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Mit Nietzsche als Flaggschiff

Mit 16 Jahren rannte ich durch die Wiesen und „berauschte“ mich an Nietzsches „Zarathustra“; mit 20 guckte ich ehrfürchtig in Jacob Burckhardts „Kulturgeschichtliche Vorträge“, nach seinem Urteil über Homer und Rembrandt; mit 25 diskutierten wir im Seminar Politikberuf und Werturteilsfrage, da leistete mir Max Weber gute Dienste; mit 30 büffelte ich Knudsens Theaterhistorie und vertiefte mich fünf Jahre später in den Hegel-Band zur Staats- und Geschichtstheorie; mit 40 schließlich wurde die religiöse „Formenwelt“ wichtig und Manfred Lurkers „Wörterbuch der Symbolik“ aktuell für mich – kein banales Bildlexikon, ein tiefschürfender Leitfaden vielmehr durch Spiritualität und Mythenwelt der Kulturvölker. Endlich rezensierte ich Novitäten wie die „Hauptwerke der Soziologie“ (2000), das Koran-Lexikon (2001) oder die europäische Familiengeschichte (2003). Was die Schmöker miteinander verbindet? Es sind dies alles Titel aus dem Verlag Alfred Kröner, Stuttgart, der heuer fidel seinen 100. Geburtstag feiert. Nur wenige haben derweil deutsche Verlagslandschaft so geprägt, Kultur und Wissenschaft so mitbestimmt wie er. Die Bände der legendären Taschenausgabe sind auch heute aus dem Alltag des Kulturwissenschaftlers nicht wegzudenken. Kein Tag, an dem er nicht das „Lexikon der philosophischen Werke“, das „Sachwörterbuch der Literatur“ oder Koepfs Architekturhandbuch aufschlägt – alles in Griffnähe. Und wer denkt nicht zurück an Lektüreerlebnisse sondergleichen: mit Montaigne und Burckhardts „Weltgeschichtlichen Betrachtungen“, oder zieht nicht aus dem neuen „Handbuch der Mediengeschichte“ (2001) brisante Einsichten über die „Synergie von Markt, Macht, Medien“ im Globalisierungsprozeß! Weshalb die Anekdote? Pars pro toto! Denn: Seit vier, fünf Generationen werden nicht bloß Leser von Kröner bedient, vielmehr Menschen durch ihn sozialisiert, erfahren ein Gutteil intellektueller Prägung von diesem Verlag. Immer dabei: die handlichen, blauen Leinenbände, die seit 1908 für ein Programm stehen, das gleich einem Fels in der Brandung flüchtiger Information, populären Moden und obskuren Ideologien widersteht. Keine Kleinigkeit im Säkulum der Weltkriege, der politischen Religionen und Massenmedien. Manch einer blieb da auf der Strecke. Kröner setzte stoisch konzentriertes Wissen dagegen: eine Mischung aus sorgfältig erprobter Klassizität und intellektueller Innovation, bei akademischer Solidität stets leserfreundlich urban. Die humanistische Idee als Leitmotiv: Alle Datenfülle spitzt sich auf die Frage zu, wie Information sich umsetze in wirkliche „Resultate der Erkenntnis“. Darauf antwortet Kröners Strategie. Verlegt werden: Lexika und Handbücher; Gesamt- und Übersichtsdarstellungen ganzer Wissensgebiete, Epochen und Problemkreise; und exzellent edierte Klassiker, zumal des antiken Denkens, dann aber aus Mittelalter und Neuzeit: so die thomistische Summe, Machiavelli oder Marx. Die professionelle Texterschließung, Auswahl und Kommentar, wirkt segensreich zumal bei opulenten, abseitigen oder labyrinthischen Werken, die nur der Fachmann übersieht. Anders, nicht selektiv, mit zahlreichen Editionen gar warb der Verlag für Nietzsche. Wie Hamsun für Albert Langen oder Dostojewskij bei Piper wurde der anarchische „Umwerter“ zu einem Flaggschiff des Hauses. Die leidenschaftliche Parteinahme war auch ein Generati­onsereignis, das hier zum