Verloren wird zu Hause

Vier Jahre zurück, 20. Juni 2000, das Feyenoord-Stadion in Rotterdam. Es ist 22.41 Uhr, und elf deprimierte Gestalten in den schwarz-weißen Leibchen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft schleichen sich gemeinsam mit ihrem Anführer, einem phlegmatisch dreinschauenden, graumelierten Krawattenträger, deprimiert in die Kabinen zurück, aus denen sie knapp zwei Stunden zuvor in der selbstverständlichen Erwartung eines Erfolgserlebnisses aufgelaufen waren. Sie wissen, daß sie Geschichte geschrieben haben, gerade weil dieses ausgeblieben ist. Soeben sind sie mit 0:3 von einer in allen Belangen überlegenen portugiesischen Auswahl vom Feld gefegt worden. Ein einziges Tor haben sie in den zurückliegenden drei Partien der Europameisterschaft erzielt und mit diesem auch nur ein einziges schmeichelhaftes Pünktchen gegen glücklose Rumänen herausgeholt. Mehr als der letzte Gruppenplatz sollte durch eine solche Leistung nicht zu erreichen sein. Man ist ausgeschieden. Schon in der Vorrunde. Noch nie zuvor, so bilanziert eine in ihrer Ehre verletzte Öffentlichkeit daheim, mußte eine DFB-Auswahl auf einem Turnier dieser Art so früh die Koffer packen. Man verlangt grausame Bestrafung der Versager – und erhält Genugtuung. Ein Schock Nationalspieler nimmt seinen Abschied, scheinbar froh, diese Bürde loszusein. Lothar Matthäus macht sein Versprechen wahr und zieht sich endlich aufs Altenteil zurück, statt sich schon wieder einem Neuaufbau zur Verfügung zu stellen. Erich Ribbeck, eher als Gentleman denn als Respektsperson angesehen und von seinem Amtsantritt an als Notnagel verschrien, sagt als Übungsleiter der DFB-Auswahl Adieu. Mit Christoph Daum als designiertem Nachfolger und den furchtbar vielen Nachwuchstalenten, die man alle nur noch entdecken und aufbauen müsse, werde man allmählich schon wieder an die großen Zeiten anknüpfen können: Begleitet von diesem notdürftigen Trost taucht der deutsche Fußball in die Sommerpause des Jahres 2000 ab. Die halbherzigen Hoffnungen gingen bekanntermaßen nicht auf. Christoph Daum blieb der Nationalmannschaft erspart, und aus dem ursprünglich bloß zur Überbrückung installierten Rudi Völler wurde eine Dauerlösung auf der Trainerbank. Er baute seine neue Mannschaft um den Kern jener, die in Rotterdam gedemütigt worden war. Ein einschneidender Umbruch blieb aus, die Frequenz, mit der junge Gesichter in den Kader hinzustießen, erhöhte sich nicht. Spielerpersönlichkeiten, die sich mit der Prominenz der halbwegs relevanten Fußballnationen messen könnten, blieben aus. Die sogenannte Spielkultur kann Günter Netzer und Gerhard Delling immer noch nicht zufriedenstellen. Gegen große Gegner hat man schon längere Zeit nicht mehr gewonnen. Gegen kleine und ganz kleine tut man sich in der Regel schwer. Es gibt kaum noch ein Spiel, in das die deutsche Elf nicht als Außenseiter ginge, um so größer ist dann das Erstaunen, wenn man dann – meistens „unverdient“ – doch als Sieger den Platz verläßt. Das alles ist natürlich aus der Sicht der Zuschauer, die im Leben schon genug Niederlagen einstecken müssen, als daß sie das Versagen ihrer Repräsentanten auf dem Rasen ertragen könnten, ganz schön furchtbar. Es ist aber keine Situation, die für den deutschen Fußball gänzlich ungewohnt wäre. Bereits die Vogts-Ära bot, wenn man von dem schmeichelhaften Gewinn der Europameisterschaft 1996 absieht, keine Glanzlichter, dafür um so mehr peinliche Pleiten. Die ganzen achtzig Jahre über zeigte das DFB-Team – auch unter Beckenbauer – nur sehr selten überzeugende Leistungen. Die WM-Endspiele von 1982 und 1986 erreichte man, anders als 2002, berechtigterweise mit schlechtem Gewissen und ging, ebenfalls anders als in dem furiosen Match gegen die Brasilianer in Yokohama, sang- und klanglos unter. Im WM-Turnier von 1978 erlitt die deutsche Elf gegen Österreich die „Schmach von Cordoba“ und schied aus. 1968 schaffte man nicht einmal die Qualifikation zur Europameisterschaft. Der deutsche Fußball ist also an Debakeln mindestens ebenso reich wie an Triumphen, und man sollte erwarten können, daß die eigentlich in der Nationalmannschaftsgeschichte mehr als bloß rudimentär bewanderten Zuschauer an den Bildschirmen daher in aller Seelenruhe abwarten, bis er wieder einmal zu neuerlichen Höhenflügen ansetzt. Diese Gelassenheit vermögen sie jedoch in den vergangenen Jahren nicht mehr aufzubringen. Sie verfallen in Katastrophenstimmung und lassen sich durch Lichtblicke kaum noch aufrichten. An das Können der Akteure und den Unterhaltungswert ihres Spiels stellen sie Ansprüche, die sich im Fußball nur ausnahmsweise erfüllen lassen. Ehrfurchtsvoll blicken sie zu jedem Akteur konkurrierender Nationalmannschaften, der zwei, drei gute Partien hintereinander abliefert und einige kleine Tricks beherrscht, wie zu einem Fußballgott auf, während sie die Spieler mit dem Bundesadler auf der Brust in einer Weise geringschätzen, als wären sie kurz vor jeder Partie nach dem Zufallsprinzip auf der Straße aufgelesen worden. Die Verunsicherung der deutschen Fußballöffentlichkeit hat pathologische Züge angenommen, und sie läßt sich durch das Geschehen auf dem Rasen selbst offenbar kaum noch beeinflussen. Larmoyanz, Pessimismus und Zynismus sind die prägenden Ingredienzen der Spielkritik – der professionellen in den Medien wie der amateurhaften der Endverbraucher im Fernsehsessel. Daran trägt aber nicht der deutsche Fußball die Schuld. Nicht er befindet sich im Niedergang, sondern die Deutschen sind einer Niedergangsmentalität erlegen, die sie nun alles im Lichte des vermeintlichen Verfalls sehen läßt – auch die Nationalmannschaft. Das Mißtrauen, das sie den elf Akteuren entgegenbringen, die vor dem Anpfiff zum Lauschen der Nationalhymne angetreten sind, wurzelt in der Irritation hinsichtlich der eigenen Leistungskraft und dem Mangel an Zuversicht, es mit dieser noch zu etwas bringen zu können. Wo sie deutsche Tugenden im Spiel vermissen oder an deren Nützlichkeit im modernen Fußball zweifeln, bringen sie zum Ausdruck, daß sie den Glauben daran verloren haben, an die mentalen Stärken vergangener Generationen überhaupt noch anknüpfen oder selbst mit diesen im Konkurrenzkampf bestehen zu können. Das Lamento über das angebliche Ausbleiben qualifizierten Nachwuchses auf dem Rasen spiegelt das Entsetzen vor den Konsequenzen der demographischen Entwicklung unserer Gesellschaft wider. Die blinde Überschätzung der Ballkünste anderer Nationalelfs entspricht der von Minderwertigkeitskomplexen gekennzeichneten Selbstverortung der Deutschen in einer Welt, in der durch die sogenannte Globalisierung die Karten vermeintlich neu verteilt werden. Die Portugal-Fahrer unter Rudi Völlers Fittichen mögen sich also anstrengen, wie sie wollen: Sie werden die Stimmung daheim nicht nennenswert aufhellen können. Nicht einmal von einem Triumph bei der Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land darf man sich solches versprechen. Auch hier läßt die Fußballgeschichte übrigens nichts anderes erwarten: Es war schließlich nicht das Wunder von Bern, das die Wirtschaftswunderstimmung schuf. Es hat ihr nur einen besonders hübschen Farbtupfer verliehen.

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