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Die Heimat war nur eine Idee

In keinem anderen Land Europas wurde der Musik eine ähnlich kultivierende und gemeinschaftsbildende Kraft zugesprochen wie früher in Deutschland. Die Musik spricht vom Gemüt, von der Seele, von dem grenzenlosen inneren Reich, mit dem Deutsche, wie sie meinten, inniger vertraut wären als die „vernünftigen“ Franzosen oder die britischen „Krämer“. Außerdem redet die deutsche Musik in der einzigen Sprache, die jedem verständlich ist. Sie ist national und zugleich allgemein-menschlich. Das wurde seit der Romantik und der Nationalisierung der Bildung immer wieder vorgetragen. Hugo von Hofmannsthal faßte den Unterschied zwischen dem rationalistischen, wortfixierten Franzosen und dem musikalisch-ahnungsvollen Deutschen in einem suggestiven Bild zusammen: Der Franzose ficht vor einer Wand, er fällt oder behauptet sich; der Deutsche, in die Enge getrieben, rettet sich, indem er durch die Wand hindurchschlüpft. Gerade diese Fähigkeit, aus dem Hier und Jetzt in geheimnisvolle Welten vorzudringen oder auszuweichen, die eigensinnige deutsche Innerlichkeit, machte im 20. Jahrhundert die deutsche Kultur während der politisch-ideologischen Auseinandersetzungen mit Deutschland und den Deutschen verdächtig. Die unentschiedene, die schweifende Musikalität galt nun als gefährlich, weil sie unvernünftig und unmoralisch sei. Vernunft und Moral wurden mit der Demokratie unmittelbar verbunden. Wer kein zuverlässiger Demokrat war, sondern sich als Kulturpessimist oder Verächter massenhafter Mittelmäßigkeit zu erkennen gab, geriet unvermeidlich ins Zwielicht. Allerdings ergab sich für die westlichen Demokraten eine besondere Schwierigkeit: Sofern sie musikalisch waren, mochten sie auf Mozart, Beethoven, Wagner oder Brahms bei ihrem Kampf um oder gegen die deutsche Kultur nicht verzichten. Deutsche Musik wurde gleichsam als Weltkulturerbe der ganzen Menschheit anvertraut. Sie gehört der Menschheit, die mit ihr zu sich selber findet. Eben deshalb empörte sich Thomas Mann, ein sehr musikalischer ehemaliger Nationalist, von den USA aus, daß Deutsche unter Hitler weiter Beethoven hörten, der nicht in einen Staat gehöre, der das humanistischen Freiheitspathos täglich verletze. Er wollte den Deutschen förmlich ihre Musik verbieten. Unter Hitler sollte nicht Beethoven gehört werden Der Komponist und Dirigent Wilhelm Furtwängler, am 30. November 1954 in Heidelberg gestorben, galt weltweit als der Repräsentant spezifisch deutscher Musik und Musikalität. Eben deshalb verübelten es ihm bildungsbürgerliche Emigranten oder aus rassischen Gründen vertriebenen Bildungsbürger, daß er „in der Heimat“ oder „zu Hause“ geblieben war und ein deutsches Publikum, ohne Rücksicht darauf, ob sich auch Nationalsozialisten darunter befanden, an die „tönende Ethik“ der klassischen Meister erinnerte. Im Gegensatz zu Mann hielt es Furtwängler, ein musikalischer Patriot, für unbedingt notwendig, gerade im Reich eines Hitler und Himmler den Deutschen ihre „deutschen Meister“ zu vergegenwärtigen und mit ihren Werken deren „Geist“, der nichts mit dem Ungeist der Einheitspartei zu tun hatte, wovon er und die Bildungsbürger der „inneren Emigration“ überzeugt waren. Furtwängler hielt – in Übereinstimmung mit der deutschen Tradition – Musik für eine geistige Macht, für eine „heilige Kunst, zu versammeln alle Arten von Mut wie Cherubim um einen strahlenden Thron“. So dichtete Hofmannsthal, und Richard Strauss fand dafür in der „Ariadne“ mitten im Ersten Weltkrieg den melodiösen Enthusiasmus. Furtwängler, der beide nicht überschätzte, aber sehr schätzte, konnte