initialen Funken ausschlug. Alfreds bürgerlich strenger Vater, Adolf von Kröner, hatte sein Verlagsimperium auf der Cotta’schen Buchhandlung aufgebaut, dem Verlag der deutschen Klassik. Weltanschaulich, zeitdynamisch krachte es nun zwischen ihm und Sohn. Alfred Kröner faszinierten die neuen Propheten: Darwin, Haeckel und Nietzsche, dazu Linkshegelianer wie Strauß und Feuerbach. Mit dem Grundstock eines technischen und eines Architekturverlags und dem Erwerb weiterer, profilierter Sortimente wie 1910 Naumann (Nietzsche-Rechte!) oder der „Philosophisch-soziologischen Bücherei“ von Klinkhardt 1911 zog Kröner geniale Autoren an Land wie Emile Durkheim, William James oder Gustave Le Bon. So setzte der Verlag intellektuelle Marksteine im modernen Selbstverständnis: universale Analyse der Gesellschaft, pluralistische Religions- und frühe Massenpsychologie, Monismusdebatte und romantischer Antimodernismus: Er druckte Autoren, deren Thesen noch heute klassische Erklärungsmuster sind. Traditionstitel werden stets aktualisiert und neu aufgelegt Pendelte Alfred Kröner zeittypisch zwischen Abstammungslehre und amor fati des Übermenschen, so verkörperte der Schwiegersohn Wilhelm Klemm, wichtiger Exponent des Expressionismus, seit 1922 die neue Generation. Die Kulturgeschichte wurde weiter ausgebaut mit den Werken Burckhardts, den Indien-Büchern Helmuth Glasenapps oder dem Niederländer Huizinga („Herbst des Mittelalters“) – viele Werke Longseller bis heute. Unverzichtbar darunter Bände wie Robert Michels‘ „Soziologie des Parteiwesens“ (1925), die literaurkundlichen Renner Elisabeth Frenzels zu Motiven und Stoffen der Weltliteratur (1962/76) und Rudolf Simeks Standardwerk zur germanischen Mythologie (1984). Zur Sensation geriet die Veröffentlichung der Marxschen Frühschriften, der „Pariser Manuskripte“ (1932); sie entdeckten den humanistischen Marx und begründeten wesentlich die Kritische Theorie. In der NS-Zeit bedrängt und vom Krieg schwer geschädigt, zog der Verlag nach 1945 unverdrossen weiter. Mit Taschenbüchern im Wettbewerb, wurden nun Originalausgaben und Nachschlagwerke akzentuiert. „Kontinuität im Wandel“ lautet die Selbstaussage. Die trifft noch heute, verfügt Kröner doch über eine sagenhafte Backlist. Traditionstitel, stets aktualisiert, werden über Jahre hinweg neu aufgelegt (während anderswo Novitäten schon nach in bis zwei Jahren verramscht werden). Ein gutes Beispiel in diesem Jubiläumsjahr ist die Neuauflage des großen Wilpert („Autorenlexikon der Weltliteratur“, 3 Bde.), gigantisch angeschwollen auf 2.600 Seiten. Das „Große Werklexikon der Philosophie“ erscheint in wohlfeiler Sonderausgabe, brandneu dagegen eine Kulturgeschichte des Maghreb und, nicht zuletzt, „Politische Theorie der Gegenwart in Einzeldarstellungen“. Im Anhang der alten KTA spricht der Verleger selbst. „Bloße Tagesmode und unnützes Wissen“ hielt er für eitel, man konzentriere sich aufs „Wesentliche“, wolle „klare Übersichten“, bestrebt, „die Sammlung bei wohlfeilem Preise immer reichhaltiger zu gestalten“. Das läßt sich hören. Auch heute noch. Der Leser sei „auch fernerhin um Mithilfe“ gebeten – was ja wohl heißen sollte: Kauft unsere Titel und lest sie. Nun, bei dem Angebot machen auch die Leser ein gutes Geschäft. Baltasar Graciáns „Handorakel“, Ausgaben von 1910, 1938, 1951 und 1978; Lexikon der Weltliteratur (1963), Neuerscheinung 2004: Klassizität und Innovation

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