Wer viel streicht, will auch viel einstreichen

Ein geradezu dröhnender Seufzer der Erleichterung geht durch die Orchesterwelt. Die Streicher des Bonner Beethoven-Orchesters haben ihre Klage (JF 20/04) vor dem Arbeitsgericht wegen angeblich finanzieller Benachteiligung im Vergleich zu ihren Bläserkollegen überraschend zurückgenommen. Sie wollen nun nicht mehr gerichtlich fixiert wissen, daß sie, die Streicher, eigentlich viel mehr verdienen müßten als die Bläser, weil diese ja in den allermeisten Konzerten „viel weniger zu tun“ hätten als sie. Das Aufatmen allerorten ist, wie gesagt, groß. Was für Perspektiven hätten sich denn aufgetan, wären die Bonner Streicher stur geblieben und hätten vielleicht sogar recht bekommen! Die Violinen hätten dann wohl bald gegen die Kontrabässe geklagt, die Oboen gegen die Fagotte, die Posaunen gegen die Piccoloflöten. Aber lassen sich Töne rein quantitativ gegeneinander verrechnen? Regiert jetzt etwa eine musikalische Tonnenideologie, wo die Gehälter und Zulagen nur noch nach dem festgelegt werden, was rein massenmäßig aus den Instrumenten herauskommt? Gewiß, es gibt Partituren, in denen zumindest der Schlagzeuger materiell privilegiert erscheint. Er sieht erfreut: Er kommt erst ab Takt 123 zum Einsatz, und dann auch nur für wenige Augenblicke. Danach kann er wieder in die Kantine zurückkehren und dort in aller Gemütlichkeit ein Bier trinken, während sich die Kollegen von der Violine weiter im Schweiße ihres Angesichts abrackern müssen, und zwar ohne Zulage und Sonderprämie. Ungerecht ist diese Welt. Wenn der Dirigent auf strikte Anwesenheit insistiert, muß der Schlagzeuger, ohne auch nur einen einzigen Finger rühren zu dürfen, das ganze Konzert über wie ein Ölgötze hinter seinen Instrumenten verharren, während sich die Kollegen munter austoben. Das ist auch nicht gerade das Gelbe vom Ei. Doch was tut man nicht alles für die Kunst, vor allem wenn sie gut bezahlt wird.

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