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Geschichtsforschung als Wagnis

Um „Geschichte und Geschichtspolitik“ ging es beim 3. „herrschaftsfreien Dialog“ im Haus der Burschenschaft Danubia München. Der Bonner Journalist Bernd Kallina, der das Wechselspiel von Fragen zur Person und zur Sache mit melodiösen Klaviereinlagen als neues Mittel zur politischen Bildung im korporationsstudentischen Milieu entwickelt hatte, führte mit seinem Gast, dem Wiener Historiker Heinz Magenheimer, ein interessantes Zwiegespräch „Über freie Wissenschaft und ihre Feinde“ – ganz im Sinne von Karl Poppers demokratieförderlichem Grundlagenwerk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“. Für den habilitierten österreichischen Historiker Magenheimer besteht Geschichtspolitik in der gezielten Einflußnahme auf die Interpretation von Vergangenheit. Wer die Vergangenheit deute, bewerte sie nämlich auch. Durch die Übernahme historischer Sichtweisen seitens der Politik entstehe Deutungshoheit. Diese wiederum diene als Herrschaftsinstrument bei der Durchsetzung von Interessen und verleihe ihnen Legitimität. „Wer über kein oder nur geringes Geschichtswissen verfügt, muß die Deutung, die ihm von interessierter Seite vorgesetzt wird, hinnehmen“, erklärte Magenheimer. Und weiter: „Wer aber über einschlägige Kenntnisse verfügt und zu einer abweichenden Sicht der Vergangenheit kommt, muß sich entscheiden, ob er sich auf einen heiklen Disput mit Andersdenkenden einlassen will. Solange dieser Disput jedoch demokratisch, fair und nach wissenschaftlichen Regeln geführt wird, kann er zu einer Erhellung der Vergangenheit führen. Wird aber versucht, diesen Disput in eine bestimmte Richtung zu lenken oder gar zu unterbinden, bleibt ein Geschichtsbild, das auf neu gewonnenen Erkenntnissen beruht, auf der Strecke. Ein typisches Kennzeichen hierfür ist die Errichtung von historischen Tabus.“ Frühere Völker und Kulturen, so Magenheimer in München, hätten durchweg danach gestrebt, die lobenswerten Taten und Leistungen ihrer Vorfahren hervorzuheben. Heute aber herrsche in Mitteleuropa der Trend, die dunklen Seiten der Vergangenheit ins Rampenlicht zu rücken und die positiven Leistungen weitgehend zu vernachlässigen. Nicht das „Streben nach Erkenntnis“, sondern „kritisches Hinterfragen“ gelte als höchste Tugend des Historikers. Nur wer die Tabus der jüngsten Vergangenheit beachte, könne als Historiker heute Karriere machen und das Wohlwollen eines Großteils der meinungsbildenden Massenmedien erwerben. Würden Tabus jedoch gebrochen, müsse mit schwersten Medienangriffen gerechnet oder Totschweigen hingenommen werden. So entstehe zu Lasten der wissenschaftlichen Wahrheit ein Teufelskreis. Zwar gebe es in der Geschichtsforschung keine absolute Wahrheit, es grenze jedoch an intellektuelle Unredlichkeit, wenn ein gangbarer Weg zur Annäherung an die Wahrheit aus opportunistischen Gründen von vornherein vermieden werde. Besonders heikel bei der Deutung der jüngsten Vergangenheit sind Vergleiche. Zwar ist in der Geschichts- und Politikwissenschaft der Vergleich gang und gäbe, allerdings nicht im Falle der Jahre 1933 bis 1945. Mit dem von Jürgen Habermas 1986 vom Zaun gebrochenen Historikerstreit um Thesen Ernst Noltes ist offenkundig geworden, daß zweierlei Maß gelte. Hierin liegt das größte Hindernis für den herrschaftsfreien Dialog mündiger Bürger, der ja sonst ein Kennzeichen der freiheitlich-rechtsstaatlich verfaßten Gesellschaft darstellt. Eine „entkrampfte“ Geschichtsbetrachtung und -schreibung wird erst späteren Generationen vorbehalten sein.

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