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Kraftstrotzend

Für Marvin Lee Aday war 2003 trotz gesundheitlicher Probleme ein gutes Jahr. Der unter seinem Künstlernamen Meat Loaf bekannte Texaner bewies, daß er auch ohne seinen Leib-und-Magen-Komponisten Jim Steinman in der Lage ist, epische Bombastrock-Arien mit Wagneresker Grundierung zu präsentieren. Sein im April letzten Jahres veröffentlichtes Album „Couldn’t have said it better“ (JF 20/03) – das erste seit 1997 – wurde zum Verkaufsrenner; die daraus ausgekoppelte Single „Did I say that?“ entwickelte sich zu einem Radiodauerbrenner. Es folgte eine „Last World Tour“ und ein Box-Set, das Aufnahmen der Jahre 1984 bis 1987 komprimierte (JF 43/03). Als wenn dies nicht schon genug wäre, erschien kürzlich mit „VH1 – Storytellers“ (Universal/Polydor/Island) ein weiteres interessantes CD-Werk des Sängers mit der voluminösen Stimme. Seit 1996 strahlt der Musiksender VH1 in unregelmäßigen Abständen Shows aus, in denen internationale Musikgrößen ihre größten Erfolge einem ausgewählten Publikum präsentieren – oft in akustischem Arrangement – und zudem spannende Hintergrundinformationen erzählen, warum dieser Song so und nicht anders klingt, wann und weshalb er entstand, ob und welche Probleme es bei Aufnahmen oder Aufführungen gab. Nur wenigen war es vergönnt, daß eine CD mit ihrem Auftritt bei VH1 auf den Markt kam – einer von ihnen ist jetzt Meat Loaf. Am 5. Oktober 1998 fanden die Aufnahmen statt, 1999 die TV-Ausstrahlung. Rund 73 Minuten Spielzeit hat die CD, bei der gottlob die Musik überwiegt. Für das oft unverständliche Gebrabbel entschädigen die elf Songs nämlich allemal. Nicht mit Showeffekten, sondern präzise und nahezu still präsentieren der heute 52jährige und seine Band Songs aus fast 30 Jahren Karriere. Nach einem kurzen Intro mit ein paar unvergänglichen Takten aus „All revved up with no Place to go“ von seinem legendären Debüt „Bat out of Hell“ intoniert der Opernsänger des Rock, unterstützt von den Soulstimmen seiner langjährigen Duettpartnerin Patti Russo und Töchterchen Pearl Aday, das nervöse „Life is a Lemon (and I want my Money back)“ aus dem 1993er-Album „Bat out of Hell II“. Bei „You took the Words right out of my Mouth“ kommt Meat Loaf fast nur mit Pianobegleitung aus; erst zum Schluß steigt – auch nur sachte – die Band ein. Die großorchestrale Ballade wurde auf das Nötigste reduziert – und wirkt trotzdem genauso aufregend und aufwühlend wie im Originalarrangement. Auch die von jeher stillen Kaminfeueruntermalungen „Heaven can wait“ und „More than you deserve“ gewinnen bei ausschließlicher Pianobegleitung noch an Intensität und Gefühl. Recht nah am Original bleibt Meat Loaf hingegen bei seinem Comeback-Hit „I’d do anything for Love, but I won’t do that“, doch auch hier halten sich die Musiker vornehm zurück. Meat Loafs Stimme klingt ausgeglichen, kraftvoll und eindringlich wie lange nicht mehr. Bei „Paradise by the Dashboard Light“ erzählt er, daß Steinmans Komposition zunächst 27 Minuten dauerte, Gitarrist Todd Rundgren allerdings dafür gesorgt habe, daß der Zwiegesang der beiden Verliebten auf eine immer noch ungewöhnliche, aber popkompatible Länge von rund zehn Minuten gestrafft wurde. Den Schluß des Albums bilden „Two out of Three ain’t bad“ und – natürlich – „Bat out of Hell“. Alles in allem ist „VH1 Storyteller“ ein nicht überwältigendes, aber doch imposantes Album, das – und darin liegt seine größte Stärke – einen anderen, ungewohnten Meat Loaf zeigt. Nicht den von einem Bühnenrand zum anderen hastenden Rockberserker, sondern einen gereiften, würdevollen Entertainer, der im Stil eines weitgereisten „Elder Statesman“ von seinem Leben erzählt.

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