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Mit der Geschichte allein gelassen

Im Mittelpunkt des zweiten Bandes von Viktor Bruhls „Die Deutschen in Sibirien“ stehen die Deportation und Zwangsarbeit während des Zweiten Weltkrieges sowie das facettenreiche Alltagsleben der Rußlanddeutschen in den Verbannungsgebieten bis zum Exodus der jüngsten Zeit. Akribisch zeichnet der Historiker die wechselvolle Geschichte der Deutschen in Sibirien nach: anhand von Dokumenten aus Archiven, die jahrzehntelang für die Forscher geschlossen waren, persönlichen Interviews mit unmittelbaren Teilnehmern und Zeugen der tragischen Ereignisse im Leben der deutschen Bevölkerung sowie zahlreichen Statistiken aus verschiedenen Quellen. In den ersten vier Kapiteln schildert Bruhl das Schicksal der Deutschen zwischen 1941 und 1955, wobei er insbesondere auf die Folgen der Deportation und das Leben in der Sondersiedlung bis zu ihrer Aufhebung eingeht. In der Geschichtsforschung ist dieser Zeitabschnitt nach wie vor ein prekäres und heikles Thema. Bis Mitte der fünfziger Jahre waren in der Sowjetunion fünfzehn Völker und über vierzig Völkerschaften von den Deportationen betroffen. Von etwa 3,5 Millionen Menschen, die 1941 bis 1945 aus ihren angestammten Gebieten zwangsweise vertrieben wurden, machten die Deutschen insgesamt 1.209.430 Personen aus. Diese Deportationen qualifiziert Bruhl als kollektive Tat der gesamten Führung des Sowjetregimes und seiner Schergen. Der Forscher betont, daß „in keinem einzigen Fall den Deutschen glaubwürdige Beweise für ihre Schuld vorgelegt“ werden konnten. Solche Versuche hat es auch gar nicht gegeben. Das kennzeichnet das wichtigste Merkmal der Deportationen über­haupt – ihren außergerichtlichen, totalen Charakter. Nach der Verschleppung folgten Entrechtung, Not und Unterdrückung unter dem Regime der Sondersiedlung in den Verbannungsgebieten (Sibirien, Kasachstan, Mittelasien, Hoher Norden). Schwere Folgen hatte für die deutsche Volksgruppe die Einberufung der Männer und vor allem der Frauen in die Arbeitskolonnen, die praktisch den Straflagern des Gulags gleichgesetzt waren. Seine Schlußfolgerungen belegt Bruhl mit mehreren Archivdokumenten und Augenzeugenberichten. Die damaligen Deportationen und Repressalien sind in ihren Nachwirkungen bis heute spürbar, weil sie die Menschen völlig entwurzelt und ihrer Identität beraubt haben. Waren die Deutschen vor 1941 trotz der Unterdrückung wirtschaftlich und kulturell die erfolgreichste Volksgruppe unter allen nationalen Gruppen der UdSSR, so gerieten sie in der Zeit der Deportationen und Sondersiedlung in eine regelrechte Existenznot. Die totale Russifizierung der deutschen Bevölkerung wurde durch die völlige Stillegung des nationalen Kulturlebens vorangetrieben. Bruhls zweibändiges Werk (erster Band JF 37/04) unterscheidet sich wesentlich von anderen Büchern über Deutsche in Rußland und Sibirien. Bei Bruhl kommen nicht nur die politischen Ereignisse, sondern auch das Alltagsleben, die Familienbeziehungen und Identitätsprobleme zur Geltung. Neben den Arbeits- und Lebensverhältnissen der Deutschen in Arbeitslagern werden die Alters- und Geschlechtsstruktur der Sondersiedler, der Bildungsstand und die Ausübung der konfessionellen Bräuche analysiert. Wenn die kleinen Schritte zur Liberalisierung der Lage der Deutschen, die zur Befreiung von der Sondersiedlung 1955 bis 1956 führten, auch nicht im direkten Zusammenhang mit den inneren Turbulenzen des Machtkampfes in der UdSSR nach Stalins Tod standen, zeigten sie nichtsdestotrotz die ersten Einbrüche im