Kreuzzügler für Gottes amerikanische Mission

Zu den lautesten und schlimmsten Kriegshetzern in den Vereinigten Staaten zählen heute einige Führer der „fundamentalistischen“ Protestanten. Der Historiker Richard Gamble von der Palm Beach Atlantic Universität beschreibt einen anders gelagerten Fall vor knapp hundert Jahren: die Verwandlung „progressiver“ Protestanten von Friedenstauben in interventionistische Kreuzzügler zur Zeit von Amerikas Eintritt in den Ersten Weltkrieg. Gegenstand von Gambles Forschung ist, wie sich „fortschrittliche Kleriker den Krieg als Chance zu eigen machten, ihre weitgesteckten Ziele eines Sozialevangeliums zu verwirklichen“. In beiden Fällen, sowohl bei den „Fundamentalisten“ als auch bei den „Progressiven“, bestand der Hauptbeitrag der Geistlichen darin, einen politischen Konflikt ins Apokalyptisch-Spirituelle zu übertragen. Gamble verfolgt die Anfälligkeit der Amerikaner für solche Ansichten bis ins koloniale, puritanische Neuengland. Während des späten achtzehnten Jahrhunderts, zur Zeit des Unabhängigkeitskriegs, formte sich ein Bild der Vereinigten Staaten als einer brandneuen Nation, ohne die Last der Vergangenheit und dazu geschaffen, einen Novus Ordo Seculorum, eine neue Zeitordnung, zu errichten. Etwas verkürzt stellte sich dieser Glaube so dar: Die Amerikaner waren das Auserwählte Volk, ihre Bestimmung, die Welt in ein Zeitalter der Vernunft und der universellen Tugend zu geleiten. Zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts betraten die progressiven Protestanten die Bühne. Sie predigten eine sukzessive Umwandlung der Kirche, der amerikanischen Gesellschaft und schließlich der ganzen Welt. Den alten Calvinismus wiesen sie zurück, ebenso die grundlegende augustinische Unterscheidung zwischen der Civitas Dei und der Civitas Terrena, die Trennung einer göttlichen und einer weltlichen Sphäre. Die Welt der Menschen sollte der Welt Gottes gleichgemacht werden. Hier auf Erden, durch die Hingabe einer neugeformten, sozial-aktiven Christenheit, sollte die Civitas Dei entstehen. Das fortschrittliche Evangelium verbreitete sich rasch. Die Progressiven übernahmen wichtige Kirchen, sickerten in prestigeträchtige Seminare und kirchliche Schulen ein (wo man heute Kurse über „Sozialethik“ oder „Christliche Soziologie“ hört). Zudem brachten sie Zeitschriften wie Christian Century unter ihre Kontrolle und auf nationaler Ebene den Vorläufer des heutigen National Council of Churches. Konferenzen, die die progressiven Christen veranstalteten, konnten mit hochrangigen Rednern aufwarten, etwa Theodore Roosevelt, William Howard Taft und natürlich Woodrow Wilson. Letzterer verkündete, die Rolle der christlichen Jugend sei, trennende „Dogmen“ zu ignorieren und statt dessen das große Ziel im Auge zu behalten: „die Vereinigten Staaten eine mächtige christliche Nation zu machen und die Welt zu christianisieren!“ Die Vision des progressiven Klerus wurde internationalisiert. Amerika sah man als das Werkzeug, die Welt im Einklang mit Gottes Willen für die menschliche Gesellschaft zu führen. „Isolationismus“ galt fortan als eigensüchtige Doktrin, die überwunden werden müsse. Viele begrüßten daher den Spanisch-Amerikanischen Krieg von 1898. Zu den Unterstützern gehörte auch Julia Ward Howe, die Komponistin der „Battle Hymn of the Republic“. Auf Treffen der Progressiven schilderte sie ihre Vision einer Menschheit, „die auf ihr eines Ziel zuschreitet, einen Feind zu zertrampeln“. Ward schwärmte, die Menschheit werde „emanzipiert sein und bereit, vorwärts zu marschieren in eine neue Ära menschlichen Verstehens (…) das Zeitalter perfekter Liebe“. Als dann der Krieg in Europa begann und Amerika seinen Kriegseintritt erklärte, sangen und zitierten die Progressiven ohne Unterlaß Wards „Battle Hymn of the Republic“. Ihre Lieblingszeile war natürlich „As He died to make men holy, let us die to make men free“. In den Augen der Fortschrittlichen war der Erste Weltkrieg eine Fortsetzung des Großen Kreuzzugs für das Recht, als den sie den amerikanischen Bürgerkrieg ansahen. Gamble schreibt: „Der Kampf für die Freiheit mußte wiederaufgenommen werden, aber diesmal zum Wohle der ganzen Erde.