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Jenseits der Rechtfertigung

Die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit findet in einem Dreieck aus systemtheoretischen Erklärungsmustern westlicher Provenienz, Stasi-Enthüllungen und Post-festum-Büchern von Bürgerrechtlern statt. Wieviel dabei an relevanten Erfahrungen unberücksichtigt bleibt, zeigen zwei autobiographische Bücher aus dem Leipziger Verlag Faber & Faber. Ein Verfasser ist der Maler Willi Sitte, geboren 1921. Sitte war in der DDR eine Berühmtheit und als Präsident des Verbandes Bildender Künstler auch eine Größe in der staatlichen Kulturbürokratie. Der andere, Ulrich Dietzel, Jahrgang 1932, war 1955 von Alfred Kantorowicz an die Akademie der Künste in Ost-Berlin geholt worden. Der langjährige Leiter der Literaturarchive der Akademie amtierte von 1990 bis zum Zusammenschluß mit dem West-Berliner Pendant 1993 auch als ihr Direktor. Dietzel veröffentlicht sein Tagebuch, das er seit 1955 geführt hat. Er hatte Kontakt zur künstlerischen und politischen Prominenz der DDR, über die er interessante Einzelheiten mitteilt. Die Affinität Stephan Hermlins für Ernst Jünger war demnach noch größer, als man vermuten konnte. Hermlin wäre gern der Begründer eines „linken Jüngerismus“ geworden. Zu dem Einwand, die Erzählung „Auf den Marmorklippen“ sei kein Beleg für die Distanz des Autors zu den Nazis, weil Jünger jede politische Absicht der Erzählung bestritten hatte (Marcel Reich-Ranicki argumentierte so noch 2003!), äußerte Hermlin 1975: „Jünger ist eben kein Mann, der sich ranschmeißt. Anderen wäre eine solche Interpretation sicher recht gewesen. – Und er hat Juden geholfen.“ Zweitens offenbart sich hier die Gedankenwelt eines DDR-Intellektuellen, der den Sozialismus als Prinzip bejahte und deshalb an den Realitäten im Land zunehmend litt. Dietzel war Reisekader, für DDR-Verhältnisse also ungeheuer privilegiert. Um so auffälliger ist, daß sich auch bei ihm die Beobachtung Wolfgang Englers bestätigt, daß die DDR-Bürger kaum politische Phantasie freisetzten. Der Grund wird in Dietzels Notizen deutlich: Jedes Nachdenken über politische Veränderungen führte unausweichlich zur offenen deutschen Frage zurück. Wer die Demokratisierung der DDR ernsthaft wollte, mußte auch ihr Aufgehen in der Bundesrepublik antizipieren. Vor dieser Konsequenz erschraken die meisten Systemkritiker. Blieb einzig die Hoffnung auf die Einsicht der DDR-Führung und der Auftrag an sich selbst, ihr die Einsicht auf dem Umweg der ästhetischen Erziehung zu vermitteln. Mit dem Mauerfall war dieser Politikansatz gänzlich anachronistisch geworden. Die Fusion der Akademien vollzog sich als feindliche Übernahme. Dietzels Aufzeichnungen machen den großen Wählerzuspruch für die PDS als Folge vielfacher Verbitterungen der Ost-Intelligenz nach der Wiedervereinigung plausibel. Er selber wäre Sozialdemokrat geworden – wenn man ihn denn gelassen hätte. Bei Sitte, dem neben Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer und Werner Tübke bekanntesten Maler aus der DDR, potenzieren sich diese Ernüchterungen und Kränkungen um ein Vielfaches. Vor zwei Jahren kam es zu einem Skandal, als eine Werkschau im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg auf politischen Druck abgesetzt wurde. Als Vorprogramm wurde ein Symposium verordnet, das für die politisch richtige Einordnung seines Lebenswerks sorgen sollte. Eduard Beaucamp nannte das in der FAZ eine „Zensur von Funktionären“, welche „Erinnerungen an östliche Tribunale“ weckt. Parallel dazu wurden unbewiesene Stasi-Verbindungen lanciert. Sittes Autobiographie ist von der westdeutschen Kulturhistorikerin Gisela Schirmer aufgezeichnet worden. Was immer man von Sittes an Rubens erinnernder Malweise halten mag, die Reduzierung seiner Person auf den politischen Betonkopf und Exekutor des sozialistischen Realismus bedarf der Korrektur! Seine Bekenntnisse zur DDR und zur SED hingen nicht zuletzt mit furcht-baren Erlebnissen an der Ostfront und mit Erfahrungen im Widerstand zusammen. Die gesellschaftlichen Realitäten ließen sich aus seiner „antifaschistischen“ Perspektive freilich immer weniger erfassen. Noch immer scheint Sitte die abweichenden Vorstellungen, die jüngere DDR-Kollegen von ihrer Arbeit und von ihrer Lebensgestaltung hatten, nicht zu verstehen. Er dringt nicht zu der Frage vor, warum man ihnen nicht gestattete, was er selber sich erlaubte: die eigenen Fehler zu machen! Andererseits spielen in die aktuelle Auseinandersetzung um ihn nachrevolutionärer Opportunismus und der Kampf um Marktanteile hinein. An seiner Person machen sich Konflikte zwischen West und Ost, zwischen Vätern und Söhnen und der realistischen und avantgardistischen Kunstrichtung fest. 1988 wollten Künstler der BRD und der DDR ein gemeinsames Manifest zur Verteidigung der realistischen Kunst veröffentlichen. Der für Kulturfragen zuständige SED-Sekretär Kurt Hager verhinderte das. Beide Bücher unterscheiden sich durch ihr Reflexionsniveau meilenweit von den Rechtfertigungsschriften alter SED-Funktionäre. Sie wecken Neugierde auf das weitere Programm von Faber & Faber. Ulrich Dietzel: Männer und Masken. Kunst und Politik in Ostdeutschland. Ein Tagebuch. Verlag Faber & Faber, Leipzig 2003, gebunden, 365 Seiten, 29,70 Euro Willi Sitte: Farben und Folgen. Eine Autobiographie. Verlag Faber & Faber, Leipzig 2003, gebunden, 390 Seiten, 29,70 Euro

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