sich diesem ästhetischen Glaubensbekenntnis mühelos anschließen. Dieser Deutsche und Protestant, wie er sich selbst charakterisierte, hielt die deutsche Musik als heilige Kunst durchaus für eine Offenbarung von Geheimnissen, die ohne sie gänzlich unbekannt geblieben wären. Er mochte die Resignation des alten Richard Strauss nicht unbedingt teilen, daß Deutschland insgesamt verfallen mußte, seit die Musik in Deutschland ihre Lebenskraft einbüßte. Schließlich lebt eine Nation nicht nur für die Musik, wie Furtwängler bedachte. Aber eine deutsche Nation, die keine musikalische Nation ist oder sein will, konnte er sich nicht vorstellen. Denn die Musik ist es doch, nicht so sehr die Sprache, die Deutsche miteinander verbindet, zu Deutschen macht und damit zu Weltbürgern, die alle diese innerste Sprache der geisterfüllten Menschheit verstehen können. Nicht die deutsche Dichtung, die deutsche Musik verbindet Deutschland mit der Welt. Daran glaubte Furtwängler. Die klassische deutsche Musik galt ihm als so einzigartig wie die klassische griechische Skulptur. Für den Sohn eines der bedeutendsten klassischen Archäologen, für den Enkel gediegener Altphilologen und Humanisten, ist eine solche Vermutung, ja ein solcher Glaube an das Kunstschöne nicht verwunderlich. Wilhelm Furtwängler achtete auf die Form, wie symphonisch einzelne Elemente zueinander finden, sich ergänzen oder miteinander in Klangreden „debattieren“ und damit zur lebendigen „Gestalt“ werden. Er ist der Klassizist unter den Dirigenten, weil er Klassik als dauernde Herausforderung auffaßte, ihren plastischen Erwartungen zu genügen. Auf Untergänge war Furtwängler vorbereitet Die Symphonien, die er dirigierte, behandelt er wie Skulpturen, die von allen Seiten betrachtet werden wollen und dennoch eine „Schauseite“ haben. Das machte ihn zu einem großartigen Vermittler auch ganz „unklassischer“ Künstler wie Schönberg oder Hindemith. Furtwängler setzte sich für beide ein, weil sie „Formalisten“ waren, deutsche Meister, selbst wenn er in ihrem Formelkram gerade die unplastische Leblosigkeit fürchtete. Überhaupt sah er die natürlich-freie Kunst, die Symphonie als Organismus, der atmet, ruht und vorwärts drängt, längst gefährdet unter dem Einfluß eines „Intellektualismus“ oder ausufernden Historismus. Er glaubte wie die Romantiker und klassischen Humanisten an die der Zeit entrückte Unmittelbarkeit des ewigen Schönen, in dem sich der Geist der Gottheit veranschaulicht. Diese unmittelbare Gegenwart wollte er hinüberretten in dürftige Zeiten, in denen Buchstabenfanatiker von Werktreue redeten, alten Instrumenten und von historistischer Originalwut gepackt, wie er spottete, alte und veraltete Klangwelten heraufbeschwören wollten. Diesen referierenden, Symphonien zu einem Fußnotenapparat austrocknenden Musizierstil verurteilte er gereizt und setzte dem sein spontanes Vergegenwärtigen entgegen, bei dem er gleichsam das Werden nachvollzog, das sich bei der musikalischen Schöpfung in der Seele Beethovens, Bruckners oder Brahms‘ ereignete. Das verstand er als Dienst am Werk, als Sachlichkeit ganz im Sinne des Hans Sachs: „was deutsch und echt, wüßt Keiner mehr, / lebt’s nicht in deutscher Meister Ehr“. So war er ein durch und durch konservativer Musiker, der bewahren und erhalten wollte und zuweilen, den offenkundigen Untergang des Abendlandes erlebend, fast darüber verzweifelte. Er war durch die Melancholien des fin de siècle und den Kulturpessimismus eines Jacob Burckhardt, Nietzsche und Wagner auf Untergänge vorbereitet. Ja, sein ganz persönliches Drama, weil er als Komponist einsam blieb wie alle modernen Künstler, ohne Zusammenhang „mit dem Volk“ oder dem Publikum, flüchtete er sich ins Dirigieren, in die Nervosität des Musikbetriebes, den er mit seiner „Amerikanisierung und Industrialisierung“ verachtete. Auch als Dirigent kam er sich trotz seines Erfolges vereinsamt vor, ein letzter Musiker in sehr späten Zeiten, während schon die Barbaren am Horizont auftauchen. Er blieb in Deutschland, als die Barbaren die Macht übernahmen. Er wußte, daß sein Bleiben mit Kompromissen verbunden sein würde. Aber er hielt es dennoch für selbstverständlich, gerade in der dunklen Epoche, die 1933 anbrach, das Vaterland nicht zu verlassen. Auch hier in seiner Beziehung zu Deutschland, dem Vaterland und der Nation schwingt viel kulturdeutsche Innerlichkeit mit. Die meisten verstehen sie heute nicht mehr und teilen die völlig unrealistische Einstellung Thomas Manns und vieler anderer Emigranten – übrigens nicht Arnold Schönbergs -, daß nur ein Emigrant ein anständiger Deutscher bleiben konnte. Furtwängler sah seine Aufgabe gerade darin, das Erbe spezifisch deutscher Kunst zu hüten. Es ließ sich nicht vermeiden, daß einige wenige Male Hitler in seine Konzerte kam oder zu den „Meistersingern“, wenn Furtwängler sie in Berlin oder einen Tag vor dem Reichsparteitag in Nürnberg dirigierte, also nicht in unmittelbarer Verbindung mit diesem politischen und parteipolitischen Ereignis. Im Dezember 1934 aller seiner Ämter enthoben, zeitweise ohne Reisemöglichkeit, weil ohne Paß, ließ er sich auf keine feste Anstellung mehr ein. Er war ein Gast in Deutschland und ein Gast überall in Europa. Ein Gast in Deutschland, ein Gast überall in Europa Gerade Franzosen, die ihn 1938 in ihre Ehrenlegion aufnahmen, wußten sein vorsichtiges, aber klares Verhalten richtig einzuschätzen. Sie bedachten die mutige Resignation von Wagners Hans Sachs gründlicher als Thomas Mann und andere, die gegen Furtwängler eiferten, weil er als Bildungsbürger einer von ihnen war. Gerade in politisch düsteren Zeiten wurde mit der Musik deutscher Meister an ein anderes, ein freies und befreiendes Deutschland erinnert. Damit bannte man, wie Sachs riet, gute Geister, die mächtiger sind als alle Politik. Denn wenn auch das Reich zerging in Dunst „uns bliebe gleich/ die heil’ge deutsche Kunst“. Nicht das Reich, nicht die Politik gewährt Sicherheit, aus dem Reich des Geistes als eigener Sphäre kam Trost, Halt, Mut und vor allem Freude, dieser Götterfunken der Freiheit, der auch in Tyranneien vom Herzen kommt und zu Herzen geht, wie Beethoven es seiner Missa solemmnis voransetzte. Außerdem hat Furtwängler – das gehört zu seinen großen Leistungen – mit seinem tapferen Ausharren im sogenannten Dritten Reich das Überleben erst des Berliner Philharmonischen Orchesters ermöglicht und dann nach dem Anschluß 1938 das der Wiener Philharmoniker, wie er überhaupt den Schwerpunkt seiner Tätigkeit von nun an nach Wien verlagerte. Dabei blieb es auch nach dem Krieg. Im Februar 1945 in die Schweiz geflohen, verletzte ihn sehr das Entnazifizierungsverfahren der Amerikaner in Berlin. Im neuen Deutschland blieb er ebenfalls nur ein Gast. In Salzburg und Wien war er zu Hause, sofern bei diesem ununterbrochen Reisenden von Heimat gesprochen werden kann. Die Heimat war nur eine Idee – das Vaterland oder genauer die deutsche Musik. Deswegen geriet dieser europäische Bildungsbürger ins Zwielicht, im Reich der Ideen beheimatet und die Kulturnation repräsentierend in Berlin und Wien. Foto: Wilhelm Furtwängler vor der Entnazifizierungskammer (1946): Das Erbe deutscher Kunst hüten Dr. Eberhard Straub ist Historiker und Publizist. Er lebt in Berlin.

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