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Unvollendetes vollendet

Könnte Giacomo Puccinis Oper „Turandot“ nicht auch „Liú“ heißen? Die Frage stellt sich an der Semper-Oper selbst dann, wenn eine Sängerschauspielerin von Rang die eisumgürtete Prinzessin singt. Mit ihrem Rollendebüt der Turandot hat Evelyn Herlitzius nach ihrer sensationellen Bayreuther Brünnhilde und ihrer Isolde ihren Partien eine weitere, groß dimensionierte zugefügt – und doch kann sich die wunderbar agierende wie singende Annette Dasch als Sklavin Liú beeindruckend neben der Hauptrolle plazieren. Mit Andreas Homokis Inszenierung von Puccinis unvollendeter letzter Oper hat die Sächsische Staatsoper, an der das Werk 1926 seine deutsche Uraufführung erlebte, einen außerordentlich bewegenden Abend produziert. Es liegt zu großen Teilen auch an den beiden Frauen, die völlig entgegengesetzte Prinzipien symbolisieren: hier die scheinbar kalte, männermordende Prinzessin, die darauf beharrt, daß nur der, der drei Rätsel zu lösen weiß, ihre Hand erwerben kann (ansonsten: Kopf ab), dort das liebende Mädchen, das sich aus Liebe zum Prinzen Kalaf umbringt, um nicht seinen Namen unter der Folter zu verraten. Puccini hat seine Oper nicht zu Ende komponiert, weil er ratlos war, wie aus einer kaltherzigen Prinzessin ihrerseits eine Liebende werden kann. So findet die schwierige Figur der Prinzessin in Dresden zu einer psychologisch packenden wie harten Deutung. Statt den traditionellen, nach Puccinis Tod angeklebten Happy-End zu spielen, bricht man – und auch dies dürfte so neu wie sinnvoll sein – nach pausenlosem Durchspielen die Oper an genau der Stelle ab, an der die Partitur endet. Homoki inszeniert ein unlösbares Drama. Er verweigert der schmerzhaft gebrochenen, psychotischen Prinzessin und ihrem Erlöser die Erlösung: das letzte Wort hat die junge Liú, der Rest ist Ratlosigkeit. Keine andere Lösung könnte Puccinis Realismus und seinem Ringen um die Schlußgestaltung ehrlicheren Respekt zollen. Sie vermag es auch, das Märchenspiel in eine spielerische Gegenwart zu setzen, ohne ins Banale zu verfallen. Hat man in letzter Zeit zu häufig den Einsatz von Video auf den Opernbühnen erlebt, so wird hier die Video-Schiene zur eigentlichen Geschichte. Was bei Puccini der Massenwahn, die allgemeine Lust auf Hinrichtungen (und die gelegentliche Trauer) war, wird hier zum Medienspektakel: gehetzte Menschen, Reality-TV-Shows, Fragespiele, die bunte Werbewelt, die Verlockungen der 0190er-Nummern und die bisweilen tödliche (Schein)realität der Medien-Präsenz – all das wird von Homoki und Bühnenbildner Wolfgang Gussmann dem Stoff nicht aufdringlich aufgeklebt. Mit beklemmender Authentizität verwirrt sich das Spiel von Liebe und Tod mit Hilfe der Video-Projektionen, die die schönen, kalten Augen der Turandot wie eine tödliche Warnung präsentieren. Dazwischen: die intimen Szenen zwischen der Prinzessin und ihrem Herausforderer, arrangiert als bannender Psychokrimi. Evelyn Herlitzius erfüllt die schwierige Partie mit schneidender Schärfe und Hochdruck. Carl Tanner kann in seinem schönen Dresdner Debüt den Kalaf mit der sympathischen Energie dessen erfüllen, der es ernst meint. Das gefürchtete hohe h am Ende seiner berühmten Arie „Nessun dorma“ ist nicht sehr lang, aber es kommt mit dramatischem Sinn. Neben dem phänomenalen Staatsopern-Chor profiliert sich Fabio Luisi als äußerst forscher, temposetzender Puccini-Deuter. Wie gesagt: ein ungewöhnlich bewegender, packender Abend mit einem unvollendet vollendeten Fragment. Die nächsten Aufführungen finden statt am 18. und 21. Oktober.

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