Im Volksliedton

Es ist ein Husarenstück, und zwar das ganze Unternehmen, nicht nur das eine Lied, in dem der Husar seinem Mädchen den Korb gibt, den er postwendend zurückerhält. Die zwei, Husar und Mädchen, wissen sich über das Unglück ihrer Trennung hinwegzutrösten; sie wissen ihren Schnitt zu machen, aber nicht ins eigene Fleisch. Trostlos dagegen enden die Leben des Kuckucks, der sich zu Tode gefallen, des Kindes, das verhungert, weil seine Mutter das Notwendige zu tun Tag um Tag aufschiebt, und – berufsbedingt – die Leben des unwilligen Freiwilligen, im Felde getroffen und von den Kameraden zurückgelassen, des Deserteurs unterm Galgen und die der Mädchen, über das Warten alt geworden und gestorben, wenn sie nicht gleich ins Kloster gingen. In den Liedern, die Achim von Arnim und Clemens Brentano zwischen 1806 und 1808 unter dem Titel „Des Knaben Wunderhorn“ veröffentlichten, stehen sie alle friedlich beieinander: Visionäre und Narren, Heilige und Wundertäter, Dummbeutel und Klugscheißer, Naive und ganz Durchtriebene beiderlei Geschlechts voller Gott-, Heiligen- und Wunderglauben. Ihrer Poesie, „die sich von jeder anderen ‚Literaturpoesie‘ wesentlich unterscheidet und beinahe mehr Natur und Leben – also die Quellen aller Poesie – als Kunst genannt werden könnte“, hat sich Gustav Mahler – nach eigenen Worten – „mit Haut und Haar verschrieben“. Mahlers 24 Vertonungen wiederum haben sich die deutsche Sopranistin Diana Damrau, der argentinische Tenor Iván Paley und der deutsche Pianist Stephan Matthias Lademann mit Haut und Haar verschrieben, und zwar nicht den orchestrierten, sondern den ursprünglichen Klavierfassungen dieser Lieder (telos music vocal TLS 1001). Mahlers Diktum und Vorbild folgend, der Brentanos und Arnims Sammlung altdeutscher Volkspoesie gleich „Felsblöcken, aus denen jeder das Seine formen dürfe“, angegangen war, ordnen Sänger und Pianist die Lieder nicht chronologisch, sondern gruppieren sie thematisch neu, wenn auch unter läppischen Überschriften: „Kinder und Jugend“, „Abschied und Trennung“, „Aus der Natur“ und „Leben und Tod“. Sie nehmen Mahlers latente Dialogstruktur für eine offene mit entsprechender, bisweilen überraschender, vokaler Rollenverteilung: Gefangener und Mädchen, Mädchen und Bub, Husar und Mädchen. Dabei gelingt es den dreien – das ihr Husarenstück zum ersten -, die „Wunderhorn“-Lieder als Versuchsfeld für Mahlers Symphonien auszuforschen, ohne aber in jene gleich hineinzugeheimnissen, was diese musikalisch erst entfalten. Völlig uneingeschüchtert von den großen Interpretenpaaren vor ihnen, trifft das Paar Damrau/Paley den Volksliedton der Lieder traumwandlerisch sicher, wie er vielleicht nur einmal, ziemlich früh im Sängerleben, getroffen werden kann – das ihr Husarenstück zum zweiten. Selbst einige wenige Manierismen scheinen ganz dem bübischen Spaß an der Sache zugehörig, zumal beide immer auch wissen, wann der Spaß aufhört und der Ernst beginnt. Der ist immer der heilige Ernst des Kindes, auf du und du mit Gott und der Schöpfung, das sich fest die Augen zuhält, damit es vom Unglück, das vorübergeht, nicht gesehen wird. Öffnet es die Augen, dann haben sie das himmlische Leben in ganzer Fülle geschaut, von dem wir vermeintlich Erwachsenen uns nur berichten lassen können. Wozu sonst aber sind Künstler da? Wenn die angekündigte Einspielung der Klavierfassung von Mahlers „Lied von der Erde“ ebenso neue Erfahrungen ermöglichte wie diese exemplarische der „Wunderhorn“-Lieder, die den Sonderpreis des Internationalen Schallplattenpreises „Toblacher Komponierhäuschen 2004“ erhielt – dann wäre das ein Husarenstück zum dritten!

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles