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Die Herrschenden ermüden

Die Schließung der Wehrmachtsausstellung ist noch einmal von einem gewissen Tumult begleitet, nicht vergleichbar dem, den sie in ihrer ersten Fassung auslöste, aber durchaus geeignet, die Aufmerksamkeit auf die ideologischen, genauer: geschichtspolitischen, Zusammenhänge zu lenken, in die das Projekt von seinen Machern eingebettet wurde. Hannes Heer jedenfalls, der für die erste Fassung zuständig war und nach dem Skandal um Fälschungen und Manipulationen von Jan Philipp Reemtsma entlassen wurde, beklagt sich jetzt darüber, von seinem früheren Arbeitgeber im Stich gelassen worden zu sein, der ihn kaltgestellt habe, um sich den Auffassungen des Mainstreams anpassen zu können. Man muß gar nicht die Bilder von der gelösten Atmosphäre vor Augen haben, in der Reemtsma die Wehrmachtsausstellung zusammen mit dem alten und neuen Hamburger Oberbürgermeister Ole von Beust (CDU) an ihrer letzten Station eröffnet hat, um diesem Vorwurf eine gewisse Berechtigung zuzugestehen. Nicht in dem Sinn, als habe Reemtsma tatsächlich den Plan aufgegeben, kollektive Vorwürfe gegen die Wehrmacht zu erheben, aber in dem Sinn, daß er sich seit Beginn der neunziger Jahren immer klarer von älteren – offen linksradikalen – Positionen abgewandt hat und Anschluß an die Neue Mitte suchte. Diese Annäherung wurde wesentlich erleichtert durch jene „Fundamentalliberalisierung“ (Jürgen Habermas), die nach dem Ende der großen weltanschaulichen Kämpfe den Konsens neu bestimmte und gegenüber der Vergangenheit deutlich nach links verschob. Was in der Zeit, in der die Kriegsgeneration an den Schaltstellen saß, noch eindeutig war, dann mit dem Angriff der ersten „verwöhnten Generation“ in Frage gestellt wurde, hatte nach deren Sieg keinen Platz mehr in der offiziellen Geschichtspolitik. Zwischen dem Beginn des Historikerstreits 1986 und dem Zusammenbruch der Initiative „Gegen das Vergessen“ 1995 wurde alles abgeräumt, was bis dahin durchaus noch als vertretbare Deutung der deutschen Vergangenheit gegolten hatte: die Unterscheidung zwischen der Nationalgeschichte als solcher und der NS-Zeit, die Bestreitung einer (Allein-)Schuld Deutschlands am Ersten Weltkrieg, die These, daß Hitler ohne „Moskau und Versailles“ (Otto Braun) nicht möglich gewesen wäre, die Differenz zwischen dem, was die Deutschen wollten, die Hitler gewählt hatten, und dem, was er daraus gemacht hatte, die Anerkennung der militärischen Leistungen der Wehrmacht ohne Bezug auf die Fahne, unter der sie kämpfte, die Feststellung, daß die Massenvernichtungen ohne Einverständnis und weitgehend ohne Kenntnis des Volkes stattfanden, schließlich, daß für die Alliierten politische und ökonomische Zwecke eine entscheidende Rolle beim Entschluß zum Kriegseintritt spielten und sie das Ende des Regimes nur mit Methoden erreichten, die wenigstens teilweise als moralisch fragwürdig zu gelten hatten (Terrorbombardements, Bündnis mit Stalin, kalkulierte Vertreibungen). Mittlerweile ist der Maßstab für „Revisionismus“ so weit verschoben, daß alle diese Positionen, die sich in anerkannten Werken der Nachkriegszeit und auch in zahlreichen Schulbüchern finden, als problematisch gelten. Die politisch korrekte Auffassung der Geschichte wurde zu einem besonders sorgfältig beobachteten Gebiet des ideologischen Kampfes, und die Verzunftung der Historiograpie hat wesentlich dazu beigetragen, abweichende Anschauungen beiseite zu drängen. Allerdings ruft die Durchsetzung eines Deutungsmonopols fast naturgesetzlich Widerstand hervor, und die schwindende Aussicht für jüngere Wissenschaftler, an den Universitäten