Streiter für die Geistlichkeit

Am aktuellen Bremer Streit um Jan Kresniks schrille Seifenoper „Die Zehn Gebote“ fällt die allgemeine Verwirrung der Begriffe auf. Was ist von einer Kirchenleitung zu halten, die den bekennenden Atheisten als theatralische Axt im Walde einlädt, das liturgische Drama zu erneuern? Wie dämlich muß man sein, diese Initiative für peppig und progressiv zu halten, wie unkritisch, um sich vom ästhetischen Autonomiegequassel, Modernitätsgetue derart vorführen zu lassen, anstatt dieses einzugrenzen, wie leer schließlich, so man selbst keine Idee des Sakralen mehr hat. Auch Kresnik tut einem bloß leid. Die modernen Schockeffekte und Provokationsklischees werden bei ihm sämtlich durchgenudelt: Es gibt nacktes Fleisch, Sexszenen und Klassenkampf. Die totgelaufene Avantgarde ist also glücklich um jede letzte Tabuverletzung. So vollstreckt sie die Säkularisierung, welche auch das Widerständige noch absorbiert. Doch die profan applanierte Welt wird auch eine unfreie sein, zumal die Neosakralität der zivilreligiös-geschichtspolitischen Surrogate nur Machtverdichtung, keine Freiheitsräume schafft. Diese hatte die vormoderne Welt mit ihrem Konstruktionsschema des Heiligen und Profanen ermöglicht. Heilige Orte, Zeiten, Symbole und Gemeinschaften öffneten die menschliche Erfahrung nach dem Übernatürlichen und Unbedingten, relativierten den Druck von Zeit und Gegenwart, führten so in eine universale Dimension. Der diese Struktur verantwortet hat, die Brücke nach dem Drüben schlug, war vor allem der Mönch, der religiöse Spezialist par excellence, bereit, durch seinen radikalen „Verzicht auf Erden Teilhabe am Reich Gottes zu erlangen“ (Dinzelbacher). Seine universelle Gestalt findet sich in fast allen Religionsgemeinschaften, verkörpert er doch den vom Glauben verheißenen „neuen Menschen“. Loslösung von der Gesellschaft, Konzentration auf Gebet und Meditation, Zölibat und Verzicht auf materielle Güter kennzeichnen ihn. Im christlichen Bereich treten Mönche als „Nachfolger Christi“ in die Bahn der Urgemeinde ein, um schon „in der geschichtlichen Gegenwart eine eschatologische Gemeinschaft zu bilden“. So die Autoren im formidablen Mönchsatlas, den der Verlag Schnell & Steiner jetzt herausgebracht hat. Er komplettiert Publikationen der letzten Jahre: systematische Darstellungen wie „Zwischen Wüste und Welt. Mönchtum im Abendland“ (Kösel, 1997) oder enzyklopädische wie die „Kulturgeschichte der christlichen Orden“ (Kröner, 1997) neben zahlreichen Spezialtiteln wie aktuelle Klosterführer oder Monographien über St. Benedikt im Umkreis der großen Gedenkjahre 1980 und 1997. Der Atlas hält nun zwischen Sinndeutung („Vom Geheimnis der Mönche“, 1953), Handbuch und Bildband eine gute Mischung. Seine italienische Erstveröffentlichung (2002) wurde 13mal übersetzt, so jetzt ins Deutsche. Die Autoren sind in Historie und Byzantinistik zu Hause; der Herausgeber absolvierte die römische Gregoriana und lehrt Kirchengeschichte in Madrid. Entfaltet wird das christliche Mönchtum, lateinisches und ostkirchliches zu gleichen Teilen. Aus interkultureller Perspektive finden sich zunächst Voraussetzungen und Wurzeln breit dargestellt. Indien, antike Philosophie, die gnostischen Gemeinschaften am Beispiel Manis, altjüdische Propheten und prophetische Gemeinschaften wie die Essener sind eingehend gewürdigt, sodann der christliche Rahmen abgesteckt: die Lehren Jesu, die asketische Praxis im Neuen Testament, das Beispiel der Jünger, schließlich der Charakter der Urgemeinde. Diesem einleitenden Teil folgen die Entwicklungen des Mönchtums in Byzanz und Rom, dann dessen tausendjährige Entfaltung. Der Schlußteil spannt den zeitlichen Bogen bis zur Gegenwart. Reiches Bildmaterial, Karten und Diagramme flankieren den Text und führen den Leser durch zwei Jahrtausende. Er passiert dabei Orte und Plätze, an die sich Hauptereignisse von Glauben und Kirche knüpfen: die Wüste am Jordan, wo der Versucher erschien, das Katharinenkloster vom Sinai, der Athos, Monte Cassino, Cluny, das Höhlenkloster in Kiew, die Solowezkij-Inseln und die Dorfkirche von Taizé. Es zeigt sich: Obwohl der Mönch mit seiner Umwelt bricht, bleibt sein Schicksal verbunden mit der Geschichte der Völker, bis hin zum stalinistischen Gulag und der Zerstörung des benediktinischen Urkonvents im Zweiten Weltkrieg. Begonnen hat alles in der ägyptischen Wüste des vierten Jahrhunderts. Damals endeten die Verfolgungen: Seit 313 toleriert, wurde der christliche Glaube 391 Staatsreligion. Mithin reagiert der monastische Impuls auf Institutionalisierung und religiöse Normalität, hält den radikalen Anspruch im Glauben wach. „Das Hauptmerkmal der gesamten Einsamkeitserfahrung der Wüstenmönche besteht in der Erkenntnis, daß das Böse im Herzen der Welt selbst und im Innersten jedes Menschen vorhanden ist und daß man mit Gebet und Fasten dagegen angehen muß.