Totalitärsystem, das die Deutschen schonungslos unterdrückt hat. Unter diesen Umständen ging es den meisten Deutschen nicht um die eigenen Identitätsprobleme, sondern um das nackte Überleben. Trotzdem weckte die formelle Rehabilitierung Hoffnungen auf Heimkehr in die Vorkriegsgebiete und förderte nachhaltig die Auswanderungsbestrebungen. Doch sowohl in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg als auch in der jüngsten sowjetischen/russischen Geschichte fehlt der politische Wille, die Lage der Rußlanddeutschen aus der Sicht der historischen Gerechtigkeit zu beurteilen und die Volksgruppe endgültig zu rehabilitieren: Mehrere Initiativen, die „deutsche Frage“ zu lösen, scheiterten immer wieder an der sowjetischen Führungsspitze. Wenn heute Forscher in Rußland über die Lage der Deutschen in der Stalinzeit nachforschen und publizieren, heißt es noch nicht, daß sie auf der Suche nach Wahrheit und Objektivität weiterkommen. Die meisten von ihnen scheitern nach wie vor an der Analyse der Folgen der Deportation und Sondersiedlung für das jüngste Schicksal der Deutschen in der UdSSR und deren Nachfolgestaaten (offizielles Verbot der Rückkehr in die Vorkriegswohngebiete bis 1972, Zerrissenheit der Familien, begrenzte Möglichkeiten der Bildung, Verlust der deutschen Sprache). Die meisten Geschichtsbeschreibungen enden vor der Zeit des „Tauwetters“ unter Chruschtschow, der Stagnation unter Breschnew und der Perestrojka unter Gorbatschow. Bruhl verzichtet auf die Distanz zur jüngsten Geschichte und hat den Mut, über Zeitabschnitte zu schreiben, die eigentlich noch nicht zur grauen Vergangenheit gehören. Damit löst er bei einigen russischen Kollegen Empörung aus: Wieso erlaubt er sich nach Ursachen für die schwerwiegenden Folgen und die dramatische Lage der Deutschen in den letzten vier Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts in etwas anderem zu suchen, als in den Schrecken der Stalinzeit? Außerdem führte das Erwachen und Erstarken des „russischen Patriotismus“ in den letzten zehn Jahren in Rußland zur Glorifizierung der Vergangenheit. Und ein Thema wie Deportationen und ihre Folgen paßt nicht in das Konzept der „Patrioten“. Das scheint auch ein Grund zu sein, warum Bruhl in letzter Zeit seltener zu wissenschaftlichen Konferenzen nach Rußland eingeladen wird. Obwohl seine Bücher und Publikationen über die Deutschen in Sibirien sehr gefragt sind, ist er für die Organisatoren von Historiker-Symposien zu „Persona non grata“ geworden. Man möchte die widerspruchsvolle Problematik der Deportationen weder vertiefen noch aus einer anderen Sicht aufarbeiten. Bruhls Buch „Die Deutschen in Sibirien“ ist aktuell, weil es auch die Problematik der Autonomiebewegung (Kampf der Deutschen für die politische Rehabilitierung und Wiederherstellung der Wolga-Republik) und der Auswanderung eingehend behandelt. Bei dem Aufbau der Deutschen Nationalkreise in Sibirien hebt der Autor besonders die Förderungsmaßnahmen der Bundesrepublik hervor. Nichtsdestotrotz, betont Bruhl, konnte die Auswanderung der Rußlanddeutschen nach Deutschland nicht aufgehalten werden. Foto: Hochzeitszug in Azovo (Westsibirien), 1996: Zarte eigene Strukturen vor der Massenauswanderung Viktor Bruhl: Die Deutschen in Sibirien. Eine hundertjährige Geschichte von der Ansiedlung bis zur Auswanderung, Band 2. Herausgegeben vom Historischen Forschungsverein der Deutschen aus Rußland e.V.. Nürnberg 2003, 540 Seiten, gebunden, 20 Euro (zu beziehen über Dr. Viktor Bruhl, Weserstraße 4, 37081 Göttingen)

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