oder in den großen Qualitätszeitungen Fuß zu fassen, wird wahrscheinlich das Entstehen einer schöpferischen Intelligenz fördern, die ohne Pfründe, aber deshalb auch ohne Rücksicht auf Empfindlichkeiten, Fragen stellt und Forschungen betreibt. Es gibt für diese Tendenz bereits Ansätze, und es deutet sich eine Veränderung der Lage an, die diesen Prozeß fördern könnte. Dabei spielen vor allem zwei Faktoren eine Rolle: der Bedeutungsverlust der Vergangenheitsbewältigung als solcher und die Ermüdung der Herrschenden. In seinem Klassiker zum Thema hat Armin Mohler die Formel benutzt „Wer gebraucht wird, muß nicht bewältigen“. Gemeint war damit, daß die intensive und immer stärker moralisch aufgeladene Auseinandersetzung mit der NS-Zeit auffälligerweise erst in den sechziger Jahren begann. Es bedurfte des Mauerbaus, der Abschottung der Bundesrepublik und ihrer Isolation in der Großen Détente, die die Supermächte eingeleitet hatten, um entsprechende Energien freizusetzen und Eingriffsmöglichkeiten von außen zu schaffen. Nicht zuletzt diente die Vergangenheitsbewältigung den ehemaligen Kriegsgegnern, ihren nunmehrigen Verbündeten, dem man viele falsche Versprechungen gemacht hatte, ruhigzustellen. Gegen jede Neigung des deutschen Teilstaats, allzu große Selbständigkeit an den Tag zu legen und allzu deutlich nationale Interessen zu formulieren, bot sich dieses Druckmittel an. In dem Maß, in dem die politische Unübersichtlichkeit wächst und die Beteiligung der Deutschen eingefordert wird, an einer „Weltordnung“ mitzuarbeiten, wird die Möglichkeit der Erpreßbarkeit schwinden. Die Unbekümmertheit Schröders in diesen Dingen, deren Problematik hier außerhalb der Betrachtung bleibt, könnte einen Vorgeschmack auf das geben, was möglich sein wird. Möglich ist allerdings nur, was auch gewollt wird. Und lastender als die äußeren wirken die inneren Faktoren, die die herrschende Form der Geschichtspolitik stützen. Der Hinweis auf die Verstrickung der Väter in die NS-Zeit hat wie nichts anderes den Erfolg der Achtundsechziger ermöglicht. Er hat sie auch lange davor bewahrt, die Tragfähigkeit ihrer eigenen Konzepte unter Beweis stellen zu müssen. Der Anspruch auf moralische Suprematie schützte noch den Dümmsten. Das ändert sich in dem Maße, in dem eine jüngere Generation nachwächst, der der Antifaschismus selbstverständlich ist, die aber doch zunehmend beunruhigt auf das schaut, was ihr an positiven Beständen hinterlassen wird. Selbst wenn sie mit Wohlwollen die Geschichten vom Kampf gegen das braun-schwarze Establishment der alten Bundesrepublik hören, werden ihre Angehörigen die Frage stellen, ob solche Leistungen alle Fehlleistungen ausgleichen. Und es wird bei Fragen nicht bleiben. Auch für solche Vorstöße deutet sich eine günstigere Situation an. Diejenigen, die heute in Staat und Gesellschaft die Macht haben, sind nicht auf das Erscheinen echter Gegner gefaßt, sie haben sich an die Perspektive gewöhnt, daß die weitere Entwicklung nur als Fortschreibung des gegenwärtigen Zustandes denkbar sei. Gewöhnung ermüdet und macht unaufmerksam. Die Attacken von Heer auf Reemtsma sind unerheblich, soweit es um Heers Argumente geht; sie sind interessant nur insofern, als sie Aufschluß über die internen Bruchlinien vermitteln. Worauf man gespannt sein darf, das sind die Auseinandersetzungen, die uns in den kommenden Jahren bevorstehen und ganz andere Dimensionen haben werden, auch im Hinblick auf die Geschichtspolitik. Jan Philipp Reemtsma am 28. Januar 2004 in der Anti-Wehrmachtsausstellung: „Immer klarer von linksradikalen Positionen abgewandt“

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