Um des Geldes willen

Brüssel schafft Arbeitsplätze. Oder sichert sie. Zumindest die neudeutsch so genannten "Jobs" derer, die nach dem Schulabschluß dem pfiffigen 68er-Motto folgten: Sei schlau, bleib beim Überbau. Gierig griffen Juristen und Politologen nach dem Angebot der Eurokraten, sich doch einmal Gedanken über die zukünftige Verfassung zu machen. Ebenso eifrig lassen Historiker seit langem ihre vermeintlich überholten Nationalgeschichten hinter sich, um das europäische Bewußtsein vergangenheitspolitisch zu erfinden.

Das im fünften Jahrgang federführend von dem Mainzer Historiker Heinz Duchhardt edierte "Jahrbuch für Europäische Geschichte" ist so ein Produkt jener postnationalen Mode, die wie eine ABM-Maßnahme wirkt. Der jüngste Band widmet sich dem Hauptthema "Der Europagedanke an der europäischen Peripherie". Teilweise bis ins 17. Jahrhundert wird das Verhältnis einiger außerhalb "Kerneuropas" gelegener Völker untersucht. Das Resultat ist auch dann noch ernüchternd, wenn sich die Autoren der Brüsseler Gegenwart nähern. So schildert der Kopenhagener Historiker Sebastian Olden-Jörgensen, ein EU-Befürworter, wie stark sich nach 1864 ein Sonderbewußtsein ausbildete, das auf Distanz zu den anscheinend in Dauerkonflikte und Kriege verwickelten Nachbarn "im Süden" ging. 1972, als dann die Entscheidung zum Eintritt in die EG fiel, sei das eine "reine Vernunftehe um des Geldes willen" gewesen. Das habe die Abstimmung über Maastricht im Juni 1992 bewiesen. Die Sieger von damals hätten zwar ihr Nahziel eines EU-Austritts aufgegeben, bemühten sich jetzt um "konstruktive" Opposition, doch ein Teil von ihnen habe den Anschluß an die erstarkte Bewegung der Antiglobalisten und deren "gewalttätigen Aktionsformen" gefunden.

Ähnlich sehe es, so Antonio Martins da Silva, bis heute in Portugal aus, wo das "Gefühl" eher nach einer neuen Brücke nach Übersee suche, während die Ratio den Zahlmeistern in Brüssel die brüchige Treue halte. Daß in Rußland der aus der orthodoxen Religion gespeiste Antieuropäismus, der den "Westen" mit materialistischer Dekadenz identifizierte, unter den Intellektuellen traditionell stark war, belegt einmal mehr der Aufsatz von Sergej Glebov. Wenn Ina Paul mit ihrem Rückblick auf die "Paneuropa"-Bewegung der zwanziger Jahre auch eine prima vista "positive", proeuropäische Tradition aufgräbt, belegt sie doch bei genauem Hinsehen, daß deren Europäismus eine typische Oberschichten-Ideologie war.

Heinz Duchhardt (Hrsg.): Jahrbuch für Europäische Geschichte, Band 5, R. Oldenbourg Verlag, München 2004, 264 Seiten, 39,80 Euro

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