jean Gabin im Alter von 72 Jahren in Paris. Seine Asche wurde – wie er es sich gewünscht hatte – ins Meer gestreut.

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