Langen Müller Josef Kraus Der deutsche Untertan

 

Unbefriedigende Erklärungsmuster

Obwohl der Film „Der Untergang“ keineswegs die aktuelle politisch-ökonomische Lage der Bundesrepublik in Szene setzt, sondern ein sechzig Jahre zurückliegendes Ereignis in bunten Bildern beschwört, erregt er einen Grad an Aufmerksamkeit, als handle er von Dingen, die uns gegenwärtig auf der Seele liegen. Für die stets den Zeitgeist umschwärmende Historikerzunft ist das ein gutes Zeichen. Denn solange das Dritte Reich derartigen Medienwirbel verursacht, solange Adolf Hitler aufmachertauglich bleibt, dürfte auch die „Vorgeschichte“ der NS-Machtergreifung zu den favorisierten Themen neuerer Geschichtsschreibung gehören. Wobei die Einschätzung dessen, was zu dieser „Vorgeschichte“ zählen soll, immer tiefer ins 19. Jahrhundert führt, um soviel deutsche Geschichte wie möglich noch in die „Kontinuität“ von Auschwitz zu pressen. Mit dem deutschen Namen dieser in Russisch-Polen liegenden Kleinstadt Oswieçim, einem Eisenbahnknotenpunkt, den jüdische Auswanderer um 1890 passierten, endet denn auch die dickleibige Arbeit des italienischen Ideen- und Sozialhistorikers Massimo Ferrari Zumbini über die Entstehung der organisierten Judenfeindschaft in Deutschland. Dabei herrscht an Büchern über die „Gründerjahre des Antisemitismus“ eigentlich kein Mangel, die fast alle genauso wie das Opus des an der Universität Viterbo lehrenden Ferrari Zumbini in den Judenfeinden von 1880 die „Wegbereiter“ der NS-Bewegung erkennen wollen. Es ist daher wenig originell, wenn der Autor auf diese Verbindung pocht und sie im Untertitel „Von der Bismarckzeit zu Hitler“ profiliert, weil er, so seine Begründung, vom „sich enthüllenden Vernichtungs-Potential des rassenideologischen Antisemitismus“ immer wieder einen Blick auf den Nationalsozialismus werfen wolle. Angesichts der guten Forschungslage kommt Ferrari Zumbinis ungemein fleißiger und stilistisch keine Leserwünsche offenlassender Arbeit jedoch nur der Rang eines Kompendiums zu, einer Zusammenfassung im wahrsten Sinne. Der Autor behandelt also noch einmal die sozioökonomische Lage der Juden im 1871 gegründeten Deutschen Kaiserreich, wendet sich erneut der „Wiederkehr der alten Anschuldigungen“ im Zuge des „Gründerkrachs“ von 1873 zu und referiert dann nochmals in zwei umfangreichen Kapiteln die ersten parteipolitischen Organisationsversuche im Fahrwasser des historiographisch vielfach traktierten „Berliner Antisemitismusstreites“ von 1879/80, in dem Heinrich von Treitschke und Theodor Mommsen publizistisch die Klingen kreuzen. Der in der Forschung fest etablierten Unterscheidung zwischen religiöser und rassenideologisch motivierter Judenfeindschaft folgend, präsentiert er den auch von Treitschke vertretenen konfessionellen Antisemitismus der christlich-sozialen Bewegung des Hofpredigers Adolf Stoecker und den „rassischen Antisemitismus“ des von Feuerbach und Marx stark geprägten radikalen Sozialisten Wilhelm Marr (1819-1904) und des 1878 nicht wegen seiner Judenfeindschaft entlassenen Berliner Privatdozenten Eugen Dühring (1833-1921). Von Marr, dessen politischer Biographie Moshe Zimmermann schon vor zwanzig Jahren eine ausführliche Arbeit gewidmet hat, und von Dühring, dessen weltanschauliche Positionen – wie Ferrari Zumbini beklagt, ohne selbst Abhilfe schaffen zu können – zuletzt 1928 eingehender untersucht wurden, führen Verbindungen zu Theodor Fritsch (1852-1933), dem „Großen Alten des deutschen Antisemitismus zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus“, dem Herausgeber eines bis 1938 in vierzig Auflagen verbreiteten „Handbuchs der Judenfrage“, das Hitlers Weltbild mitgestaltet habe. Von diesen ideologischen Eckpunkten aus steigt Ferrari Zumbini dann in die unübersichtliche, von heftigen internen Konkurrenzen gekennzeichnete Organisationsgeschichte des parteipolitischen Antisemitismus ein, schildert die Agitation vor allem des in Hessen erfolgreichen, in den Reichstag gewählten Judenfeindes Otto Böckel und verbreitert ein wenig mit eigenen Archivfunden unsere Kenntnis der „alltäglichen“ Judenfeindschaft, die ihre lokalen Schwerpunkte neben Hessen in Sachsen und im östlichen Brandenburg hatte. Nach einem Kapitel über „Nietzsche und die Antisemiten“ und einem hundert Seiten umspannenden Exkurs zur Geschichte des „Ostjudentums“ und ostjüdischer Auswanderungswellen des späten 19. Jahrhunderts schließt der Autor mit einer Auflistung der „Bindeglieder“ zwischen Marr und Hitler. Dabei reicht die Palette vom Alldeutschen Verband bis zur Thule-Gesellschaft. Man wird dem Verfasser vor allem vorwerfen müssen, daß er sich nicht konsequent am Titel seiner Arbeit orientiert und wirklich die „Wurzeln des Bösen“ aufgräbt. In Ferrari Zumbinis Darstellung scheint es für die antijüdische Bewegung jenen „reellen Grund“, auf den ein Zeitgenosse die große Resonanz der judenfeindlichen Propaganda zurückführt, gar nicht gegeben zu machen. Denn primär sieht er nur „Ängste“, „Vorurteile“, „Gespenster“, die Agitatoren wie Stoecker oder Böckel die Gefolgschaft zutreiben. Mitunter vermittelt das Werk sogar den Eindruck, als habe es einen Antisemitismus ohne Juden gegeben, die der Verfasser als historisches Subjekt nahezu eliminiert. Nur sehr zögerlich, fast gequält läßt er sich dann im Kontext des ländlichen Antisemitismus in Hessen auf das Phänomen des „Wuchers“ ein und zieht eine Untersuchung des renommierten, „kathedersozialistischen“ Vereins für Socialpolitik unter dem Titel „Der Wucher auf dem Lande“ von 1887 heran. Und damit gelingt es ihm endlich einmal, wirklich zu einer „Wurzel“ vorzustoßen, nämlich zu einem realen, keineswegs auf „Vorurteile“ reduzierbaren sozialen Konflikt, der sich aus der jüdischen Dominanz im Viehhandel und in der Agrarkreditvergabe in manchen Teilen Mittel- und Südwestdeutschlands ergeben habe sowie aus der Tatsache, daß die „Wucherpraktiken“ zwar von Antisemiten aufgebauscht worden seien, „aber keineswegs als vollkommen aus der Luft gegriffen“ gelten dürfen. Ähnlich widerstrebend auf den „harten Kern“ von Judenfeindschaft zusteuernd, räumt Ferrari Zumbini „eine nicht unbeträchtliche Beteiligung von der Organisation und Ausübung der Prostitution sowie am transatlantischen Mädchenhandel“ ein und wartet mit statistischem Material über die monopolartige Stellung „jüdischer Bordellbetreiberinnen“ in Rußland auf. Das mögen bizarre Nebenpfade sein, die da betreten werden, doch auf diesem Wege verläßt der Autor immerhin das unbefriedigende Erklärungsmuster, das stets auf „Vorurteile“ rekurriert, wo es gilt, empirisch ermittelbare soziale Gegensätze als Ursachen deutsch-jüdischer Konflikte zu ergründen. Darauf, auf die Beschäftigung mit den Realien dieser Konfliktgeschichte, verzichtet Cornelia Hecht in ihrer Tübinger Dissertation über den Antisemitismus in der Weimarer Republik fast vollständig. Eingangs ist vage von wirtschaftlich-gesellschaftlichen Verwerfungen („ökonomische Deprivationsgefühle und Neid“) als Folge der Kriegsniederlage von 1918 die Rede, als „Nährboden“ für den sich radikalisierenden Antisemitismus, doch dann operiert die Verfasserin ausschließlich mit dem „Ressentiment“. Ausgangspunkt ist dabei für sie die in der Forschung noch anzutreffende Ansicht, es habe, parallel zur üblichen Periodisierung der Geschichte Weimars, eine „entspannte“ Phase zwischen 1924 und 1929 gegeben, als sich der Antisemitismus eine Pause gönnte. Hier kommt Hecht zumindest das Verdienst zu, statt dessen einen fest im Alltagsleben etablierten, zu keiner Zeit deeskalierten Antisemitismus aufgezeigt zu haben, in seinen Erscheinungsformen: der gewaltsamen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen. Ohne sich mit Erklärungen auch nur eine Seite lang aufzuhalten, zeigt Hecht, gestützt auf Akten, aber vor allem auf die Berichterstattung der deutsch-jüdischen Presse, und leider allzu oft mit der einschläfernden Nüchternheit von Polizeiberichten, das ganze Ausmaß der „reichsweit“ zu registrierenden alltäglichen Übergriffe, der verbalen Herabsetzungen, Pöbeleien, tätlichen Angriffe und organisierten Attacken auf. Was nach der Lektüre dieser Unzahl von Einzelfallschilderungen haften bleibt, ist der Eindruck von einer Gesellschaft, in der Gewalt, auch im Umgang zwischen Nichtjuden, die „Normalität“ war. Ob dadurch die Hemmschwelle für die Entwicklung nach 1933 schon lange vor der NS-Machtergreifung hinreichend herabgesetzt war, ist eine Frage, die positiv zu beantworten das Resultat dieses Einblicks in die deutsche „Lebenswelt“ zumindest nahelegt. Foto: Heinrich von Treitschke vor Berliner Studenten (1879): Prediger konfessioneller Judenfeindschaft Massimo Ferrari Zumbini: Die Wurzeln des Bösen. Gründerjahre des Antisemitismus: Von der Bismarckzeit zu Hitler. Verlag Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 2003, 774 seiten, gebunden, Leinen, 49 Euro Cornelia Hecht: Deutsche Juden und Antisemitismus in der Weimarer Republik. Verlag J.H.W. Dietz, Bonn 2003, 428 Seiten, gebunden, 32 Euro

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