Joachim Kuhs

 

Fleisch und Blut

Pfarrerskinder mißraten bekanntlich am prächtigsten. Ihr Vater war ein Wanderprediger der Pfingstler, bevor er der Malerei verfiel, und so sollte nicht überraschen, daß sich die Kings of Leon nicht unbedingt erbaulichen Themen hingeben. Wer hoffte, mit "Youth and Young Manhood" (2003) hätten die Jungs aus Tennessee, tiefstem Bush-Land, sich ihre Flegeljahre ein für allemal von der Seele getrommelt, dem werden bei der neuen Platte schnell die Ohren schlackern.

"Aha Shake Heartbreak" handle von "everything", verriet Sänger Caleb Followhill der Londoner Musikzeitschrift NME – was hier der Pointe zuliebe als "von Gott und der Welt" übersetzt sei – und zählt einiges davon auf: "We’ve got some songs about fighting and some songs about loving and some songs about killing and some songs about fucking" – was hier dem Anstand zuliebe unübersetzt bleiben soll.

Man kann die Musiker mit dem alttestamentarisch anmutenden Namen (tatsächlich benannten sie sich nach Vater und Großvater Leon) und den dazu passenden Bärten, die sie nun immerhin abrasiert haben, als Krachmacher abtun und dabei ihre Originalität verkennen. Denn Bands, die mit "The" anfangen, nicht nur dadurch an die Traditionen der Prä-Synthesizer-Ära anknüpfen und statt kühlem Techno wieder Musik aus Fleisch und Blut machen, gab es in den letzten paar Jahren wie Sand am Meer: The Strokes aus New York, The Datsuns aus der neuseeländischen Provinz, The Vines aus Australien, The Hives aus Schweden, The Libertines, Retter des britischen Punk, und wie sie alle heißen. Doch nur die wenigsten von ihnen schafften, was den frischgekrönten Königen des Dixie-Rock nun gelungen ist: nach ihrem internationalen Durchbruch ein zweites Album vorzulegen, das die hochgesteckten Erwartungen nicht allzu arg enttäuschte.

Die Kings of Leon, drei Brüder und ein Cousin – Schlagzeuger Nathan (24), Caleb (22), Jared (17) und Matthew (19) – wuchsen, so erzählen sie heute gerne, auf dem Rücksitz des Familienautos auf, tingelten von einer Kirche zur nächsten und spielten Erweckungsmusik. Erst in den letzten Jahren ließ sich die Followhill-Sippe am Stadtrand von Nashville nieder.

Musikalisch jedoch wollen sie mit dem "Nashville-Scheiß" nichts am Hut haben. Waren auf dem Debütalbum die Country-Einflüsse noch unüberhörbar, so geht "Aha Shake Heartbreak" mit einem dichteren Klang voller Gitarrenaggro einen großen Schritt in Richtung Garage-Punk. Von den ersten Takten in "Slow Night, So Long" an hämmert Caleb die Worte hart wie Nägel, und auch Gitarren und Schlagzeug kommen 35 Minuten lang kaum zur Ruhe. Nicht viel besser erging es in den vergangenen anderthalb Jahren der Band selber, die seit dem Erscheinen von "Youth und Young Manhood" ständig auf Achse ist. Kein Wunder also, daß die zwölf Lieder immer wieder Freud und Leid des Rockstar-Alltags besingen. "The Bucket" entstand im Dauerrausch von Alkohol und Anbetung, "Day Old Blues" ist ein heimwehkrankes Lamento über ihre Deutschlandtournee in der Vorweihnachtszeit 2003, und in der Schlußnummer "Rememo" dudelt die dazu passende Karussellmusik … und ach, überall die vielen Groupies.

Auch wenn Stücke wie "Pistol of Fire" und "Taper Jean Girl" immer noch klingen, als wären im Hause Followhill sämtliche Uhren um 1970 herum stehengeblieben, als Lynyrd Skynyrd ihre ersten Hits hatten: Das neue Album ist nicht nur ein sicheres Mittel gegen die spätestens "zwischen den Jahren" einsetzenden Winterdepressionen, sondern beweist auch, daß die Kings of Leon das Zeug zu mehr als einer bloßen Rock-Revival-Band aus dem Bibelgürtel haben. Von ihnen wird noch manche frohe Botschaft zu hören sein. 

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