Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Wilhelminische Wegbereiter

Die Erforschung der Genese des Dritten Reiches dürfe nicht mit der Gründung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) beginnen, sondern müsse deren ideologische und organisatorische Vorläufer einbeziehen. Es gehe also darum, die Wurzeln des „antidemokratischen Elitedenkens, der Volksgemeinschaftsideologie, rassistischen Denkens und des Antisemitismus“, die im Kaiserreich lägen, bis zu seinen Ursprüngen im späten 19. Jahrhundert zurückzuverfolgen. Der Hamburger Archivar Rainer Hering, der diese Vorgabe für seine Habilitationsschrift über den 1890 gegründeten, 1939 verbotenen und aufgelösten Alldeutschen Verband (AV) formuliert, nimmt zugleich eine geschichtspolitische Standortbestimmung vor: Huldigt er doch damit dem „Kontinuitäts“-Paradigma der Schule Fritz Fischers, der zufolge die deutschen Eliten 1914 wie 1939 zwei Mal aus ähnlichen Motiven den „Griff nach der Weltmacht“ riskiert hätten, so daß kein Raum für Ernst Noltes Interpretationsmodell bleibe, wonach der Nationalsozialismus nicht aus wilhelminischen Vorläufern sondern primär als Reaktion auf die Machtergreifung des Bolschewismus zu erklären sei. Leider gewinnen die Materialmassen, die Hering durcharbeitet, um sie zu präsentieren als „Baustein zur Beantwortung der Frage, wie es 1933 zur Machtübertragung an die Nationalsozialisten und ihrer weitgehenden Akzeptanz während des ‚Dritten Reiches‘ kommen konnte“, nur im engen Rahmen der Schablonen Fischers eine gewisse Stringenz. Allein die Tatsache, daß die Alldeutschen seit 1933 als staatsfeindliche „Reaktionäre“ beargwöhnt und ihre Organisation 1939 verboten wurde, nährt Zweifel an der These von der ideologischen Kongruenz und der daraus abgeleiteten, in der jüngeren Forschung geradezu gebetsmühlenartig wiederholten Behauptung einer alldeutschen „geistigen Wegbereitung“ des Nationalsozialismus. Obwohl Hering sieht, daß sich hier etwas nicht in sein Schema fügt, kann er der Versuchung nicht widerstehen, ausgerechnet auf einen Konkret-Pamphletisten zurückzugreifen, der 1999 zum 60jährigen Verbots-„Jubiläum“ unbekümmert die Ansicht vertrat, der Mohr – die Alldeutschen -, der seine Schuldigkeit getan habe, mußte halt gehen. So einfach war es denn wohl doch nicht, zumal aus diesem Milieu nicht nur Ewald von Kleist-Schmenzin und Kurt Freiherr von Forstner, sondern etwa auch Siegfried Wagner, der „Bundeskanzler“ des Stahlhelm, oder der Völkische Reinhold Wulle, die Hering nur in anderen Kontexten erwähnt, den Weg in den Widerstand gegen die NS-Herrschaft fanden. Leicht lassen sich die Bruchstellen vermehren. Dazu zählt die starke geopolitische Fixierung der Alldeutschen auf kolonial-überseeische Expansion, die nicht paßt zu Hitlers Strategie, „Lebensraum“ ausschließlich im slawischen Osten zu akquirieren. Ebenso beachtlich ist zwar die von Hering erkannte und gebührend herausgestellte, aber nicht erklärte Tatsache, daß bei den Alldeutschen vor 1914 antijüdische Ideologeme eine eher untergeordnete Rolle spielten. Und daß dieser elitäre Honoratiorenverein kaum Wert auf „Volksgemeinschaft“ legte, ist ebenso evident. Mit der „Kontinuität“ scheint es also doch zu hapern. Ungeachtet dessen fällt es natürlich nicht schwer, Hering zu konzedieren, daß der Alldeutsche Verband und weltanschaulich verwandte Organisationen wie der Deutsche Ostmarkenverein, der Deutsche Flotten- oder der Deutsche Wehrverein Denkmuster, politische Dispositionen und letztlich auch Verhaltensformen geformt haben. Ebenso wenig ist zu bestreiten, daß im AV eine „Kernorganisation des Radikalnationalismus“, eine „Art Holding im Geflecht der vielen radikal-nationalistischen Organisationen“ entstanden war. Doch das sind keine neue Einsichten. Nicht zufällig zitiert Hering hier Thomas Nipperdey, der in den achtziger Jahren dafür bereits auf ein Dutzend Spezialstudien zurückgreifen konnte. Seit 1954 liegt im übrigen die umfangreiche Monographie von Alfred Kruck vor, dem Hering nur vorhalten kann, die „Kontinuität“ zum Nationalsozialismus unterschlagen zu haben und „parteilich“ gewesen zu sein. Gerade mit dem „Kontinuitäts“-Nachweis hat aber Hering die erwähnten Probleme, und in punkto Parteilichkeit sollte sich jemand lieber bedeckt halten, der in zahllosen Anmerkungen signalisiert, daß Frankfurter Rundschau und taz seine bevorzugten täglichen Informationsquellen sind, der sich überdies nicht scheut, zur Beurteilung Heinrich von Treitschkes eine Auslassung Klaus Happrechts aus der Süddeutschen Zeitung anzubieten und der, inmitten der publizistischen Monokultur Hamburgs, allen Ernstes behauptet, in der tropisch blühenden Zeitungs- und Zeitschriftenlandschaft der Wilhelminischen Ära sei es „nicht liberal, geschweige denn pluralistisch“ zugegangen. Solcherlei mag man dem Verfasser vor dem Hintergrund seiner hanseatisch-akademischen Sozialisation schon deshalb gerne nachsehen, weil eine Kritik an seinen ideologischen Voreingenommenheiten vom Hauptvorwurf ablenken würde, den man Hering machen muß: die Forschung nicht vorangebracht zu haben. Neu ist an seiner dickleibigen Studie das hundertseitige Kapitel über die Hamburger Ortsgruppe des AV, aber auch hier geht die Darstellung im Vergleich mit der älteren Forschung eher in die Breite als in die Tiefe. Wie auch sonst vermehrt Hering die Zahl der Belege zur Dokumentierung weltanschaulicher Grundpositionen des AV, ohne dafür originelle neue Deutungen anzubieten. Als wenig hilfreich erweisen sich auch seine einführenden Bemerkungen, die – obwohl sicher methodologisch innovativ gemeint – nur den hochmodischen Diskurs über den konstruierten Charakter des Nationalen repetieren. Was bleibt? Immerhin noch die bislang beste Materialsammlung über den Alldeutschen Verband, eine positivistisch wohl kaum mehr zu übertreffende, sozialhistorisch unterfütterte Dokumentation über ein Segment politischer Ideengeschichte, dessen Exponenten bereits in Armin Mohlers Handbuch über die „Konservative Revolution“ bio-bibliographisch umfassend berücksichtigt wurden. Dieses Lob für den Dokumentaristen Hering gilt allerdings nur mit Einschränkung. Denn als Zitatenschatz steht sein Opus seit 1999, als Michel Korinmans Wälzer über den „Pangermanismus“ erschien, im internationalen Vergleich nicht konkurrenzlos da. Daß Hering die, wie er anmerkt, drei Jahre vor der Drucklegung des eigenen Werkes in einem bekannten Pariser Verlag veröffentlichte Monographie Korinmans erst „nach Abschluß des Manuskripts zugänglich“ gewesen sei, erregt jedoch ungläubiges Erstaunen. Foto: Huldigung Bismarcks (r.) von „Alldeutschen“, Friedrichsruh 1895: Elitärer Honoratiorenverein Rainer Hering: Konstruierte Nation. Der Alldeutsche Verband 1890 bis 1939. Christians Verlag, Hamburg 2003, gebunden, 600 Seiten, Abbildungen, 34,80 Euro

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles