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Vergeßt mir meine Traudl nicht!

Der Abspann bringt es an den Tag: Adolf Hitler ist’s nicht, Bruno Ganz ist es gewesen! Und nicht Eva Braun und Joseph Goebbels nebst Gattin, nicht Speer, Mohnke und Weidling, Keitel und Krebs, Günsche und Fegelein und all die anderen waren Ende April und Anfang Mai 1945 in, über und um den Führerbunker zugange oder schon über alle Berge – sondern Schauspieler, nur ganz gewöhnliche Schauspieler. Denn deren Konterfeis und nicht jene der Zeitpersonen, die sie vorstellen sollen, stehen im Abspann neben je einer kurzen biographischen Notiz über Weiterleben respektive Nichtweiterleben nach dem 8. Mai, 0 Uhr, als die bedingungslose Kapitulation in Kraft trat. Bruno Ganz kommt Hitler so nahe, wie der sich selber nie gekommen war. Corinna Harfouch bringt die Kinder der Magda Goebbels so einfühlsam aus dem Leben, daß der ganze Drehstab nervlich an den Rand des Nervenzusammenbruchs geraten sein soll. Ulrich Matthes schämt sich in der braunen Uniform des Reichspropagandaministers seit langer Zeit wieder einmal, Deutscher zu sein. Ulrich Noethen setzt sich gleich nach dem Sektempfang zum Führergeburtstag in Himmlers Auto und aus dem Film ab, der fette Göring steht und sitzt sowieso nur einige Male kurz im Bild und den anderen irgendwie im Weg. Es gibt vegetarische Nudeln und Kekse, Rauchverbot und heimliche Rauchpausen, Suff, Gesang und Kartenspiel. Kurz, es ist was los im Bunker, und wenn nichts los ist, dann erinnern untergründige Streicherklänge und obergründige Detonationen daran, daß hintergründig doch was los ist. Aber was da los ist, das sagt uns diesmal nicht Guido Knopp, sondern Bernd Eichinger, Produzent, Drehbuchautor und Tabubrecher von Joachim Fests Gnaden: „Ein Volk wartet auf seinen Untergang.“ Keineswegs bricht ein Tabu oder betritt künstlerisches Neuland, wer die letzten Tage im Führerbunker mit deutschen Schauspielern nachzustellen sucht. Bereits 1955 entstand „Der letzte Akt“ von G. W. Pabst. Dagegen scheint das Filmepos „Befreiung“ von Juri Oserow in Vergessenheit geraten zu sein, eine Koproduktion von Mosfilm, DEFA, ZRF Start und De Laurentiis, das 1972 sowohl in der DDR als auch in der BRD zu sehen war. Den Hitler spielte der DDR-Schauspieler Fritz Dietz, dem seine Mitwirkung in verschiedenen Filmen in ebendieser Rolle – so in der siebzehnteiligen Schmonzette „Die siebzehn Augenblicke des Frühlings“ – den Beinamen „Hitler vom Dienst“ eingebracht hatte. In den achtziger Jahren wurden am Maxim-Gorki-Theater Berlin Abend für Abend „Die letzten Tage“ des Führers in der Dramatisierung Michail Schatrows gegeben. Keineswegs auch wirkt verstörend, den authentischsten Hitler aller Zeiten seine Lippen auf die Lippen der tumben Geliebten drücken zu sehen. Eher schon verstört die Blindheit, mit der Regisseur Oliver Hirschbiegel dem Drehbuchautor Eichinger auf den Leim ging wie dieser dem Produzenten Eichinger, die sich gegenseitig in dem Glauben befestigt haben, den Markt mit einem kommerziell erfolgreichen, dokumentarisch stichhaltigen und zu guter letzt dramaturgisch schlüssigen Produkt beliefern zu können. Der Film „Der Untergang“ könnte kommerziellen Erfolg haben, ist aber dokumentarisch stichhaltig nur um den Preis dramaturgischer Schlüssigkeit und also weder das eine noch das andere ganz. Die Führungsfiguren des Dritten Reichs, insbesondere Hitler und Goebbels, haben sich immer auch als Spieler auf einer Bühne verstanden und, als sie längst ausgespielt hatten, ihren Abgang inszeniert. Darauf wurden sie in der künstlerischen Darstellung viele Jahre lang reduziert. Doch macht ihr theatralisches Auf- bzw. Abtreten sie nicht von vornherein zu dramatischen Personen und ihre Handlungen nicht dramatisch. Es ist dies die Inszenierungsfalle, die sie den Nachgeborenen gestellt haben, die denn auch reihenweise hineingetappt sind. Ihr entgeht nur, wem es gelingt, die geschichtlichen Personen nicht einfach platt schwarzweiß oder bunt abzubilden oder als professionelle Wiedergänger durch Bild und Kulisse tappen, sondern die Person hinter der Person, die Geschichte hinter der Erscheinung vortreten zu lassen – sie zu erzählen. Romuald Karmakars Rekonstruktion der dreistündigen Posener Rede Himmlers, gesprochen von Manfred Zapatka, kommt dem Menschen Himmler weit näher als Ulrich Noethen, der dessen originalen Rededuktus zu kopieren sucht. Wenn von einem Tabubruch, einer künstlerischen Zumutung zu reden ist, dann doch wohl angesichts Karmakars „Himmler-Projekt“ aus dem Jahre 2000, das dem Reichsführer SS auf Augenhöhe begegnete. Folgerichtig hat die Filmstiftung Nordrhein-Westfalen einen Antrag auf Verleihförderung für Karmakars mehrfach preisgekrönten Film abgelehnt. André Hellers und Othmar Schmiderers Protokoll des Gerichtstags, den Traudl Junge, getrieben von den Furien der Erinnerung und des Verschwindens gleichermaßen, über die „kleine Humps“ hielt, die sie einst war, insbesondere Junges ungeheuerlicher fünfundzwanzigminütiger Monolog über die letzten Tage im Führerbunker, der ohne Filmschnitt auskommt, holt den Alltag des Irrsinns und der Irrsinnigen da unten mit genau jener gespenstigen Genauigkeit ein, welche Hirschbiegels Schauspieler so angestrengt nachzuleben versuchen. All das, was ihr Hitler war und nicht war, die ganze verwartete Jugend einer Führer-Tippse, sucht man in den großen übermüdeten Augen der Alexandra Maria Lara vergebens; man findet es in Ton- und Filmsequenz aus Hellers und Schmiderers Dokumentarfilm „Im toten Winkel“ aus dem Jahre 2002, in Stimme und Gesicht der alten Traudl Junge, mit denen Hirschbiegel seinen Film eröffnet und abschließt. Indem sie die historischen Vorbilder ihrer Rollen geschmackvoll kopieren, sind Hirschbiegels Schauspieler ihnen ferner denn je. Die erborgte Authentizität entlarvt sich als blanker Kitsch! Wo sie die Leerstellen ihrer Rollen auszufüllen suchen, da greifen sie auf Stadttheaterstereotype zurück. Corinna Harfouch erhöht die kindermordende Magda Goebbels zur Medeia des Restreichs, und Juliane Köhler zieht ihre Lippen vor dem Spiegel nach, als würde sich nicht Eva Braun, sondern Maria Stuart zum Tod herrichten. Überhaupt wußte Hirschbiegel die divergierenden Herangehensweisen der Schauspieler an ihre Rollen kaum zusammenzubringen, ja, er scheint sie überhaupt nicht als für deren Zusammenspiel problematisch erkannt zu haben. Und doch gibt es innerhalb Hirschbiegels Täter-wie-Du-und-Icke-Zoo grauenvoll komische Spielsituationen und Dialoge, angesichts derer es dem Zuschauer den Atem verschlägt. Und es gibt insbesondere im Spiel der Juliane Köhler Momente, in denen aufscheint, wohin es im Ganzen hätte gehen können, Momente bedingungsloser Hingabe an den ältlichen Geliebten bei strikt eingehaltener Distanz, Momente, da gnadenlose Dummheit und Hellsichtigkeit in eins fallen. Nimmt man das Dritte Reich insgesamt als klassisches Drama, dann nehmen die letzten Tage im Führerbunker die undankbare Stelle der – nach den Worten Gustav Freytags – leicht, kurz, wie nachlässig hingeworfenen Katastrophe ein. Der Drehbuchautor hätte zwölf von tausend Jahren zu zwölf Tagen verdichten, der Regisseur im auseinanderbrechenden Gesellschaftsgefüge des Bunkers den Zusammenbruch des Reichs aufscheinen lassen und die Schauspieler noch die letzten Handlungen der Täter aus allen vorherigen begründen müssen. Doch weil das mit einem Dokumentarismus aus zweiter Hand – geliehen bei Junges Erinnerungen, Joachim Fests Buch, Hitlers Tischgesprächen – nicht einzulösen ist, weicht der Film in den 08/15-Kriegsschinken aus, der handelsübliche plots und passendes Personal, die letzten Tage von Berlin betreffend, aneinanderpappt. Es ist was los im Film, aber filmästhetisch ist gar nicht viel los. Die den überlieferten Berichten nachgestellten Bilder vermögen keine inneren Bilder heraufzuholen, und wenn sie noch so farbecht daherkommen. Vielmehr provozieren sie interessiertes Fragen, wie das denn gelungen sei, eine Speisekammer so herzurichten, daß sie als eine geplünderte Speisekammer durchgeht, eine neugeschneiderte Uniform so herzurichten, daß sie aussieht, als hätte sie die letzten Monate so wenig Seife und Bürste gesehen wie der alte Frontkämpe, der in ihr steckt. Der hat sich zu bewähren inmitten von fanatischen SS-Leuten, hinterhältigen Goldfasanen, gläubigen Pimpfen und nüchternen Ärzten. Da wird gestorben zwischen bombig ausgeleuchteten Ruinen, daß die Fetzen fliegen, da wird operiert im Lazarett unter der Reichskanzlei, daß die Eimer von Amputaten überquellen, und da wird feldgerichtet um die Reichskanzlei herum, daß die beschilderten Gehenkten nur so im Winde baumeln. Stürzt eine Gruppe Komparsen ins Bild, kann der Zuschauer drauf wetten, daß die Pyrotechnik justament eine Granate mittenmang explodieren läßt. Der Endkampf in den Ruinen von Berlin sieht einer Requisitenschlacht mit viel Theaterblut vor eindrucksvoller Kulisse zum Verwechseln ähnlich, drapiert mit Leichen und mancherlei Kriegs- und Hausgerät. Wer fragt da schon noch, warum der Film ausgerechnet in dem Moment seinen Fokus wieder auf die vergessene Traudl Junge einengt, da dem entsetzlichsten aller Untergänge jener Tage filmkünstlerisch zu begegnen gewesen wäre? Am 2. Mai, wahrscheinlich in den Morgenstunden, Hitler war bereits tot, sprengten SS-Männer den Nord-Süd-Tunnel am Kreuzungspunkt mit dem Landwehrkanal. In den Wassermassen der Spree, die sich in das Untergrundnetz ergossen, ertranken zahllose Zivilisten, die hier Zuflucht gesucht hatten. Zu der Zeit hat General Helmuth Weidling den Kapitulationsbefehl unterzeichnet und fordert persönlich die letzten kämpfenden Soldaten auf, sich zu ergeben. Das wiederum wird gezeigt. Mit Hirschbiegels und Eichingers Familienfilm läßt es sich vielleicht deshalb so gerne aushalten wie mit jeder der vorkommenden Figuren, weil sie allem und jedem Gerechtigkeit widerfahren lassen und daher nichts – keiner Sache und keinem Menschen. Alexandra Maria Lara alias Traudl Junge entkommt durch U-Bahn-Schächte in umstelltes Gelände, schlüpft unter dem lüsternen Blick eines Rotarmisten hindurch und in die Freiheit, gezogen von dem Pimpf Peter, dem ein Führer einst die Wangen tätschelte, dessen Leiche jetzt im Garten der Reichskanzlei verwest. Auf einem alten Fahrrad radelt die Frau mit dem Jungen durch unschuldige Landschaft dem Westen zu. Der Untergang liegt hinter ihr, vor ihr liegt das Wunder von Bern. Foto: Bruno Ganz in der Rolle Adolf Hitlers: Der Endkampf in den Ruinen von Berlin ähnelt einer Requisitenschlacht vor eindrucksvoller Kulisse. Der Film start bundesweit am 16. September in den Kinos.

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