Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Philosophie als Gottesdienst

Schwer wiegt der mentale Weg, den Europa seit dem Mittelalter einschlug und der Glauben und Wissen als zwei prinzipiell differenter Wahrheiten voneinander schied. Dieser Dualismus, Grundfigur späterer Entzweiungen, brachte das moderne, dezentrierte Wissenssystem hervor, in welchem „empirische“ und „kritische“ Reflexion die lebendige Idee selbst zum Verschwinden bringt, Metaempirisches negiert wird. Derweil der Glaube degenerierte zu irrationaler Neurose und privater Beliebigkeit, zu Sinnfragment und Trostfunktion, eroberten die „sich selbst regulierenden“ Systeme der Wissenschaft, Technik und Ökonomie die Welt – „grenzenlos“, nicht zurückgehalten von einer humanen Mitte noch transzendenten Norm. Die strukturell säkularisierte, nicht mehr als Einheit denkbare und auf einen Gott beziehbare Welt machte auch nicht halt vor der Philosophie. Deren Selbstdestruktion als Metaphysik und Wendung zur Wissenschaftstheorie macht die Gottesfrage überflüssig. „So fällt Religion und Philosophie in eins zusammen“, schrieb damals Hegel, „die Philosophie ist in der Tat Gottesdienst“. Einer Ratio, die Erkenntnis bloß mit endlicher Erfahrung identifiziere und sich in „falscher Demut“ ergehe, rief er zu, der Gegensatz von Endlichem und Unendlichem sei nur ein „Schreckbild“: „Wer dieses Phantoms sich nicht entschlägt, der versenkt sich in die Eitelkeit: denn er setzt das Göttliche als die Ohnmacht, zu sich selbst kommen zu können, während er seine eigene Subjektivität festhält und aus dieser die Ohnmächtigkeit des Erkennens versichert.“ Wirkliche Erkenntnis ist ein Ereignis des Absoluten selbst. Doch weder Schelling noch Hegel, die nachfolgende Generation der Jungdeutschen mit ihrem Positivismus und Atheismus zementierten das moderne Weltbild. Die Entzauberung dieser Ideologien im zwanzigsten Jahrhundert, das Scheitern der totalitären Versuchung, schließlich die Wende zur „postsäkularen“ Situation ermöglicht nun wieder Fragen, die lang tabu waren. Bedeutsam zumal dann, wenn diese sich nicht fachphilosophisch isolieren, vielmehr einem breiten Publikum zuwenden. Das ist der Fall der hier anzuzeigenden Bücher, die alle vier die Gottesfrage umkreisen. „Das Bemühen des Wissenschaftlers“, schreibt Christina Reemts, „muß dahin gehen, Heilige Schrift, Weltwirklichkeit und menschliches Philosophieren miteinander zu verbinden.“ Das geschieht hier nun ganz unterschiedlich. Der Münchner Politphilosoph Hans-Martin Schönherr-Mann macht mit seiner Rekonstruktion plausibel, „daß sich gerade die spannendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts gegenüber religiösen Fragen öffnen: Sie vertreten in zentralen Bereichen (…) die fortgeschrittensten Ideen und interessieren sich gleichzeitig für die Religion.“ Moderne Krisis selbst provoziere diese Suchbewegung, freilich sei dabei der Gott der Tradition nicht einfach restituierbar. So hat man die Moderne auch den „spekulativen Karfreitag“ genannt, „der sonst historisch war“ (Hegel). Die Reihe der paradigmatischen Positionen, vom Autor gut profiliert und griffig dargestellt, beginnt mit Nietzsches Diagnose vom „Tode Gottes“, worin der Pascalsche Schwindel eskaliert. Es folgen: Kierkegaards Sprung, William James‘ Wende vom radikalen Empirismus zur pragmatischen „Vielfalt religiöser Erfahrung“, Bergsons Entdeckung des „Élan vital“, Whiteheads synergetische Kosmologie als Gott-Mensch-Ereignis, Voegelins Totalitarismus-Kritik als Idee ewiger Ordnung, Gabriel Marcels „zerbrochene Welt“ und „metaphysische Teilhabe“ und die Verweltlichung Gottes in Lévinas‘ Verantwortungsethik, schließlich: Max Weber, Jaspers, Heidegger und Ricœur. Der Schlußteil fragt, ob im Heute – transistorische Dynamis „ohne stabile Wesenskerne“ – „die Religion ihre Antworten“ so an die „technisch geprägte Lebenswirklichkeit anpassen kann, daß sie sich nicht völlig innerweltlich verliert“, „vielmehr ihre spirituelle Kraft wiederfindet und neu entfaltet“. Wenn jedoch der Autor letztendlich die postmoderne „Schwächung des starken Denkens“ positiv wertet, so steht ihm Wolfgang Essers metaphysische Emphase diametral entgegen. Der mit den Themen Säkularisierung, religiöse Erziehung, Identitätsbildung befaßte Religionspädagoge (Universität Dortmund) schultert, im reflexiven Kontext von Viktor Frankls „Wille zum Sinn“, den Koloß einer Rekonstruktion der Gottesidee von der Vorsokratik bis zur Gegenwart. Meisterdenkern wie Platon, Thomas oder Spinoza widmet er ganze Kapitel; deren Entwicklung des Gottesbildes ermöglicht dem Leser gleichzeitig einen systematischen Einstieg in die Grundprobleme der Metaphysik. Ideengeschichtlichem Reichtum zum Trotz besteht der Autor auf einer inneren Einheit, er faßt das Projekt unter dem Vorzeichen der „ewigen Philosophie“. Deren universelle Weisheit äußert sich subjektiv als Mystik, objektiv als kosmologische Seinsordnung, beide begründet im Prinzip der Nicht-Dualität, der das Selbst („Seelengrund“) und die Gottheit in eins fallen. Die mystischen Theologen Raimon Panikkar und Willigis Jäger flankieren den Diskurs, dem der Autor in einem gewaltigen Synthesedrang das gesamte Material einzuordnen sucht. Beste Lesefreundlichkeit garantiert dabei die typographisch reiche Gliederung, und extensives Zitieren erlaubt zum Gutteil eine Nutzung als Studienbuch. Aus fachphilosophischer Sicht sind gewisse Vorbehalte indes nicht ganz vermeidbar, indem Redundanzen nicht immer vermieden werden, beständige Verweise oft lästig fallen. Essers Talent liegt ganz im Mut zum Riesenthema und der inspirierten Zusammenschau. Die allzu glatt konstruierte Kontinuitätslinie überspielt dabei oft Brüche. Gegenläufiges à la Descartes, Kant oder Feuerbach wird einer Umarmungsstrategie geopfert, es entstehen Verzeichnungen, im harmonistischen Gewoge franst der Text an seinen Rändern argumentativ aus. So fallen die Profile der metaphysischen Dogmengeschichte unterschiedlich scharf aus. Wichtig bleibt indes die These vom überrationalen, transpersonalen „Bewußtsein der All-Einheit“ und der „transzendierenden Einheit der Religionen“. Philosophia perennis, der begriffliche Ausdruck für Traditionalismus oder Mystik, hat auch Rechten etwas zu sagen. In der globalen Welt bedarf die Kernkompetenz des Konservativen fürs Konkrete, für partikulare Lebensordnungen einer universalistischen Ergänzung. Theistischem Dualismus entgegen, erscheinen hier substantieller Gott und Trinitätsgedanke als alternativer Ideenpool zur Linken. Wichtig dabei die Möglichkeit lebendiger Integration von Einheitserfahrung und individueller Option für den konkreten religiösen Weg, im konfessionellen Rahmen der Tradition oder unabhängig von ihr. Systematische Voraussetzung dafür bleibt, Sudbrack ist zuzustimmen, der Erhalt des griechischen Erbes im Christentum, der Abweis von „Enthellenisierung“ und „biblischem Monotheismus“, also Mystik statt Prophetie. Dem kommt die ostkirchliche Tradition aus byzantinischem Ursprung entgegen. Eine faszinierende Blüte hat sie mit der russischen Religionsphilosophie hervorgebracht, die – im Sozialismus unterdrückt – in den letzten Jahren ihre intellektuelles Renaissance erfährt, artikuliert sie doch einen ganz spezifischen Beitrag Rußlands zur Weltkultur. Seit der slawophilen Frage nach der „russischen Idee“ wurden tiefgründige Theorien im Dialog mit deutscher Philosophie und den eigenen Wurzeln entwickelt. Die großartige Spekulation entfalten dann Wladimir Solowjow (1853-1900) und die ihm folgende Generation in den Jahren vor 1914, dem „Silbernen Zeitalter“ der russischen Literatur. Schande über die souveräne Ignoranz des hiesigen, gar nicht so multikulturellen Wissensbetriebs! So darf das jetzt publizierte großartige Handbuch und Studienwerk „Russische Religionsphilosophen des 20. Jahrhunderts“ des Basler Slawisten Ulrich Schmid als kleine Sensation gelten. Von systematischen Überlegungen eingerahmt, stellt der Autor 13 Denker vor. Jedes Kapitel ist dreigeteilt: Das biographische Porträt wird mit einem Schlüsseltext kombiniert, dem je eine Analyse voransteht. Bibliographie und Register schließen das Kompendium ab. Die wahrheitsemphatische russische Philosophie richtet sich stets gegen die rationalistische Generallinie des Westens, betont die Überwindung von Skepsis und kantischem Formalismus, hingegen Einbettung des Individuums in einen übergeordneten Sinnzusammenhang. Simon Frank: „Die russische Philosophie ist in einem viel höheren Grade als die westeuropäische Weltanschauungslehre, ihr Wesen und Hauptziel besteht niemals in reiner Theorie, im interesselosen Begreifen der Welt allein, sondern einer religiös-emotionalen Sinngebung der Welt.“ Lateinische und griechische Überlieferung zeigen charakteristische Unterschiede: ikonographisch, liturgisch, theologisch. Der westlichen Rationalität systematischer Worttheologie, dem Rechtfertigungsprinzip oder Kreuzesgedanken stehen österlicher Auferstehungs- und Wandlungsgedanke gegenüber, der Mysteriencharakter des Glaubens, sein kosmischer Zug und bildhafter Symbolismus, die Spiritualität in Mönchtum, Kult und Andacht. Zum gemeinsamen christlichen Erbe vor der Spaltung zählen die griechischem Väter, deren größter Origines (185-254) in der kreativen Verschmelzung von Altem Bund und Christusereignis mit dem hellenischen Denken als erster systematisch Theologie betrieben hat. Wie Clemens oder Augustin steht er gegen die „fundamentalistische“ Weigerung, antike Bildung konstruktiv zu verarbeiten. Diese Spannung zwischen Integralisten und Exklusivisten besteht bis heute. Letztere, die vermeintlich „Frommen“, sind auf dem Holzweg. Ihre eifernde „Wortgläubigkeit“ erdrosselt die lebendige Totalität des göttlichen Worts. Dessen Charakter als Mysterium und überzeitlichem Existenzdatum entspricht ein tiefgestuftes Verstehen, das den geistlichen Sinn entbindet, nicht unter historischem Schutt begräbt. Eben für diesen symbolischen Schriftsinn ist Origines berühmt. „Da Gott Geist ist, ist jede Spiritualisierung (…) eine Form von Gottesliebe und Gottesdienst.“ Und der Weg des Interpreten ein Weg zurück zu Gott. Das arbeitet eindrucksvoll Christina Reemts, Priorin der Benediktinerinnenabtei Mariendonk, in ihrer lesenswerten Einführung heraus. Ihre ebenso kompetente wie gutgeschriebene Darstellung faßt komprimiert in einem ersten Teil Zeithintergrund, Lebensstationen, Charakter, Œuvre und Quellen, Denkansatz und Nachwirkung zusammen, um dann zum zweiten in kunstvoll fingierten, sokratischen Lehrgesprächen mit Origines‘ theologischem Auge selbst zu schauen und seine Methode an der Schrift zu erproben. Der Frager nimmt dabei typische Perspektiven eines heutigen Laien ein, ein überaus fruchtbares didaktisches Prinzip. Die Allegorese des biblischen Worts wird breit entfaltet, die mehr esoterischen Aspekte des theosophischen Weltbilds treten demgegenüber zurück. Freilich nicht die zentrale (häretische) Idee einer Allversöhnung am Ende der Zeit, die dem Alexandriner die kirchliche Verurteilung 553 eintrug, wie überhaupt dieser universale erste Systematiker des Heils nicht bloß den Reichtum christlicher Wahrheit aufzeigt, sondern im Dissens mit dem Episkopat schon auf das spätere Konfliktpotential zwischen Theologie und Amtskirche verweist. Hans-Martin Schönherr-Mann: Auf der Spur des verlorenen Gottes. Herder Verlag, Freiburg 2003, 208 Seiten, kartoniert, 9,90 Euro Wolfgang Esser: Philosophische Gottsuche. Von der Antike bis heute, Kösel Verlag, München 2002, 447 Seiten, gebunden, 22,50 Euro Ulrich Schmid: Russische Religionsphilosophen des 20. Jahrhunderts, Herder Verlag, Freiburg 2003, 310 Seiten, gebunden, 24,90 Euro Christina Reemts Origines. Eine Einführung in Leben und Denken, Echter Verlag, Würzburg 2004, 168 Seiten, kartoniert, 14,80 Euro Lucas van Leyden: „Der Glaube“ und „Die Klugheit“, Kupferstiche um 1530: Gott ist nicht restituierbar

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