Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Leben in der verkehrten Welt

OMüßiggang, Müßiggang!“ heißt es schwärmerisch beim Romantiker Friedrich Schlegel (1772-1829), „du bist die Lebensluft der Unschuld und der Begeisterung; dich atmen die Seligen, und selig ist, wer dich hat und hegt, du heiliges Kleinod! einziges Fragment von Gottähnlichkeit, das uns noch aus dem Paradiese blieb.“ Uns gilt er sprichwörtlich als „aller Laster Anfang“ – schlimmer noch, als schwerer Schicksalsschlag: Der Arbeitsgesellschaft geht die Arbeit aus. Erschaudern müßte man, wenn man in den Nachrichten hört und sieht, wie Menschen für ihr Recht kämpfen, Morgen für Morgen in aller gottlosen Herrgottsfrühe aufzustehen, um sich acht Stunden lang in einer Autofabrik ans Fließband oder im Kaufhausmief hinter die Kasse zu stellen. Die meisten erschaudern nicht, sondern finden derartiges Treiben wenn nicht richtig (weil ihnen die Arbeitnehmer „viel zu hohe Ansprüche stellen“), so doch wenigstens normal. Ebendiese Normalität will Eberhard Straub in seiner kleinen Kulturgeschichte der Lohnarbeit zugleich erklären und in Frage stellen. Im gehobenen Plauderton und ohne Scheu vor Anachronismen führt er seine Leser von der Antike, als der Arbeitslosigkeit, „Bedingung für öffentliches Ansehen und Ehrbarkeit“, das ganze ökonomische Streben derjenigen galt, die das Unglück hatten, „fremdbestimmter Arbeit“ nachgehen zu müssen, bis zur Gegenwart, in der selbst die Reichen und Mächtigen „stolz (sind), keine Zeit zu haben, weil ununterbrochen in Anspruch genommen von ihren sich ausweitenden Geschäften“. Unterwegs erfährt man etwa, daß es im alten Rom 109 jährliche Feiertage gab, Sklaven und freie Römer 2.100 Stunden im Jahr arbeiteten – womit sie im aktuellen OECD-Vergleich an zweiter Stelle hinter Japan (2.159) und weit vor Deutschland (1.638) lägen – und niemand damals geklagt habe, daß „die Lohnkosten zu hoch wären“. Straub interessieren weniger die Produktionsbedingungen im historischen Wandel als vielmehr das Verhältnis der jeweiligen Eliten zur Zeit, mit der nämlich erst neuerdings sparsam umgegangen wird. Nicht nur, daß die industrialisierte Welt Menschen ganz selbstverständlich als Material, als „Humanressourcen“ behandelt – eine Vorstellung, die Alexis de Tocqueville noch „erhebliches Frösteln“ bereitet habe -, macht sie verkehrt. Vor allem wird heute weniger gearbeitet, um zu leben, als gelebt, um zu arbeiten. Sogar das Christentum verstand Arbeit ursprünglich als Gottesfluch, den Adam ähnlich wie einst Prometheus der Menschheit eingebrockt hatte. Daß sich regen Segen bringe, diesen Irrglauben verbreiteten erst die „Unternehmensberater“ der frühen Neuzeit, die Projektschmiede – „die allgemeine Mentalität ließ sich davon nur sehr allmählich berühren“, stellt Straub fest: „Bis zur Französischen Revolution änderte sich nichts an dem unverhohlenen Entsetzen vor der Arbeit, die den zur Schönheit berufenen Menschen entstellt, ungeachtet vereinzelter philosophischer oder theologischer Weltverbesserer. … Das menschenfreundlichste Verdienst der frühen Bourgeoisie bestand über Jahrhunderte hinweg gerade darin, den einsetzenden Kult der Arbeit und der Leistung immer wieder als Götzendienst entlarvt zu haben, indem der Bürger die Geschäfte so bald wie möglich niederlegte.