Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Im Rausch der Freiheit

Die Hauptdarstellerin im Berlinale-Siegerfilm „Gegen die Wand“ war keineswegs Debütantin im Filmgeschäft, wie die Produktionsfirma noch auf den Presseeinladungen vor wenigen Wochen deklarierte: Die 23jährige hatte bereits in einigen Hardcore-Pornos mitgewirkt. Wäre es bei den reißerisch-verlogenen (und selbstredend bebilderten) Darstellungen der Bild-Zeitung geblieben, hätte sich hernach die Medienwelt empört über diesen Tatbestand gezeigt – wie leicht würde es fallen, gar unbesehen eine Lanze für die Verwaltungsangestellte und Jungschauspielerin aus Heilbronn zu brechen. Das Pendel des Vorurteils aber schlug in einer Weise zurück, daß es den gegenteiligen Affekt hervorrief. Die Welt war nicht die einzige Zeitung, die die Deutschtürkin fortan als tapfere kleine Heldin pries, und dies gleich mehrfach. Ob unter der Prämisse einer positiv willkommenen multikulturellen Offenbarung oder eines wie auch immer gearteten Aktes von „Zivilcourage“: Sibel Kekilli galt fortan als Ikone eines neu-weiblichen wie neu-türkischen Selbstbewußtseins. Kurz, der Porno-Wirbel erschwerte es, Fatih Akins preisgekröntes Drama „Gegen die Wand“ unvoreingenommen zu sehen. Hamburg, Kneipenviertel, türkisch dominiertes Submilieu. Cahit (Birol Ünel), vernarbt an Seele und Gesicht, scheitert am Versuch, sich in die Besinnungslosigkeit zu saufen. Er beleidigt obszön seine vorbeischauende Gelegenheitsliebe (Catrin Striebeck), provoziert eine Schlägerei und sieht sich am Ende doch nur von flexiblen Gummiwänden zurückgeworfen. Volltrunken steigt er ins Auto, doch es ist kein Unfall, als er kurz vor Morgengrauen frontal gegen eine Betonmauer rast. Das Leben aber will ihn, den Nutzlosen, Häßlichen, Unglücklichen nicht hergeben: körperlich nur mäßig verletzt findet er sich in der Psychiatrie wieder. Dort wird der mürrische Selbstaufgegebene von einer anderen Patientin angesprochen, der zwanzigjährigen Sibel, die mit einem Selbstmordversuch dilettierte: ein Hilfeschrei sollte es sein, denn die Landsmännin liebt, anders als Cahit, das Leben. Das Leben: irgendwas zwischen MTV-Clip und Bacardi-Reklame sollte es doch sein, „tanzen, lachen, ficken – und nicht nur mit einem Mann“ – so formuliert die Muslimin ihre Vision, die so deutlich mit dem Korsett kontrastiert, in das sie ihr Elternhaus zwängt. Sibels erste Worte an Cahit sind ein Heiratsantrag. Das wäre die Lösung ihres Problems: Nur ein türkischer Mann könnte sie aus dem familiären Regiment befreien, mittels einer Scheinehe, einer Wohngemeinschaft ohne Verpflichtung, hofft Sibel, stünde ihr die Pforte zum „wirklichen Leben“ offen. Cahit lehnt unwirsch ab, doch Sibel läßt nicht locker. Regisseur Akin zeichnet das Bild einer durchschnittlichen türkischen Migrantenfamilie: der alte, bärtige Vater, ort- und ratlos in Suren sprechend, die dicke Mutter, modern verwestlicht mit blondiertem Kurzhaar und zu Strichen gezupften Augenbrauen, und der Bruder als feister Macho und Pascha, gekleidet in glänzende Jogginghosen, dem uniformen Accessoire der dritten und längst eingebürgerten Einwanderergeneration. Um Schande und Ehre geht es in dem Gespräch mit der abtrünnigen Tochter, und das sind für Cahit Reizworte, ist „Kanakendeutsch“, das er haßt. Bald willigt er in die Hochzeit ein. Sibels Familie, vor allem der Bruder, ist zwar mißtrauisch gegenüber dem ungepflegten Mann, der doppelt so alt ist wie seine Braut und seine Muttersprache nur noch gebrochen beherrscht – aber er ist ein Türke, und mehr hatte man nicht verlangt. Türkische Hochzeit, das gab es schon in Akins meisterhaften, unbedingt wieder sehenswertem Spielfilmdebüt „Kurz und schmerzlos“ (JF 44/98). Die damals präsentierte Mixtur aus traditionellem Brauchtum und globalem Trend hat sich hier zugunsten des letzteren verschoben, Neonröhren flackern an den Decken, die Heimorgel eines Alleinunterhalters lärmt, die jüngeren türkischen Familienmitglieder sind tätowiert, gepierct und leicht bekleidet, Sibel und Cahit haben die Nasen voller Koks. Die wilde Nacht endet im Streit, Sibel reißt aus der gammeligen Wohnung ihres Bräutigams aus und schenkt ihre Jungfräulichkeit einem anderen Dahergelaufenen. Nun hat für die frisch Verheiratete das begonnen, was sie als „Leben“ erträumt hatte. Sibel springt von Feier zu Feier, von Bett zu Bett. Diverse Drogen helfen über manche Talsohle dieses Lebensrausches hinweg. Cahit, zunächst gewohnt gleichgültig, beobachtet Sibels Lebenswandel mit zunehmendem Interesse – und mit aufkeimender Eifersucht. Das spornt seinen Lebenswillen an und macht ihn zugänglicher. Die Eheleute freunden sich an, gehen gemeinsam aus – aber nicht miteinander ins Bett. Genau in dem Moment, wo dieser bruchlose Wandel von der züchtigen Muslimin zur dauerfröhlichen Nymphomanin merkwürdig utopisch erscheinen will, kommt es zur Zäsur: Ein abgewiesener Liebhaber Sibels sucht Rache, indem er ihren Gatten ausfindig macht und Cahit in einer Bar provoziert. Ein gezielter Schlag des Türken, und der Verschmähte sinkt tot zu Boden. Die Bluttat macht anderntags Schlagzeilen, und Sibel wird eingeholt – wiederum vom Leben, und endlich auch von der Liebe. Sie flieht, über Nacht kurzgeschoren und wiederum mit blutigen Handgelenken, vor ihrer Familie nach Istanbul, während Cahit zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wird. Am Ende bleibt offen, ob Sibel und Cahit überleben werden. „Gegen die Wand“ ist ein großartiger Film voller Menschenkenntnis und hintergründiger Symbolsprache, er hat sich den Goldenen Bären wohlverdient. Und Sibel Kekilli, was arbeitete sie doch gleich vor ihrem Durchbruch? Sie war Verwaltungsangestellte in Heilbronn, oder? Foto: Cahit (Birol Ünel) und Sibel (Sibel Kekilli): Irgendwas zwischen MTV-Clip und Bacardi-Reklame

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