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Skandale in der Diktatur

Früher tabuisierten Historiker „Skandale“ wegen ihrer vermeintlichen Banalität. Nun erläu­tern zehn Wissenschaftler, darunter Martin Sabrow, Stefan Wolle und Frank Bajohr, wa­rum Skandale, also Vorfälle, die öffentliches Mißfallen erregen, gerade autoritäre Regime desta­bilisieren, sofern eine „Gegenöffentlichkeit“ entsteht. Die Autoren diskutieren auch die Frage, inwieweit politische Skandale des Dritten Rei­ches und der DDR Gemeinsamkeiten aufweisen. Sabrow, stellvertretender Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam, unterscheidet staatlich inszenierte Skan­dale und spontane Unruhen. Zur ersteren Gattung zähle der Fall Ernst Röhm. Lange war die Homosexualität des SA-Führers bekannt. Dennoch nutzte das NS-Regime erst 1934 Röhms Lebenswandel als Vorwand, ihn zu beseitigen. Korruptionsaffären nationalsozialistischer Paladine erhöhten oft die moralische Integrität Hitlers, obwohl sich dieser trotz seiner beträchtlichen Einkünfte als Autor von „Mein Kampf“ für die Jahre 1933 und 1934 viel zu gering veranlagen ließ und danach das Steuernzahlen ganz einstellte. Viele Deutsche lehnten die antijüdischen Ausschreitungen vom 9. November 1938 empört ab. Allerdings gefährdete die „Reichskristallnacht“ das Regime ebensowenig wie der Schottlandflug des „Führerstellvertreters“ Rudolf Heß von 1941. Erfolgreich brandmarkte ihn Goebbels als geistesgestörten „Verrä­ter“. Der NS-Widersacher Clemens August Graf von Galen, der zwischen 1933 und 1945 leidenschaftlich gegen die menschenfeindliche Politik des NS-Regimes – insbesondere wegen der Euthanasie – predigte, konnte 1941 deren Auswüchse nur kurzfristig stoppen. „Skandale“ der DDR zeigten andere Muster. Leider wird diese Dif­ferenz nicht genügend verdeutlicht. Am ehesten ist die Selbstverbrennung des Pfarrers Oskar Brüsewitz mit Galens Protest zu vergleichen. Jedoch entsprach der Kritik an Volkspoli­zisten in dem Film „Spur der Steine“ im nationalsozialistischen Deutschland keine Parallele. Ebenso fragwürdig er­scheint es, anzunehmen, Robert Have­mann und Wolf Biermann hätten „Skandale“ in Gang gesetzt. Sollte man nicht besser von Op­position, Zivilcourage, Widerstand reden? Den Skandal-Begriff verwenden die Auto­ren oft zu schematisch. Wahlfälschungen verschlimmerten 1989 das Debakel der DDR. Dazu kam die Ent­hüllung der privilegierten Lebensweise zahlreicher SED-Größen, die sich in ihren Konsumgewohnheiten gern am Klassenfeind orientierten. Skandale besiegelten ihren Unter­gang. „Herrschaftsfreie Öffentlichkeiten“ gebe es auch in so genannten Demokratien nicht. Westli­che Ordnungen, schreiben die Autoren, kennen nur mäßigere Gerade der „Durchherr­schung“. Es wäre reizvoll, die „Skandalforschung“ auch auf Demokratien auszu­dehnen. Martin Sabrow (Hrsg.): Skandal und Diktatur. Formen öffentlicher Empörung im NS-Staat und in der DDR. Wallstein-Verlag, Göttingen 2004, 269 Seiten, gebunden, 28 Euro

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