Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Durch Vermögen beglückt

Wenn Deutschlernende nicht gerade über die Schwierigkeit unserer Sprache klagen, dann bewundern sie bisweilen ihre Fähigkeit, paradoxe Sachverhalte in einem einzigen, aus einander widersprechenden Komponenten zusammengesetzten Wort zu erfassen. „Schadenfreude“ hat als Fremdwort Eingang in andere Sprachen gefunden, „Müßiggang“ und „Liebesmüh“ sind ebenso ausdrucksvolle Begriffsschöpfungen. Ob die Jury aus Sprachexperten, der unter anderen Herbert Grönemeyer und Uwe Timm angehörten, am vergangenen Sonntag tatsächlich das schönste deutsche Wort zum schönsten deutschen Wort kürte, als sie sich unter 22.838 Vorschlägen aus 111 Ländern ausgerechnet für „Habseligkeiten“ entschied, darüber läßt sich streiten. „Unterm Sparzwang betrachten die besorgten Deutschen selig ihre Habe“, kalauerte die Frankfurter Rundschau und mahnte an: „Auch mit ihrem sprachlichen Vermögen sollten die Deutschen lustvoller umgehen.“ Die Jury des von Deutschem Sprachrat und Goethe-Institut ausgeschriebenen Wettbewerbs aber erinnerte an den „freundlich-mitleidigen Unterton“, mit dem etwa die mobilen Besitztümer eines Kindes oder Obdachlosen als Habseligkeiten bezeichnet würden. Das Wort lasse den Eigentümer der Dinge „sympathisch und liebenswert“ erscheinen und verbinde irdischen Besitz mit auf Erden unerreichbarer Seligkeit. Ob die taz all dies im Sinn hatte, als sie am nächsten Morgen prompt eine Meldung auf der ersten Seite mit der Überschrift versah: „Israel: Siedler sollen Habseligkeiten packen“? Fest steht, daß man ein sehr deutsches Wort ausgewählt hat. „Es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als daß ein Reicher ins Reich Gottes komme“, sind sich die synoptischen Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas einig. Im Deutschen drückt sich eher die calvinistische Prädestinationslehre aus – laut Max Weber bekanntlich Grundlage der kapitalistischen Arbeitsethik -, nach der weltliche Habe Seligkeit verheißt. Aus dem mittelhochdeutschen guotsælec („durch Vermögen beglückt“) entstand „habselig“ („mit Habe gesegnet“). „Bei den neueren wird das wort in mehr ironischem sinne für geringe, wertarme habe gebraucht“, warnen freilich schon die Gebrüder Grimm in ihrem 1852 begonnenen Deutschen Wörterbuch und zitieren Kant, Goethe sowie Johann Karl August Musäus‘ „Volksmärchen der Deutschen“: „Ein gleichmäsziger trieb beseelte sie alle, geschwind raften sie ihre habseligkeiten zusammen.“ „Besitztum (das nicht viel wert ist)“, definiert heute der „große Wahrig“ geringschätzig – und versäumt zu erwägen, ob solche selten benutzten lexikalischen Kleinode nicht selber eine Art Reichtum bilden.

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