Langen Müller Josef Kraus Der deutsche Untertan

 

Die weichen Ziel sind in unserer Mitte

Das Thema der Terroranschläge gewaltbereiter Islamisten ist durch ständige Medienberichterstattung sicherlich ein Dauerbrenner in der öffentlichen Wahrnehmung – aber ist ein großdimensionierter Anschlag auch in Deutschland selbst denkbar? Nicht zuletzt in Ansehung der Ereignisse in den Niederlanden wurde dem Thema – zumindest in kleinerer Perspektive – mit einem Schlag eine bedrückende Aktualität verliehen. So ist es das Verdienst des Terrorspezialisten Berndt Georg Thamm, diese aus dem deutschen Sonderbewußtsein (mangels deutscher Teilnahme am Irak-Krieg) ausgeblendete und verdrängte Frage zu problematisieren. Für ihn stellt sich, und dies ist die verstörende Kernthese des im übrigen faktenreichen Bandes, nicht die Frage nach dem „Ob“ einer Attacke von Dschihad-Netzwerken, sondern – so sein ebenso provozierendes wie wachrüttelndes Diktum – lediglich noch nach dem „Wann“! Will heißen: Deutschland ist nicht mehr nur der vielbeschworene Ruhe- und Vorbereitungsraum für Anschläge im Ausland, sondern zunehmend eine potentielle Zielscheibe! Dabei lasse die neuartige Dimension des sich hier eröffnenden Terrorpotentials keinen Vergleich mit dem der RAF in den siebziger Jahren zu. Zunächst aber spannt Thamm den historischen Bogen von den berüchtigten Assassinen – geschickt agierenden Meuchelmördern des Mittelalters (man könnte sie mit den populären Ninja-Kämpfern aus den gleichnamigen Filmen vergleichen) – bis hin zum sowjetischen Afghanistankrieg: dem übrigens ersten sogenannten „Bruchlinienkrieg“ zwischen den Kulturen in der Diktion eines Samuel Huntington als der „eigentlichen Wiege“ des neuen Terrors. Organisationen wie al-Qaida – im Grunde also ein neuzeitliches Assassinentum und Osama bin Laden eine Reinkarnation des „Alten vom Berge“ – sehen ihr Endziel darin, nicht nur die USA (nachdem man die Weltmacht Sowjetunion erfolgreich in ihre Schranken verwiesen hat) als „Großen Satan“ zu bekämpfen, sondern einen weltweiten Gottesstaat nicht zuletzt auf den Trümmern des Westens ins Werk zu setzen. Der Verfasser benennt noch einmal das breite Spektrum auch in Deutschland wirkender radikalislamischer Vereinigungen: von tschetscheno-, türkisch-, arabisch-islamistische bis hin zu den „freien“ und „gebundenen“ Mudschaheddin-Gruppen, deren Mitglieder vielfach mittels falscher Pässe eingeschleust wurden und sich teils aus Afghanistan-Veteranen speisen. Zusätzliches Gefahrenpotential erwächst für Deutschland nach Auffassung Thamms unter anderem aus hiesigen Gerichtsprozessen gegen führende Aktivisten der Szene. Und ein weiterer Umstand sorgt für Risiken: nämlich die – im gesamt-europäischen Kontext getroffene – deutsche Ablehnung eines von Bin Laden höchstpersönlich abgefaßten „Waffenstillstandsangebotes“, welches sich explizit auch an Deutschland richtete und worin es drohend (unter Hinweis auf erfolgte Anschläge) hieß: „Für alle, die die Aussöhnung ablehnen und Krieg wollen, sind wir dazu bereit.“ Schließlich führte der Verfasser noch die vor der Öffentlichkeit weitestgehend geheimgehaltenen Operationen etwa des „Kommandos Spezialkräfte“ in Afghanistan ins Feld. Das Spektrum denkbarer Terroraktionen in Deutschland ist vielfältig. Exemplarisch sind Anschläge auf Tanker in deutschen Häfen, auf Flughäfen und Bahnhöfe sowie auf Versorgungseinrichtungen wie Atomkraftwerke und Wasserversorgung möglich. Auch der Bundestag oder generell jedwede öffentlichen Veranstaltungen wären potentielle Ziele. Terroristen können auf das berüchtigte Arsenal von Giftgas sowie anderweitiger chemischer und bakteriologischer Substanzen, auf sogenannte „schmutzige Bomben“ und handy-gezündete Sprengsätze zurückgreifen. Entführungen und Geiselnahmen von öffentlichen Personen, aber auch von Normalbürgern, mit dem Ziel von Erpressungen sind keineswegs auszuschließen. Man mag an dem Buch – wie auch an vergleichbarer Literatur – bemängeln, daß der Autor nicht auch einmal folgender, gar nicht so abwegiger Frage nachgespürt hat: Inwieweit tragen westliche Gesellschaften – zuvörderst deren Medien mit oft einschlägig-vulgärer Darbietungen – selbst unnötigerweise dazu bei, von Moslems als dekadente und verdorbene Kultur wahrgenommen zu werden und so viele Ressentiments zu bedienen? Nicht zuletzt aus diesem Kalkül heraus ließen sich nämlich auch Anschläge gegen Medien und Fernseh-Infrastruktur durchaus motivieren. Es sei denn, terroristische Kräfte sehen die Medien als willkommene Katalysatoren zur effektiven Panikverbreitung im Falle terroristischer Anschläge. Es bleibt als unumstößliche Tatsache allerdings die Notwendigkeit realistischer Analysen sowie hieraus resultierender Schutzvorkehrungen. Denn es kann im Grunde jeden treffen – sind doch auch sogenannte „weiche Ziele“ (Zivilisten) ausdrücklich sinnvolle „Terror-Adressaten“ in den Augen islamistischer „Gotteskrieger“ und autonomer Netzwerke, welche der Devise „Tötet die Ungläubigen, wo Ihr sie trefft!“ folgen. Dabei fordert der Autor gerade für Deutschland Umorientierungen, um nicht unvorbereitet getroffen zu werden – und dies auf zweierlei Ebene: zum einen im Bereich des Organisatorischen (etwa eine bessere Verzahnung zwischen Polizei- und Verfassungsschutzbehörden), zum anderen auch in den in seiner Sicht „veralteten“ Denkstrukturen. Foto: ZDF-Film „Tag X – Terror gegen Deutschland“, Berlin-Friedrichstraße: Deutschland ist nicht mehr nur der vielbeschworene Ruhe- und Vorbereitungsraum für Anschläge im Ausland, sondern eine potentielle Zielscheibe Berndt Georg Thamm: Terrorbasis Deutschland. Die islamistische Gefahr in unserer Mitte. Hugendubel Verlag, München 2004, 256 Seiten, Abbildungen, gebunden, 19,95 Euro

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