Joachim Kuhs

 

Horrormärchen

Da reden sich wohlmeinende Pädagogen seit Jahrzehnten die Münder fusselig und schreiben sich die Finger wund, Eltern sollten ihren Kindern wieder mehr vorlesen, statt sie zuviel fernsehen zu lassen, und nun dies: Mediziner am Bristol Royal Hospital for Children sind zu dem Ergebnis gekommen, daß traditionelle Kinderreime und -lieder das Zehnfache der Gewalt enthalten, die vor der „Wasserscheide“ um neun Uhr abends im britischen Fernsehen gezeigt wird. Die Wissenschaftler untersuchten 25 beliebte nursery rhymes, unterschieden fein säuberlich zwischen vorsätzlichen Untaten und Unfällen, zwischen Aggression, angedrohter und angedeuteter Grausamkeit und kamen insgesamt auf 52 Gewaltszenen in einer Stunde Vorlesen – gegenüber knapp fünf im Tagesprogramm des Fernsehens. Am häufigsten seien Gesetzesbrüche und Tieresmißhandlungen vorgekommen. Auch die deutsche Kinderliteratur ist nicht ohne – der schadenfrohe Sadismus von „Max und Moritz“ und dem „Struwwelpeter“ verursacht noch manchem Erwachsenen Alpträume -, von Märchen mit ihren fiesen Stiefmüttern und Hexenverbrennungen ganz zu schweigen. Was also tun? Fernseher aus, Gebrüder Grimm in die Altpapiersammlung, Bibel aufschlagen? In seinen ersten vier Kapiteln schildert das Buch der Bücher schwere Körperverletzung (wie sonst soll man die Entnahme einer Rippe nennen?), das Böse in Schlangengestalt, eine Vertreibung, ein Tieropfer und einen Brudermord. Die Bristoler Forscher hätten ihre helle Freude.

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