Helm auf

Verdis Oper „Attila“ basiert auf dem Drama „Attila, König der Hunnen“ des deutschen Dichters Zacharias Werner aus dem Jahr 1808, ein ziemliches Schauerdrama, aber Verdi war von dem Thema begeistert, gab es ihm doch die Möglichkeit, freiheitliche Gedanken gegen die österreichischen Besatzer des Veneto und der Lombardei versteckt anzubringen. Bei der Uraufführung 1846 im Teatro Fenice verstanden die Venezianer sehr wohl den Satz, den der römische Feldherr Ezio dem Hunnenkönig entgegenschleudert: „Avrai tu l’universo, resti l’Italia a me“! (Magst du das Universum haben, aber laß mir Italien) und begrüßten bei jeder Vorstellung diesen Ruf mit immer größerem Jubel: „L’Italia a noi“! (Italien gehört uns). Wie in „Nubucco“ und „Ernani“ fanden Verdi und sein Librettist Solera in „Attila“ glühende Worte, um die patriotische Begeisterung anzufachen – der Beitrag zum Risorgimento, der Wiedererhebung vom österreichischen Joch. Auf allen großen Opernhäuser Italiens erlebte „Attila“ einen gewaltigen Triumph, ein Jahr später war die Oper in ganz Europa zu hören. Aber nach der Ausrufung Italiens zu einem geeinten Königreich verblaßte die Begeisterung, und die Oper versank in Vergessenheit. In dieser Oper gibt es auch im Gegensatz zu „Rigoletto“ oder „La Traviata“ keine leicht nachsingbare Ohrwürmer. Hört man sich jedoch heute eine Live-Aufnahme aus dem Teatro Verdi in Triest (Dynamic 372/1-2) an, wird man vom heroisch-dramatischen Schwung förmlich mitgerissen. Zwar erreicht Verdi in dieser seiner siebten Oper noch nicht die Reife seiner späteren Werke, doch ist die vorwärts drängende Kraft in „Attila“ in jeder Szene spürbar. Das Duett Attila/Ezio wird von starkem weitschwingenden Pathos getragen. Überaus reizvoll ist die zarte Romanze der Odabella, deren Begleitung aus Harfe, Englischhorn, Flöte und Cello ein Naturbild von bezaubernder Schlichtheit malt. Die große Traumszene Attilas im 1. Akt ist einer der erhabensten Momente der Oper und zugleich ein Paradestück für alle großen Bässe. Von kriegerisch stampfender Wirkung sind – wie meist bei Verdi – die Chöre der hunnischen und römischen Soldaten, weshalb Rossini ihn einmal spöttisch, aber auch zu Recht, als einen „Musiker mit Helm“ bezeichnet hat. Erstaunlicherweise gilt Verdis Sympathie dem skrupellosen Barbaren Attila, den er musikalisch mit echter Noblesse zeichnet. Die am Ende Siegreichen wie den patriotischen Römer Ezio, Odabella und ihren Verlobten Foresto behandelt Verdi dagegen zwiespältig: Ezio ist ein Verräter an seinem jungen Kaiser und beteiligt sich am Mordkomplott an Attila. Odabella, Tochter des von Attila getöteten Königs von Aquileja, ersticht rachsüchtig den Hunnen mit dem Dolch, den Attila ihr zur Hochzeit schenkte, und auch Foresto versucht, Attila mit Gift zu töten. In der Titelrolle beeindruckt Ferruccio Furlanetto mit edlem samtschwarzen Baßbariton. Er singt den siegreichen Feldherrn, den um Odabella werbenden Mann und den von Alpträumen geplagten Helden mit großer Würde und betörender Stimme. Dimitri Theodossiou als Odabella klingt bezaubernd in lyrischen Momenten; in der Höhe forciert sie und dann klingt ihr Sopran scharf. Vor Verdi-Heroinen sollte sie sich besser hüten. Mit farbig auftrumpfendem Bariton ist Alberto Gazale der römische Feldherr Ezio. Den Foresto singt Fabio Sartori mit heldisch-metallischem Tenor. Vielversprechend ist der Tenor Alessandro Cosentinos in der kleineren Partie von Attilas Sklaven Uldino. Donato Renzetti dirigiert den einsatzfreudigen Chor und das Orchester des Teatro Verdi Triest mit dem für Verdi notwendigen Feuer. Eine überzeugende Aufnahme einer hierzulande fast unbekannten Oper aus Verdis frühem Schaffen.

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