Joachim Kuhs

 

Die Linke, wie sie singt und grollt

Die sogenannte „Pop-Linke“ ist eine intellektuelle Erscheinung der radikalen Linken, deren politische Arbeit in der beständigen Beobachtung popkultureller Phänomene besteht. Ideologisches Leitbild der „Pop-Linken“ ist das „subversive Potential“, welches aus subkulturellen Pop-Milieus erwachse. Dieses Potential (vor allem in Punk und Hip-Hop) gegen die neo-liberale „Mainstream“-Gesellschaft gelte es hinsichtlich „emanzipatorischer“ Einflußmöglichkeiten zu hegen und gegen rechtsgerichtete Vereinnahmungen abzuschirmen. Hierbei widerspricht man Adornos Aversion gegen die Kulturindustrie und neigt einer moderneren Subversionstheorie zu. Nationalbewußtsein wird als „Mainstream“-Kategorie, als Identität der „Neuen Mitte“, verworfen; die „Pop-Linke“ ist demnach potentiell antideutsch. Neben der bekannten Zeitschrift Spex um Diedrich Diederichsen existieren mehrere Verlage und Publikationen, in denen der „pop-linke“ Diskurs gepflegt wird. Auch der Mainzer Ventil-Verlag mit der 1995 gegründeten Halbjahres-Zeitschrift testcard kann diesem Spektrum zugeordnet werden. Testcard wird verantwortlich herausgegeben von Martin Büsser, einem Ex-Mitarbeiter des Hardcore-Magazins ZAP, das der „autonomen Antifa“ inhaltlich nahestand. Die Bände erscheinen halbjährlich zu Themen wie „Humor“, „Pop und Krieg“ oder „Retrophänomene“. Ausgabe 12 widmet sich „linken Mythen“. Wissenschaftliche Texte, Szenediskurs und polemische Essays wechseln einander ab. Ein sehr ausführlicher Teil mit Tonträger- und Buchbesprechungen widmet sich Neuerscheinungen. Martin Büsser wendet sich zum Beispiel gegen die „Eingemeindung“ der Ton, Steine, Scherben zu Volksmusikern durch national denkende „Revisionisten“ vom Schlage der Grünen-Politikerin Claudia Roth. Büsser liefert, typisch für einen Konkret-Autor, vor allem verbittertes Gemeckere gegen jede Harmonisierungsbestrebung. Das Grollen durchzieht zahlreiche Beiträge. Tobias Lindemann kritisiert, daß die „Black Panther“ und „Black Pop“ sich zu sexistischen und antisemitischen Äußerungen hätten hinreißen lassen. Jens Petz Kastner bemängelt frauen- und schwulenfeindliche Inhalte in der Reggae-Musik. Man kann es den linken Popkritikern mit ihrer politisch korrekten Häkchenliste bei der Suche nach „emanzipatorischer“ Instrumentalisierung nicht rechtmachen. Ebensowenig der unbelehrten Ex-RAF-Terroristin Irmgard Möller, die über ihre schweren Haftbedingungen jammert – die mangelnde Literatur-Versorgung, das schlechte Farbfernseh-Bild („so grell“ und ohne Fernbedienung) und die „Geschichtsschreibung der Herrschenden“. Das Themenspektrum ist zwar informativ und weitreichend – vom Interview mit einer „autonom“ ausgerichteten Grafikerin bis zum Nachruf auf Eckhard Henscheid, da dieser mit „Neonazis“ und „Nachwuchsfaschisten“ der jungen freiheit gesprochen habe. Dennoch dürfte der blasierte Tonfall vieler Beiträge nur wenige Leser erwärmen. Anschrift: Testcard. Beiträge zur Popgeschichte, Ventil Verlag, Augustinerstraße 18, 55116 Mainz. Internet: www.testcard.de , 14,50 Euro

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