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Mehr als ein bloßer Aufschrei

Dem Tiger sind die Zähne stumpf geworden. Der große Theaterprovokateur der alten Bundesrepublik ist handzahm und macht auch keine großen Sprünge mehr. Hans Neuenfels inszeniert an der Berliner Komischen Oper Dmitri Schostakowitschs zweite Oper „Lady Macbeth des Mzensker Landkreises“, das geniale Frühwerk eines 26jährigen ganz und gar nicht handzahmen Tigers und musikalischen Provokateurs. Was das Orchester unter der Musikalischen Leitung von Vassily Sinaisky in den fünf Zwischenspielen, welche die Handlung tragen und vorantreiben, aus dem Graben und den Proszeniumslogen zu kontrollierter Explosion bringt, das ist auch einige hundert Meter weiter östlich und westlich der Behrenstraße nicht authentischer zu bekommen. Es ist mehr als Musik aus dem Geiste Dostojewskis und Mahlers, weit mehr auch als illustrierter Geschlechtsakt, Polizeiaktion oder allgemeiner Aufschrei gegen die Schlechtigkeit der Welt und der Männer im allgemeinen, der zaristischen und stalinistischen im besonderen. Es ist Gesellschaftsdiagnose mit musikalischen Mitteln, verzweifelt und ironisch, tragisch und satirisch, zu Klang gebrachte ausweglose Welt, in der Eros und Thanatos identisch geworden sind, und es ist – ja, auch: – Appell an das Gewissen, das immer ein Mitwissen ist. Die Kaufmannsfrau Katerina Ismailowa, mit einem impotenten Ehemann verheiratet und den Nachstellungen ihres Schwiegervaters, eines Sadisten, ausgesetzt, begeht Ehebruch mit dem Gutsarbeiter Sergej. Katerina vergiftet den Schwiegervater und erschlägt ihren Mann mit Sergejs Hilfe. Katerina und Sergej werden verhaftet und verurteilt. Auf dem Weg nach Sibirien demütigt Sergej die jetzt für ihn reizlose Katerina und nutzt die Dienste einer jungen Zwangsarbeiterin. Katerina stößt das Mädchen ins Wasser und springt hinterher. Beide ertrinken. Der gefälligen und nicht wenig selbstgefälligen Arbeit ist der fehlende Wille des Regisseurs anzusehen, sich der Partitur wirklich auszusetzen. In der Führung der Hauptpersonen, insbesondere der Schwedin Anne Bolstad als Katerina, gelingen Neuenfels ergreifende Momente. Einige Einfälle, die er für Gisbert Jäkels Bühne so herbeizitiert, wirken für den Augenblick zwingend, andere nur aromatisch. Drei Hexen sind Shakespeare entliehen, das wenig auskunftsfreudige Spiel der Chorsolisten dem Fundus realistischen Musiktheaters und die Masken für das Chorfinale der antiken Tragödie. Während zwei Frauen für einen Mann ins Wasser müssen, wird der sich vermutlich totarbeiten. Eine Tragödie ist das nicht. Die nächsten Vorstellungen in der Komischen Oper in Berlin, Behrenstr. 55-57, finden statt am 27. und 30. November sowie am 4. und 12. Dezember. Info: 030 / 47 99 74 00

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