“ Der ideale Müßiggänger, wie er Straub vorschwebt, mag wirtschaftlich betrachtet ein Nichtsnutz sein – ein Faulpelz, der den lieben langen Tag vom sozialamtlich finanzierten Sofa aus das kunterbunte Angebot der Unterhaltungsindustrie konsumiert, ist er gewiß nicht. Auch Nichtstun kommt von Tun, und Müßig-Gang erfordert geistige Anstrengung, erfordert im antiken und Hannah-Arendt’schen Sinn des „tätigen Lebens“ aktive Teilnahme am Gemeinwesen, allerdings nicht notwendigerweise an Mehrwertschöpfung und Profitmaximierung. Seit die industrielle Revolution „in den eiskalten Wassern egoistischer Berechnung alles (ertränkte), was über das nackte Interesse der gefühllosen Barzahlung hinausreichte“, bilden ausgerechnet „die ‚Freigesetzten‘, die der Markt als unbrauchbar in die Freiheit entläßt“, als letzte Träger dieser aristokratischen Tradition „das wahrscheinlich bald unerschöpfliche Reservoir humaner Bildung“. Belesen genug, um zu wissen, daß sie nicht die best- oder gar einzig mögliche ist, hält Straub die Welt, „in der zu leben uns auferlegt wird“, für eine „verkehrte“. Dennoch liest sich, was eine radikale Kritik der Arbeitsgesellschaft und ihrer absurden Begrifflichkeiten hätte sein können, stellenweise – und zwar gerade dort, wo es um das Heute und Morgen geht – doch wieder als dem Zwang der Verhältnisse verhafteter Ratgeber, wie das Ende der Vollbeschäftigung kulturell aufzufangen sei, da es sich wirtschaftspolitisch nicht abwenden läßt. Solche Besonnenheit, wo man sich Herzblut wünschte, mag dem mangelnden ökonomischen Leidensdruck des Autors geschuldet sein. Den freilich kann ihm kaum mißgönnen, wer selber das Glück genießt, Straubs Buch an einem goldenen Herbsttag mitten in der Woche auf dem Balkon lesen zu dürfen. Seinem Plädoyer, die steigenden Arbeitslosenzahlen nicht als Unglück, sondern als „Chance aufzufassen, zu einer Gesellschaft der wirklich Freien zu gelangen“, ist unbedingt zuzustimmen. Leider ist „Vom Nichtstun“ in seinem beschaulich-dezent gestalteten Einband, auf dessen Titelbild sich Baccio Maria Baccis „Vagabund“ in der Sonne räkelt, alles andere als ein Blickfang und somit zuvorderst geeignet, jene anzusprechen, die sich sowieso Zeit zu lassen wissen zum Schmökern und Stöbern in Buchhandlungen oder Bibliotheken. Programmatischer bekommt man solche Überlegungen bei André Gorz („Arbeit zwischen Misere und Utopie“, Suhrkamp 2000) oder den Glücklichen Arbeitslosen ( www.die-gluecklichenarbeitslosen.de ) dargeboten, Straubs eleganter Essay macht sie nun hoffentlich salonfähig. Daß sie gesamtgesellschaftlich viel zu wenig Beachtung finden und politisch eher dem Narrensaum zugerechnet werden, liegt sicher an der fehlenden Muße zur Reflexion: „Die noch Beschäftigten sind vorzugsweise damit beschäftigt, beschäftigt zu bleiben.“ Und es liegt an der Schwierigkeit, realistische Alternativen aufzuzeigen in einer Welt, die sich ums Geld dreht. Das wahre Problem des Arbeitslosen ist nicht, nichts leisten zu dürfen, sondern sich nichts leisten zu können, und mit der Hartz-IV-Reform wird es sich nur noch verschärfen. Wenn Arbeit schon unfrei macht – 345 Euro lassen wenig Raum für Träume, ohne die Freiheit nur ein Wort ist. Wie frei sind schließlich die Gedanken, solange sie sorgenvoll um den nächsten Wocheneinkauf oder die Stromrechnung kreisen? Baccio Maria Bacci, „Il vagabondo“, Öl auf Leinwand (um 1943): Schon die Futuristen brauchten zuweilen Erholung von der Moderne Eberhard Straub: Vom Nichtstun. Leben in einer Welt ohne Arbeit. Wjs Verlag, Berlin 2004. 136 Seiten, 16 Euro

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