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KPD-Blick aufs Zweite Reich

Biographen neigen zur Parteilichkeit. Wenn ihre „Zielperson“ dann noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts agierte, Deutscher, Jude und Kommunist war, dispensieren sich auch Historiker fast zwanghaft von ihrer Pflicht zur Objektivität. Der Potsdamer Zeithistoriker Mario Keßler macht hier keine Ausnahme. Zumal Keßler, als Zionismus-Forscher bekannt, sich dem Althistoriker Arthur Rosenberg widmet, der im Geschichtsverständnis nach 1989 zum „positiven Erbe“ zählt, obwohl er als Kommunist – ähnlich wie etwa der KPD-Anwalt Hans Litten, nach dem Berlins Anwaltskammer ihr Domizil benannte – nicht zu den geistigen Wegbereitern deutscher Nachkriegsdemokratie gehört. Rosenberg, an der Berliner Universität zum Fachmann für römische Verfassungsgeschichte ausgebildet, im Ersten Weltkrieg eher „Annexionist“ als „Flaumacher“, trat 1918 der USPD bei, wechselte dann zur KPD. Keßler kann mangels Quellen diesen Bruch nicht erklären. Doch die Etappen politischer Radikalisierung, die das Ende seiner akademischen Laufbahn bedeuteten, zeichnet Keßler minutiös nach. Dabei fügt er unserem Wissen über das Innenleben der KPD, in deren Führungsriege der Linksaußen Rosenberg kurzzeitig aufstieg, zwar kaum neue Erkenntnisse hinzu, vermittelt jedoch ein farbiges Bild vom Rasen der Leidenschaften in einer Partei, die sich als Avantgarde geschichtlicher Vernunft verstand. Als Parteimann saß Rosenberg auch im Untersuchungsausschuß zu den Ursachen des deutschen Zusammenbruchs von 1918. Hier wandelte sich der Alt- in den Neuhistoriker. 1928 erschien das Werk, „Die Entstehung der deutschen Republik 1871-1918“, das – zusammen mit der schon im Exil (1935) publizierten Arbeit über die Geschichte der Weimarer Republik nach 1968 – das Bedürfnis nach „anderer Geschichte“ stillte. Eine Analyse dieser trotz des von Rosenberg 1927 vollzogenen Parteiaustritts kommunistisch eingefärbten Deutungen des zweiten deutschen Reiches bleibt Keßler den Lesern schuldig. Sie hätte nämlich seine wenig fundierte, „parteiliche“ These erschüttert, daß Rosenberg sich lange vor 1933 zum sozialistischen Demokraten geläutert habe. Mario Keßler: Arthur Rosenberg. Ein Historiker im Zeitalter der Katastrophen (1889-1943). Böhlau Verlag, Köln 2003, 335 Seiten, geb., 39,90 Euro

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