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Im Anfang war das Blut

Theologisch gesehen ist über „Die Passion Christi“ alles gesagt worden, was zu sagen ist. Und ohne die leidige „Antisemitismus“-Diskussion noch einmal wiederzukäuen zu wollen, dazu nur ein einziger Satz: Dieser Film ist in keiner einzigen Sekunde antisemitisch. Gibson hat sogar, um jeden möglichen Verdacht in diese Richtung auszuräumen, auf das durch die Evangelisten überlieferte Wort „Sein Blut komme auf uns und unsere Kinder“ (Matthäus 22,25), jene Selbstverwünschung, die im Jahre 70 nach Christi mit der Zerstörung Jerusalems in Erfüllung ging, verzichtet. Das läßt auch einiges von dem enormen Druck erahnen, dem sich der Regisseur ausgesetzt sah. Nachdem die scheinbare Trumpfkarte des „Antisemitismus“ offensichtlich nicht gestochen hat, haben die liberalen Kritiker nun eine neue Diffamierungskampagne gestartet. Von einem „sadomasochistischen Spektakel“ ist nun die Rede, einer „hochgradig brutalisierenden Erfahrung“, einem „sakralen Snuff-Film“ oder gar einem „übelkeiterregenden Todestrip.“ „Ohne jegliche Spiritualität“ habe Gibson die „Botschaft der Liebe“ in eine „des Hasses“ verwandelt und eines der „grausamsten Werke der Filmgeschichte“ geschaffen. Diese Vorwürfe – dazu noch von Leuten, die sonst die blutigsten Tarantino-Filme als „große Kunstwerke“ bejubeln – sind so flach und leicht zu durchschauen wie die hingeworfene Behauptung, Gibsons Glaube sei „vortheologisch“, er „verabscheue den Intellekt“ und sei „abergläubisch von Satan und der ‚anderen Seite‘ fasziniert“. Tatsächlich ist es so, daß dort, wo transzendentale Erfahrungen keinerlei Stellenwert mehr besitzen, Satan und seine Dämonen natürlich auch nicht existent sein dürfen. Der Mensch des Hochmittelalters, unabhängig von seiner Religion, war dagegen noch fasziniert von der Existenz reiner Geistwesen, und der „Aufklärer“ Voltaire, der mehr von der Schöpfungsordnung verstand, als unsere heutigen Kleriker, schrieb: „Der Satan! Dies ist das ganze Christentum; kein Satan, kein Heiland!“ Diesen tiefsten Gedanken des Christentums können Gibsons Kritiker nicht verstehen und wollen es auch gar nicht. Und natürlich war die christliche Religion nie nur eine „Botschaft der Liebe“. Das Christentum, und das wird in Mel Gibsons Film deutlich, war immer ein Kampfplatz in der Welt, auf dem viele Schlachten geschlagen, aber nur wenige Siege errungen werden. Darum ist „Die Passion Christi“ auch keine „manische Spielart des christlichen Glaubens“, wie Leon Wieseltier in der New Republic schreibt. Eher zur Erheiterung trägt in diesem Zusammenhang der Kommentar ausgerechnet der EKD bei, Gibsons Film mangele es an „theologischer Tiefe“. Es war nie Gibsons Absicht, einen religiösen Erbauungsfilm für fromme Seelchen zu drehen, die mit verzücktem Augenaufschlag das liebe Jesusknäblein anhimmeln, sondern er wollte jenen, die sich selbstbewußt für aufgeklärt halten, ihre mangelnde Erkenntnispotenz in Sachen Glaube und Wissen demonstrieren, vor allem aber wollte er endlich den falschen Mysterienspielen der kirchlichen Modernisten ein Ende machen. Daher enthält der Film auch nichts eigentlich Sensationelles, und wenn ein Kritiker sagen würde, Gibson habe einen Action-Thriller gedreht, der auf der in den Evangelien überlieferten christlichen Wahrheit beruht, käme man vielleicht ins Gespräch. Nur wissen unsere intellektuellen Kritiker leider nichts mehr davon, was vor vierzig Jahren noch jedes alte Mütterchen wußte, daß nämlich der traditionell-kirchliche Antijudaismus mit Antisemitismus aber auch gar nichts zu tun hatte, sondern sozusagen als Reflex auf einen oft sehr aggressiven jüdischen Antichristianismus, wie er in manchen haßerfüllten Passagen des Talmuds zu lesen ist, zustande kam. Und selbstverständlich wissen sie auch nichts davon, daß das Christentum die Religion der Inkarnation, der Bejahung des Sinnlichen ist, weil der geistige Sieg, die geistige Befreiung durch das Selbstopfer Christi, in dem Gibson den Herzpunkt des unverfälschten christlichen Glaubens sieht, von oben her geheiligt ist. Mel Gibson, ein traditionalistischer Katholik, dessen religiöse Wurzeln vor den Reformen des II. Vatikanischen Konzils (1962 bis 1965) liegen, hat seinen Film in dieser Wahrheit gedreht. Das ist etwas ganz anderes, als die Wahrheit zu suchen wie der Atheist Pasolini vor vierzig Jahren mit dem „1. Evangelium-Matthäus“, der sich der Sache zwar mit Respekt und Staunen näherte, die Heilsgeschichte aber auf den sozialen Aspekt der Botschaft Jesu reduzierte. Nur der Drehort ist der gleiche geblieben: Sassi di Matera, ein unter Denkmalschutz stehendes süditalienisches Städtchen, dessen malerische Kulisse dem biblischen Jerusalem in nichts nachsteht. Nur unweit entfernt, in der Basilicata, wurden die ersten Szenen der letzten zwölf Stunden Christi aufgenommen. Hier, im Garten Gethsemane am Ölberg, erscheint ihm nach dem letzten Abendmahl und der Fußwaschung der Teufel, und hier nehmen ihn nach Judas‘ Verrat die römischen Häscher fest. Die Dialoge in diesem Film werden ausschließlich in den damaligen Alltagssprachen Aramäisch und Latein geführt. Das hat unter anderem den Vorteil, daß kein eifriger Übersetzer mit seinen Privatoffenbarungen hausieren gehen kann. Gibson hält sich nämlich wortgetreu an die Überlieferungen der Evangelisten. Eine weitere Quelle der Inspiration lag in den Passionsvisionen der deutschen Mystikerin und Augustinerin Anna Katharina Emmerich, die an Drastik nichts zu wünschen übrig lassen. Platz für Sentimentalitäten, wie man das aus früheren Christus-Filmen gewohnt war, gibt es hier nicht. Von der Festnahme im Ölgarten, dem Verhör durch die Hohenpriester, Ältesten und Pharisäer unter Führung von Kaiphas und Annas und der Vorführung bei Pilatus über den Kreuzweg bis zur Kreuzigung auf Golgatha werden wir mit unvorstellbar grausamen Szenen konfrontiert, und doch ist dies ein realistisches Bild der Passion. Aber es gibt auch ergreifende Szenen in diesem Film. Wenn Claudia, die Frau des Pilatus, Maria (Maia Morgenstern) die Tücher reicht, und diese damit den vom Blut ihres Sohnes getränkten Boden um den Geißelungsblock säubert; wenn Seraphia, die Frau eines Mitglieds des Tempelrates, den zerschlagenen und bespieenen Jesus (Jim Caviezel) mit Wein laben möchte, von den rasenden Folterknechten zurückgestoßen wird, es ihr aber gelingt, mit einem Tuch das blutüberströmte Antlitz Christi zu trocknen, oder wenn Simon von Cyrene sich zunächst weigert, Jesus zu helfen, das Kreuz zu tragen, aber angesichts dieses zerschmetterten Mannes seine Meinung ändert, dann verdichten sich diese Bilder tatsächlich zu einer Botschaft der Liebe. In einer der wenigen Rückblenden des Films erzählt Gibson die Geschichte der Maria Magdalena (Monica Bellucci), jener Frau, die von den Pharisäern wegen Ehebruch und Hurerei zum Tod verurteilt worden war. Nachdem Jesus ihre Steinigung verhindert hat, küßt sie ihm aus Dankbarkeit die Füße, aber er zieht sie sanft, beinahe zärtlich empor. Wo der Agnostiker Scorsese sich in „Die letzte Versuchung Christi“ in blasphemischen Anzüglichkeiten erging, scheinen bei Gibson die Grundzüge der christlichen Nächstenliebe und Caritas auf. Und wie die Rolle der Gottesmutter Maria bis in gestische Details meisterhaft dargestellt ist, so beeindruckend ist auch die Figur der großen Sünderin Maria Magdalena, die Vergebung erlangt und als heilige Büßerin eine der treuesten Anhängerinnen Jesu wird. Daß Gibson Gott auch als gerechten Vergelter begreift, zeigt eine andere Szene. Während die Frauen um Johannes, Maria und Maria Magdalena unter dem Kreuz beten, verspricht Jesus dem guten Schächer, der seine Untaten bereut und ihn als Sohn Gottes erkennt, daß er noch heute mit ihm im Paradies sein werde. Dem Hohngelächter des zweiten, unbußfertigen Schächers folgt die Strafe auf dem Fuß. Eine Krähe läßt sich auf dem Kreuz nieder und hackt ihm die Augen aus. Das letzte Bild zeigt – in der gebotenen Kürze – die Auferstehung. Nur die tiefen Wundmale der Kreuzigung sind noch zu sehen, der geschundene, zerrissene Körper ist wieder makellos. Der Tod ist besiegt. Ist Gibsons Film ein religiöses Kunstwerk, ein Stein des Anstoßes oder gar ein Erweckungserlebnis? Vielleicht sollte man die Antwort nicht den Kritikern und schon gar nicht den Theologen überlassen, sondern jenen Gläubigen, deren Prozession zum Osterfest der Bischof von Rom als Pontifex, gekleidet in das Blut- und Lichtgewand der Märtyrerkirche, abnimmt. Denn hier offenbart sich im zweitausendjährigen Kern des Kanons der abendländischen Geschichte das Ereignis des ewigen Schicksals des Menschen. Foto: Jesus (Jim Caviezel) trägt das Kreuz: Kein Erbauungsfilm

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