Promis und Platitüden

Jede neu auf den Markt kommende Zeitschrift, die sich mit Politik und Kultur, Wissenschaft und Medien beschäftigt, verdient wohlwollende Aufmerksamkeit. Je vielfältiger die Presselandschaft, je breiter das Angebot, desto besser für die Leser. Ob aus dem anfänglichen Wohlwollen jedoch anhaltender Zuspruch wird und das Blatt sich auf Dauer behaupten kann, läßt sich erst nach einiger Zeit beurteilen. Als das Monatsmagazin Cicero im April zum ersten Mal am Kiosk seine Aufwartung machte (JF 15/04), hatte es bereits etliche Vorschußlorbeeren erhalten. Dazu trugen vor allem die Macher um den früheren Welt-Chefredakteur Wolfram Weimer sowie die Prominenz der Autoren bei. Die ersten Besprechungen hingegen fielen durchwachsen aus. Neben begeisterter Zustimmung gab es gnadenlose Verrisse. Spiegel-Autor Reinhard Mohr wähnte in dem Magazin eine neue „Heimstatt des Deutsch-Aufsatzes aus dem Geist der Oberprima, der elegant geheftete Leitartikel für den ganzen Monat und für alle Gelegenheiten“. Jetzt liegt die dritte Ausgabe von Cicero vor, und es ist Zeit, das eine oder andere Urteil zu überprüfen. Zunächst fällt auf, daß die Prominentendichte beibehalten werden konnte. Auch in der aktuellen Juni-Nummer schreiben größtenteils Namen, denen man schon anderswo begegnet ist; die Bandbreite reicht von Kardinal Joseph Ratzinger bis zum Ex-Bundesbank-Präsidenten Hans Tietmeyer, von den Schriftstellern Pavel Kohout, Peter Schneider und Hans Christoph Buch bis zu „Trendforscher“ Matthias Horx, von Bundes- und Landesministern wie Edelgard Bulmahn (SPD) und Ursula von der Leyen (CDU) bis zum Liedermacher Reinhard Mey, der erklärt, warum wir die deutsche Musik „schützen müssen“. Der ehemalige Bild-Chefredakteur und Kohl-Berater Hans-Hermann Tiedje spürt in einem Aufsatz der Frage „Wie rechts ist der Spiegel?“ nach. Das macht neugierig, ist das Hamburger Nachrichten- und Meinungsmagazin doch nach einem unvergessenen Augstein-Wort „im Zweifel links“. Anlaß sind Tiedje jüngste Titelgeschichten des Spiegel über die Fragwürdigkeit von Windkrafträdern oder Abgesänge auf den sozialdemokratischen „Hängemattenstaat“. Nach einigen gedanklichen Pirouetten und leidlich amüsanten Formulierungen kommt Tiedje schließlich zu dem bahnbrechenden Schluß: „Aust hat sich entschieden, sein Blatt marktgängig zu machen.“ Ach was!, möchte man da erstaunt ausrufen, das hätte man ja nun wirklich nicht gedacht, daß ein Medienmacher wie Stefan Aust sein Blatt auch verkaufen will. Von ähnlicher Güte sind die Gespräche mit Guido Westerwelle und Wolfgang Kubicki, die sich über den Kurs der FDP verbreiten, oder mit Wolfgang Schäuble über Werte und Werteverfall („Folter ist niemals gerechtfertigt“). Richtig spannend ist das alles nicht. „Was soll das eigentlich?“ fragte Peter Boßdorf vor zwei Monaten an dieser Stelle, „wozu das ganze?“ Die Fragen stehen auch nach der dritten Ausgabe immer noch unbeantwortet im Raum. Anschrift: Cicero, Berliner Str. 89, 14467 Potsdam. Das Einzelheft kostet 7 Euro, das Jahresabonnement 75 Euro. Internet: www.cicero.de

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