Geborgte Gedankensprünge

U m es gleich vorwegzunehmen: Die literaturwissenschaftliche Arbeit der 1971 in Düsseldorf geborenen Germanistin Nadja Thomas über Botho Strauß hinterläßt einen zwiespältigen Eindruck. Wie bereits der Titel ihrer Arbeit „Der Aufstand gegen die sekundäre Welt ­­- Botho Strauß und die ‚Konservative Revolution'“ verrät, versucht Thomas Strauß in die Gedankenwelt der Konservativen Revolution einzuzeichnen. Dies geschieht in drei Schritten. Im ersten Teil unternimmt Thomas eine Verhältnisbestimmung von Konservativismus und Konservativer Revolution (KR). Hier unterlaufen ihr eine Reihe von Verkürzungen, die wohl nicht zuletzt auf konservativismuskritische Gewährsleute wie Kurt Lenk, Martin Greiffenhagen und anderen zurückzuführen sind, die sie in den Zeugenstand ruft. So wird beispielsweise definiert: „Dem Konservativismus liegt ein Menschenbild zugrunde, das den Menschen als böse und gefährlich ansieht.“ Dieser Behauptung, die Thomas weder differenziert noch hinreichend belegt, folgt der (Kurz-)Schluß: „Aus dem pessimistischen Menschenbild des Konservativismus begründet sich dessen politische und moralische Radikalisierung, die man besonders in der ‚Konservativen Revolution‘ beobachten kann und die sich ästhetisch manifestiert in einer ästhetischen Radikalisierung bis hin zum ästhetischen Fundamentalismus.“ „Ästhetischer Fundamentalismus“ – das ist ein Kampfbegriff, den der Hamburger Soziologe Stefan Breuer in seinem gleichnamigen Buch über den George-Kreis in die geistesgeschichtliche Debatte einbrachte. Breuer und vor allem Richard Herzinger, omnipräsenter Autor der Zeit, sind Säulenheilige im Thomas’schen Autoritätenkosmos. Von Herzinger gibt es wohl kaum eine Wortmeldung, die Thomas nicht berücksichtigt. Diese Hypertrophierung steht im auffälligen Mißverhältnis zur Rezeption des vor kurzem verstorbenen Doyen der KR-Historiographie, nämlich Armin Mohler. Er kommt in dieser Dissertation kaum vor. Auf die Heranziehung von Autoren aus dem rechtskonservativen Spektrum, in dem eine intensive Auseinandersetzung mit Botho Strauß stattfindet, verzichtet Thomas im übrigen ganz. Zentrale KR-Texte werden aus zweiter Hand zitiert, so daß sie bestenfalls „selektiv“ Erkenntnisse gewinnt. Das ist ein so schwerer Kunstfehler, daß sich der Vergleich mit dem jungen Chirurgen aufdrängt, der mit Omas Obstmesser zur ersten Operation antritt. In Anknüpfung an Hegel bestimmt Breuer Ästhetik als eine Denkhaltung, die bestimmte Phänomene vor allem aus der Perspektive der Empfindungen betrachtet, die sie hervorbringen. Strauß ästhetisiere nicht nur Religion, so dekretiert Breuer, sondern lade vor allem die ästhetische Sphäre religiös auf. Eben dies könne als „ästhetischer Fundamentalismus“ bezeichnet werden. Thomas bemüht sich im zweiten Teil ihres Buches, den sie mit „Romantik und Konservativismus. Die Genese der ästhetischen Moderne“ überschrieben hat, dieser These Genüge zu tun. Zwischen der KR und dem „Ästhetischen Fundamentalismus“ gebe es, so Thomas, eine Reihe von Anknüpfungspunkten. Es müsse allerdings zwischen einer politischen und eine ästhetischen KR unterschieden werden. Dies sei schwierig, da es nach Richard Herzinger eine „programmatische Vermischung ästhetischer, philosophischer, wissenschaftlicher und politischer Rede-Weisen, Ideen und Konzeptionen“ gebe, die charakteristisch für den konservativ-revolutionären