“ Legendär unter den Wüstenvätern: Antonius, der noch 1.500 Jahre lang die christliche Ikonographie inspirieren sollte. Doch gab es seit Beginn nicht nur den Einsamkeit suchenden Eremiten, die „anachoretische“ Form des Mönchtums, sondern auch Gemeinschaftsbildung, das „Koinobitentum“. Zwischen diesen beiden Polen spielt dann alles mönchische Leben in West und Ost. Wesentlicher Unterschied indes: die Autonomie ostkirchlicher Klöster und ihr kontemplativer Charakter. Westlich setzt sich hingegen das Ordenssystem durch. Die aktive und weltzugewandte Grundlinie Europas teilt sich auch dem monastischen Leben mit. Dessen Charakter sehen die Autoren schon in Augustin vormodelliert: „Seine große Originalität liegt in der perfekten Symbiose zwischen Studium, Arbeit, Kontemplation und Apostolat.“ Von daher konnte das Kloster auch die „neue Funktion als kulturelles Zentrum“ übernehmen. Im Christentum sind stets zwei gegenläufige Impulse virulent geblieben: inklusiv der eine, exklusiv der andere. Von Tertullian bis zu den Evangelikalen reicht die Verwerfung von Philosophie, Kultur und außerchristlichem Traditionsgut, wohingegen Denker wie Origines oder Thomas von Aquin die Ernte der alten Welt in die Offenbarung einbrachten, durch griechisches Denken die frohe Botschaft in ein theologisch stringentes Glaubenssystem übersetzten. Dem entspricht die kulturschöpferische Tätigkeit der Mönche. So haben die Benediktiner sämtliche uns verfügbaren lateinischen Texte überliefert. Neben dem eigentlichen Studium waren die sozialen und kulturellen Aufgaben gewaltig, zumal in der noch dünnbesiedelten und kaum urbaren Landschaft des 7. und 8. Jahrhunderts, der Zeit deutscher Klostergründungen. Praxis und Anspruch läßt sich anhand des im Atlas mitgeteilten St.Galler-Klosterplans analysieren. Schule und Hospital, Landwirtschaft und Handwerksbetriebe bezeugen die mittelalterlichen Klöster als vorurbane Zentren. Bild- und Textmaterial ergänzen sich durchgängig zu einem attraktiven Lese- und Nachschlagewerk. Porträts von Ordensgründern wechseln ab mit kunsthistorischen Fragen, theologische mit der Rekonstruktion ganzer Kulturlandschaften. So im Fall des Athos, Griechenlands „heiligen Bergs“ und autonomer „Mönchsrepublik“, eine Faszination noch heute. Alle orthodoxen Kirchen, vom Band in eigenen Kapiteln präsentiert, erhielten dort ihr Nationalkloster. Besonders hat der Athos die christliche Askese in Theorie und Praxis entwickelt, den Hesychiasmus. Als „christlicher Yoga“ übt er spirituell mit „Jesusgebet“ und Atemregulierung immerwährendes Gottgedenken, um göttlicher Energien und des Tabor-Lichts teilhaft zu werden. Mönche hatten auch mit Ablehnung, gar Verfolgung zu rechnen. Pseudokritische Stereotypen haben sich da bis heute gehalten, so „Weltflüchtigkeit“ oder asketische Idiotie. Ordensleute seien „Zivilversager“, die sich mit skurriler Kasteiung um Lebensfreuden und „Selbstverwirklichung“ betrügen: Projektionen des Laien, der radikale Freiheit durch Verzicht sich gar nicht vorstellen kann. Stets endet man beim Nützlichkeitsaspekt: Der Freiraum exklusiver Gottesbesinnung bleibt ein Privileg und der sozialen Umwelt letztlich suspekt. Kirchlicher Besitz reizt Fürsten und kontemplative Sezession die bürgerliche Gesellschaft. Die Utilitätsidee spielt schon reformatorisch eine wichtige Rolle, um in der klosterkritischen Aufklärung zu eskalieren. Nach dem Kahlschlag der russischen Klosterlandschaft hob so im Westen auch Joseph II. 1781 alle kontemplativen Konvente (700) auf. Die Säkularisation (1803) besorgte den Rest, so daß es 1815 – den Autoren zufolge – nur mehr dreißig zentraleuropäische Benediktinerabteien gab. Mönchtum bewahrt und erhält sich durch Krisen und Katastrophen. Reformen und Neuansätze erweisen seine ewige Idee. Das zeigt klar das Schlußkapitel (monastischer interreligiöser Dialog), das mit Thomas Merton, Bede Griffiths und Henri Le Saux Aktivitäten exponierter christlicher Denker seit dem Vatikanum in der asiatischen Welt resümiert. Reines Herz, freier Geist, Reduktion des Gebets wurzeln in universellem Grund. Manko zum Schluß: Der Anhang läßt einige Wünsche offen. Glossar, Bibliographien, Synchronopse und Sachregister fehlen und werden schmerzlich vermißt, Vergleichstitel unverzichtbar. Foto: Griechisch-orthodoxer Mönch im Esphigmenou Kloster auf Berg Athos: Askese in Theorie und Praxis Juan Maria Laboa (Hrsg.): Mönchtum in Ost und West. Historischer Atlas. Schnell & Steiner Verlag, Regensburg 2003, 272 Seiten, gebunden, 457 farbige Abbildungen, 49,80 Euro

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles