Neue Pfuschereien und Phantasien

Ach, das Wort, worauf am Ende / Er das wird, was er gewesen! / Ach, er läuft und bringt behende! /Wärst du doch der alte Besen! / Immer neue Güsse / Bringt er schnell herein, / Ach, und hundert Flüsse / Stürzen auf mich ein! Die Schusterjungen der Rechtschreibreform sind leider nicht einmal so reif wie Goethes „Zauberlehrling“, der wenigstens erkannte, was er angerichtet hatte. Statt dessen will die Zwischenstaatliche Kommission für deutsche Rechtschreibung mit ihrem jetzt veröffentlichten vierten Bericht die sogenannte Reform „behände“ weiterlaufen lassen. Tausende Änderungen sind geplant. Einige klassische Schreibweisen werden als „Varianten“ wieder zugelassen, neue Phantasieschreibungen kommen hinzu. Es scheint unvermeidlich, daß wieder einmal neue Schul- und Wörterbücher gedruckt werden müssen. Josef Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, klagt: „Das Prinzip der Beliebigkeit breitet sich immer mehr aus. Wir erwarten ein Machtwort von der Politik.“ Er fordert ein Moratorium und eine Untersuchung der bisherigen Auswirkungen der Reform. Anschließend müsse ein „vorsichtiger Rückbau hin zu den alten Regeln“ erfolgen. Den Rückbau gibt es schon: Der Potsdamer Linguist Peter Eisenberg, der einst aus der Rechtschreibkommission ausgetreten ist und im vergangenen Jahr als Initiator eines Kompromißvorschlages der Darmstädter Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung von sich reden machte, spricht von einer „partiellen Rücknahme der Reform“, die der vierte Bericht auslöse. Auch die Empörung unter den Schriftstellern ist groß. Reiner Kunze schreibt in einem Offenen Brief: „Sollte die Kultusministerkonferenz den Empfehlungen der Amtschefkommission folgen und das Regelwerk nach den Vorgaben des vierten Berichtes als verbindlich verabschieden, würde man in einem bedeutenden Bereich des geistigen Lebens mit Verachtung strafen, was Demokratie am nötigsten hat: engagierte Zuwendung.“ Hans Magnus Enzensberger wundert sich über die Kommission: Es sei „schon merkwürdig, daß so eine Mafia überhaupt existieren kann“. Die politische Frage nach dem Umgang mit der Sprache werde „hinter verschlossenen Türen verhandelt – wie zu Metternichs Zeiten“. Monika Maron fühlt sich hingegen an DDR-Zeiten erinnert: „Wie kommt die Bürokratie denn dazu, mit ihrer üblichen Anmaßung auch noch die Sprache kontrollieren zu wollen?“ Der vierte Bericht ist so einseitig wie die vorangegangenen. Denn er enthält wichtige Ereignisse des vergangenen Jahres nicht, weil sie den Absichten der Reformer zuwiderlaufen: Er geht mit keiner Silbe auf den Kompromißvorschlag der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ein. Der Aufruf von acht Akademiepräsidenten, wieder zur klassischen Rechtschreibung zu finden (JF 49/03), bleibt ebenso unerwähnt wie die jüngsten Umfragen, nach denen sich immer noch kaum mehr als zwanzig Prozent der Bevölkerung – und die meist nur gezwungenermaßen – nach den reformierten Regeln richten. Statt dessen behaupten die Rechtschreibkommissare, ohne jedoch dafür Belege anzuführen, daß sich die Rechtschreibreform bewährt habe: „Die grundlegenden Verbesserungen im Vergleich zur alten Regelung werden allgemein anerkannt“. Eine glatte Lüge, wie der Feuilletonchef der Süddeutschen Zeitung, Thomas Steinfeld, richtig feststellt: „Die Reformer der Rechtschreibung, einst ausgezogen, um sprachlich erkennbare Bildungsunterschiede zu nivellieren, haben das Gegenteil ihres Zwecks erreicht. Der Gebildete wird den Wirren der neuen Rechtschreibung entgehen. Der weniger Gebildete ist ihnen ausgeliefert.“ Reformkritiker Theodor Ickler, Germanistik-Professor an der Universität Erlangen, schätzt die Zahl der nach dem Bericht notwendigen Änderungen im Duden auf rund 4.000. Zwei bis drei von hundert Wörterbucheinträgen seien betroffen. Der Verein für deutsche Rechtschreibung und Sprachpflege (VRS) geißelt das als „Flickschusterei und Verschlimmbesserung ohne Ende“. Obwohl die Zahl der Änderungen beträchtlich ist, sollen diese vorerst nicht in Wörterbüchern festgehalten werden. Rechtschreibkommissar Dieter Herberg behauptet: „Neue Wörterbücher sind nicht nötig.“ Nachdem sich die Kommission schon bei ihrem letzten Bericht mit einer „Toleranz-Metaregel“ blamiert hatte, wird der Weg, herkömmliche Schreibweisen als „Varianten“ wieder zuzulassen, unverdrossen weitergegangen: die Wörter alleinstehend, aufsehenerregend, zeitsparend sind wieder erlaubt. Auch das Schwarze Brett gibt es wieder. Daneben kommen auch ungebräuchliche Phantasieschreibungen hinzu, wie die Meisten, bei Weitem oder des Öfteren. Sogenannt, jedesmal oder leid tun bleiben verboten, statt dessen soll man künftig sowohl das grammatikalisch falsche Leid tun als auch leidtun schreiben können. Den größten Wirbel löste die Forderung der Kommission aus, zur letzten Instanz für Rechtschreibfragen erhoben zu werden. Die Öffentlichkeit sollte alle fünf Jahre vor vollendete Tatsachen gestellt werden. „Dieselben selbsternannten ‚Experten‘, die einst hinter verschlossenen Türen durch ein beispiellos mißratenes Reformwerk der deutschen Schriftsprache unübersehbaren Schaden zugefügt und die Einheitlichkeit zerstört haben, wollen in Zukunft nach Lust und Laune darin herumpfuschen“, beschreibt die Initiative „Wir gegen die Rechtschreibreform“ um den Verleger Matthias Dräger recht treffend das Ansinnen der Kommission. Der VRS erreichte mit einem Aufruf an die Kultusminister einen Teilerfolg: „Trennen Sie sich nicht von der Verantwortung, sondern von einem Fehler!“ Die Amtschefs der Ministerien beschlossen aufgrund des großen öffentlichen Drucks, sich der Verantwortung für die Rechtschreibreform nicht zu entledigen. Jetzt wäre es an der Zeit für den zweiten Schritt, die endgültige Erledigung des gescheiterten Reformwerks. Der VRS schlägt vor, die im kommenden Jahr ablaufende Übergangszeit zu verlängern: „In der Schule kann für die nächsten Jahre weiterhin die reformierte Rechtschreibung geduldet, aber gekennzeichnet werden, wie derzeit in umgekehrter Weise mit der herkömmlichen Rechtschreibung üblich.“ Auf diese Weise entstünden keine Kosten für neue Wörter- und Schulbücher. Die reformverhunzten Bücher könnten dann nach und nach auf dem Müllhaufen der Sprachgeschichte entsorgt werden. Der Vater der einheitlichen Rechtschreibung, Konrad Duden, wäre heuer 175 Jahre alt geworden. Kein schöneres Geburtstagsgeschenk könnten wir ihm machen, als die Einheit in der Rechtschreibung wiederherzustellen. In die Ecke, / Besen! Besen! / Seids gewesen! / Denn als Geister / Ruft euch nur, zu seinem Zwecke, / Erst hervor der alte Meister. Thomas Paulwitz ist Schriftleiter der vierteljährlich erscheinenden Zeitung „Deutsche Sprachwelt“, Postfach 1449, 91004 Erlangen

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