“ Sehr passend bemühten die Progressiven in ihren Reden zum Krieg in Europa stets auch den wabernden Geist Abraham Lincolns. Daß Präsident Woodrow Wilson einer der ihren war, Fleisch von ihrem Fleisch, bemerkten die Progressiven recht bald. Eifrig klatschten sie zu seinen Heucheleien von der Pflicht des Selbstopfers und von Amerika als einem Diener, der selbst leidet. „Ein Krieg des Dienens (war of service) ist eine Sache, für die man stolz sterben kann“, erklärte Wilson. Der Tag nahe, wo die Völker erkennen würden, daß „Old Glory“ die Fahne „nicht nur Amerikas, sondern der ganzen Menschheit“ sei. Vor dem Federal Council of Churches verkündete Wilson schon 1915, Amerika habe seit seiner Gründung „als einzigen Daseinszweck“, die Menschheit auf die Straße universeller Gerechtigkeit zu führen. Als der Krieg sich hinzog, wurde die Rhetorik der progressiven Protestanten zunehmend blutrünstig. Sie entpuppten sich als „militante Pazifisten“, deren Ziel es war, den Weltfrieden notfalls mit einem dauernden mörderischen Krieg zu erkämpfen. Trotz des elenden Gemetzels in Europa wandten sich diese „militanten Pazifisten“ gegen einen „verfrühten Frieden“, ein Ende des Kämpfens, bevor nicht alle widerrechtlichen Regime beseitigt wären. Über sechzig herausragende Kirchenleute, darunter Harry Emerson Fosdick, Billy Sunday und der Rektor der renommierten Universität Princeton, überzogen die Forderungen nach einem „verfrühten Friedensschluß“ mit Spott: „Der gerechte Gott, der seinen eigenen Sohn nicht vom Kreuz zurückgezogen hat, würde nicht mit Wohlwollen auf ein Volk schauen, das die Angst vor Schmerzen und Tod (…) über die heiligen Ansprüche des Rechten und Gerechten stellt.“ Rhetorik und Bilder der progressiven Protestanten schwangen mit, als der Kongreß entscheiden mußte, ob Deutschland der Krieg erklärt werden sollte. Ein Abgeordneter legte dar, „Christus gab sei Leben am Kreuz, damit die Menschheit das Königreich des Himmels gewinnen könne, während wir heute abend feierlich das heiligste Opfer beschließen mögen, das je eine Nation gebracht hat, um die Menschheit zu retten und weltweit Freiheit zu schaffen“. Die armen Leute haben es geschluckt, erst die Phantasien der progressiven Protestanten und dann alle späteren „Befreiungskriegs“-Reden. Auch H. G. Wells, einst Freigeist und Prophet der Evolution, verfiel während der Krieges der Religion und wurde gar Liebling des progressiven Klerus. Am Beispiel Wells‘, der für Amerika den raffinierten Slogan „the war to end war“ prägte, läßt sich der Geisteszustand dieser Progressiven studieren: Er war überzeugt, „das Königreich Gottes auf Erden ist keine Metapher, kein bloß spiritueller Zustand, kein Traum … es ist das nahe und unausweichliche Schicksal der Menschheit“. Später stellte sich heraus, daß Wells mit dem „Königreich Gottes“ seine persönliche fabianistisch-sozialistische Utopie meinte, globalisiert im totalen Krieg gegen das Böse. Am Rande sei hier auf eines von H. G. Wells letzten Büchern von 1944 hingewiesen, „Crux Ansata: An Indictment of the Roman Catholic Church“. Wells, der während des Zweiten Weltkriegs für die britische Propaganda verantwortlich war, gab dem ersten Kapitel die provozierende Überschrift: „Why Do We Not Bomb Rome?“ Denn Rom, argumentierte er, sei nicht bloß das Zentrum des Faschismus, sondern „der Sitz des Papstes (…), der seit seiner Inthronisation ein offener Verbündeter der Nazi-Faschisten-Schinto-Achse war.“ „Warum bombardieren wir nicht Rom?“ war ihm daher eine naheliegende Frage: „Ein gründliches Bombardement (à la Berlin) der italienischen Hauptstadt scheint nicht nur wünschenswert, sondern notwendig.“ Hätten die Alliierten Wells‘ Herzenswunsch erfüllt, dann könnten heutige Besucher vom Petersdom nur noch Ruinen sehen wie von der Kaiser-Wilhelm- Gedächtniskirche. So endete ein Fabianer und Humanist letztlich als Fürsprecher der Auslöschung Roms. Kriegshetze, Evangelium und sozialistische Phantasien mischten sich bei den progressiven Protestanten. William Faunce, der Rektor der Brown-Universität, bemerkte erfreut, „der alte, kleinliche Individualismus und das laissez-faire“ seien tot. „‚Ich‘ und ‚mein‘ werden kleingeschrieben in einer neuen Welt, die das große Wort ‚unser‘ zu sagen gelernt hat.“ Der Präsident der Union Theologischer Seminare warnte die Kirchen, sie müßten ihren „egoistischen und weltlichen Charakter“ aufgeben und „aufhören, der Selbstsucht der Menschen Vorschub zu leisten durch das Versprechen einer persönlichen Erlösung“. Zu den weniger angenehmen Seiten von Gambles ansonsten exzellentem Buch gehört die Mühsal, solch hochklingendes, endloses Geschwätz progressiver Christen zu lesen. Prof. Dr. Ralph Raico ist Historiker am Buffalo College der State University of New York (SUNY) und Senior Fellow des Ludwig von Mises Institute. Richard M. Gamble: The War for Righteousness: Progressive Christianity, the Great War and the Rise of the Messianic Nation. ISI Press, Wilmington 2003, 306 Seiten, 15 Dollar Foto: Woodrow Wilson und die „Liberty Bell“, umrahmt von George Washington und Abraham Lincoln, auf einer Propagandapostkarte von 1918: Die Menschheit auf die Straße universeller Gerechtigkeit führen

EIKE-Konferenz Wissenschaftlich gegen den Klimairrsinn!
Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles