„Keine Zeit zum Feiern“

Norma McCorvey hat die Seiten gewechselt. Jene Frau, die als Klägerin im Fall „Roe gegen Wade“ vor dem US-Supreme Court 1973 die Legalisierung der Abtreibung erstritt, hat sich inzwischen längst auf die Seite der Abtreibungsgegner geschlagen. Schon vor über zehn Jahren schloß sich Norma McCorvey alias „Jane Roe“ der amerikanischen „Pro Life“-Bewegung an. Dem war eine Odyssee der jungen Texanerin vorausgegangen, die nach dem Abtreibungsurteil 1973 zur Heldin feministischer Kreise aufgestiegen war. McCorvey hatte in diversen Abbruchkliniken als Helferin gearbeitet, bis Gewissensbisse sie in Drogensucht und Depressionen stürzten. Zum dreißigsten Jahrestag der Urteilsverkündung erklärte McCorvey letzten Januar: „Für mich ist es keine Zeit zum Feiern, sondern Anlaß, der 45 Millionen Kinder zu gedenken, die nicht gestorben wären, wenn es den berüchtigten Prozeß ‚Roe vs. Wade‘ nicht gegeben hätte.“ Jetzt möchte Norma McCorvey durch eine neuerliche Klage eine Revision des liberalen amerikanischen Abtreibungsrechts bewirken. Mitten in den Wahlkampf hinein platzte die Nachricht, daß „Jane Roe“ vor dem 5. Berufungsgericht in New Orleans auftreten wird. „Das wollte ich schon seit dem ersten Tag tun“, behauptete McCorvey. Abtreibungen, so argumentiert sie heute, zerstörten die psychische Gesundheit der betroffenen Frauen, deshalb sollten sie verboten werden. Sie selbst hatte 1973 für die Abtreibung ihres dritten Kindes gestritten, das sie letztendlich jedoch austrug und wie die ersten beiden zur Adoption freigab. Das Thema Schwangerschaftsabbrüche ist ein glühend heißes Eisen der amerikanischen Politik. Seit sich der Zeitgeist dreht, gewinnt in der öffentlichen Meinung immer mehr die Position der Lebensschützer die Oberhand, die besonders bei jungen Leuten Zuspruch findet. Unter dem Motto „Pro Life“ protestieren sie gegen die jährlich etwa 1,3 Millionen Abtreibungen in den USA. Ihnen steht eine kleinere, aber lautstarke feministische Lobby mit guten Kontakten zur Partei der Demokraten gegenüber. Sie kämpft mit der Devise „Pro Choice“ für einen leichten Zugang zu Abtreibungen und eine flächendeckende Versorgung der USA mit Abbruchkliniken. Der Frauenverband NARAL („National Abortion Rights Action League“) verkündete, im Wahlkampf 25 Millionen US-Dollar aufzubringen, um Präsident George W. Bush zu besiegen. Bis auf Vorstöße zu den Spätabtreibungen (partial-birth abortions) bekamen die Lebensschützer vom Präsidenten bislang hauptsächlich rhetorische Streicheleinheiten. Was nützen aber schöne Worte zur „Kultur des Lebens“, wenn der Frontalangriff auf die herrschende Abtreibungspraxis ausbleibt? Die von der „Pro Life“-Bewegung angestrebte völlige Revision des Schwangerschaftsrechts scheint nicht unrealistisch: Gab es 1973 am Supreme Court noch eine Mehrheit von sieben zu zwei Richter, die ein „Recht auf Abtreibung“ durch den Schutz der Privatsphäre gedeckt sahen, ist dieser Stimmenvorsprung zunehmend geschrumpft. Gegenwärtig steht in dem extrem überalterten Gremium nur noch eine hauchdünne Mehrheit von fünf zu vier Richtern der Revision des Abtreibungsrechts entgegen. Präsident Bush hat allerdings, sehr zum Ärger der „Pro Life“-Strategen, die Chance vertan, noch vor seiner ungewissen Wiederwahl im November dieses Jahres durch Neubenennung eines abtreibungskritischen Richters die Weichen im Sinne des Lebensschutzes zu stellen. Wie nah die Abtreibungsgegner schon einmal an ihrem Ziel standen, das beweisen interne Dokumente von Harry A. Blackmun, einem ehemaligen Richter des Supreme Court, die kürzlich veröffentlicht wurden. Blackmun, 1973 Autor des „Roe vs. Wade“-Urteils, schildert die harten Kämpfe, als das oberste US-Gericht 1992 über eine Klage der abtreibungsfreundlichen Organisation „Planned Parenthood“ zu entscheiden hatte. Offensichtlich war zu diesem Zeitpunkt eine knappe Mehrheit der Richter bereit, das alte Abtreibungsrecht durch eine entgegengesetzte Entscheidung zu kippen. Die Legalisierung der Abtreibung wäre damit beendet worden. Erst im letzten Augenblick bekam der konservative Richter Anthony M. Kennedy anscheinend kalte Füße und änderte seine Meinung. Mit der Veröffentlichung von Blackmuns Erinnerungen durch die Library of Congress ist nun der Beleg erbracht, welche Chancen die „Pro Life“-Bewegung der USA auf einen entscheidenden Durchbruch hat.

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