Moderne-Diskurs sein soll. Für eben jene Vermischung soll das Œuvre von Botho Strauß stehen. Der dritte Teil – „Typologie konservativ-revolutionärer Topoi und Motive“ – versucht den Nachweis zu führen, daß Botho Strauß vor allem deshalb in die Denkbewegung der KR hineingestellt werden kann, weil sich in seinem Werk bestimmte KR-typische Topoi und Begriffe finden ließen. Zu nennen sind zum Beispiel Motive wie „Schöpferische Restauration“, der „Heroische Realismus“, ein „extremer Tragizismus“ und bestimmte Zeitvorstellungen, die sich an dem Bild „Linie und Kugel“ festmachen ließen. Thomas vergißt nicht darauf hinzuweisen, daß der Begriff KR bisher vor allem im historischen, soziologischen und politischen Kontext Verwendung gefunden habe. Der innovative Ansatz ihrer Studie besteht nun darin, den KR-Terminus auf die Literaturwissenschaft zu übertragen. In diesem Versuch liegen die Stärken der Arbeit, gibt es doch in der Tat bei Strauß eine Reihe von Parallelen zu bestimmten Denkfiguren, die die Autorin partiell recht interessant nachzeichnet. Aufgrund des „selektiven“ Blicks scheinen ihr allerdings Strauß‘ wichtigste Bezugsgrößen nicht geläufig zu sein. So spricht sie auf das Motiv „Aushalten auf verlorenem Posten“ an, ohne den großen kolumbianischen Reaktionär Nicolás Gómez Dávila überhaupt zu nennen. Strauß selbst hat sich in seinem Nachwort zu George Steiners „Von realer Gegenwart“ direkt auf Dávila bezogen – ein Umstand, der Thomas offensichtlich entgangen ist. Des Meisters Hausgott Rudolf Borchardt gewinnt bei ihr kaum schemenhafte Gestalt, wohl weil ihre Hamburger Gewährsleute trotz vieler Anläufe über ihn nur Geschwätz zu bieten haben. Auch der Philosoph Hans Freyer, der die industrielle Zivilisation als „sekundäres System“ beschrieb, bleibt unerwähnt. Schließlich hätte der Arbeit auch ein Blick in Panajotis Kondylis‘ „Der Niedergang der bürgerlichen Denk- und Lebensform“ gutgetan. Festzuhalten bleibt, daß diese Dissertation überzeugender ausgefallen wäre, wenn sie sich gedanklich ein wenig von Breuer oder Herzinger abgenabelt und sich statt dessen in die KR-Originalquellen vertieft hätte. Selbst in ihrer abschließenden Bewertung plappert sie Herzinger noch nach, wenn sie feststellt: „In der Überhöhung des Poetischen, in der religiösen Abwertung der Kunst und der Forderung nach den Schutzzonen der Kunst vor den Massen“ setze Strauß eine ästhetische Tradition fort, „aber mit der ideologischen, ästhetisch-fundamentalistischen Aufladung der Massenverachtung geht auch ein Verlust der Wahrnehmungsfähigkeit der modernen, liberalen Realität“ einher. Mit dieser „modernen Liberalität“ hat sich Strauß insbesondere in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts hinreichend beschäftigt. Thomas vermag in seinem Werk letztlich nichts anderes als „ästhetizistisches Pathos“ entdecken. Damit dokumentiert sie, daß sie dessen zentrale Anliegen nicht verstanden hat. Nadja Thomas: „Der Aufstand gegen die moderne Welt“ – Botho Strauß und die „Konservative Revolution“. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2004, 243 Seiten, 39,80 Euro Michael Wiesberg veröffentlichte 2002 in der Edition Antaios das biographische Porträt „Botho Strauß. Dichter der Gegen-Aufklärung“. Foto: Botho Strauß: Angeblich charakteristisch für den konservativ-revolutionären Moderne-Diskurs

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