Joachim Kuhs

 

Deutscher europäischer Nation

In zwei Generationen haben die Deutschen ihre Geschichte hinter sich. Etwa zur Hundertjahrfeier von "1968" also, prognostiziert der auf jene westdeutsche "Kulturrevolution" und den Geburtenschwund in ihrem Gefolge weisende Naturwissenschaftler Theodor Schmidt-Kaler (JF 50/04). Das wäre gut fünfzig Jahre nach Aufnahme der Türkei in einen Staatenverbund, der bis dahin Europäische Union hieß.

Eigenartige Koinzidenz, daß in diesen Tagen, wo allen voran 68er-Deutsche in der belgischen Hauptstadt für eine neue, wohl "nachhaltigere" Variante des "Untergangs" die Weichen stellen, die Lebenserinnerungen eines Brüsselers erscheinen, der eine, wenn nicht die Verkörperung des "guten Europäers" war. Die Biographie des Publizisten und Kulturphilosophen Gustav René Hocke, 1908 in Brüssel geboren, 1985 in Rom gestorben, aus dessen Nachlaß jetzt Detlef Haberland einen – streckenweise leider dürftig und oft auch fehlerhaft kommentierten – Memoiren-Ziegelstein zutage gefördert hat, bietet alles, was zur Grundausstattung von Nietzsches "gutem Europäer" – oder des "Deutschen europäischer Nation" wie Hocke sich selbst sah – gehörte. Wie der am Niederrhein aufgewachsene Hocke nicht "im Reich" das Licht der Welt erblickt zu haben, zählt vielleicht nicht unbedingt dazu -sehr wohl aber ein ausländischer Elternteil, in diesem Fall die belgische Mutter, die zweisprachige Erziehung, die humanistische Schul- und Universitätsausbildung, die während des Studiums perfektionierte Kunst, in den "Hauptsprachen" des Kontinents zu parlieren, eine auf Reisen in die westlichen Metropolen erworbene "Weltläufigkeit" sowie dazu passende liberale und kosmopolitische Lebenseinstellungen.

Hocke promovierte 1934 in Bonn über die französische Lukrez-Rezeption. Sein Doktorvater, der Romanist Ernst Robert Curtius, hatte ein Jahr nach der Machtergreifung der verachteten "germanischen Speerwerfer" damit begonnen, sich hinter "Bergen mittellateinischer Literatur" zu verschanzen, um in der inneren Emigration sein Opus magnum zu schreiben: "Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter" (1948). Im "Bann des Lehrers Curtius" verinnerlichte Hocke den "humanen Glanz des Übernationalen", entdeckte den Rhein als "stärkste, weil symbolreiche Vertikale" Europas. Curtius habe die geistigen Grundlagen der deutsch-französischen Verständigung gelegt und auf diesem Terrain über seinen Tod (1956) hinaus gewirkt. Denn nicht zufällig stamme die Konzeption des von Adenauer und de Gaulle 1963 unterzeichneten Elysée-Vertrages von einem Curtius-Schüler, dem Ministerialdirektor im Auswärtigen Amt Josef Jansen.

Curtius‘ Europa, "humanistisch, demokratisch, freiheitlich", selbstverständlich auch "liberal" und "sozial", sollte "aber geistig – bei aller Modernität – konservativ bleiben", wie Hocke zustimmend betont. Das heute in Debatten um die EU-Verfassung und den Kanon europäischer "Werte" arg erodierte, "weltoffener" Beliebigkeit preisgegebene, verschämt auf eine lächerliche "Leitkultur" reduzierte Ordnungsgefüge bildet also den durchaus fundamentalistischen Kern des "Abendlandes", wie es Curtius verstand.

Gemessen an diesen Standards europäischer Kultur, die für Hocke zeitlebens Gültigkeit behielten, erschien es noch in den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts gänzlich abstrus, mit dem "Morgenland" einen "Dialog" zu führen. Denn was hätte man auch von einer Kultur lernen sollen, die den Humanismus und die Aufklärung verpaßt hat? Nur artifizielle Europäer, eben jene entwurzelten Deutschen nach Curtius und Hocke, die Kinder der "Ruinen-Generation" (Wolfgang Weyrauch) der "Deutschen Bundesrepublik", wie Hocke das westdeutsche Staatswesen beharrlich-distanziert nennt, konnten die abendländische Kompaßnadel verlieren. Was Markus Wehner kürzlich den Grünen attestierte, nämlich aus deutschem Selbsthaß heraus zu "emphatischen Anhängern der europäischen Idee" geworden zu sein, in der Hoffnung, "dem Nationalstaat nun durch die Überhöhung eines vereinigten Europa den Garaus" machen zu können (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 5. Dezember): Das gilt cum grano salis ebenso für Christ- und Sozialdemokraten. Deutschland sei sein Vaterland, Europa unsere Zukunft, pfälzerte Helmut Kohl. Mit anderen Worten: Für diesen Bundeskanzler hatte das deutsche Vaterland keine Zukunft. Die inzwischen etablierten antieuropäischen "Parallelgesellschaften" sind darum ein konsequentes Erbe dieses Kanzlers der Einwanderung, den, sprachlich nur seinem Heimatidiom zu Hause, geistig nichts mehr mit "Alteuropa" verband.

Hocke, nicht mit diesem durch exzessive "Fremdenliebe" kompensierten Verlust des "Bewußtseins politischer und kultureller Identität" (Haberland) geschlagen, aktualisiert in seinen Erinnerungen daher ein gleichsam "natürlich" gewachsenes, aus dem geistigen Kosmos des 18. Jahrhunderts gespeistes, selbstbewußtes deutsches Europäertum, das zwar noch in der Adenauer-Republik präsent war, aber heute tatsächlich, wie der Herausgeber vermerkt, "als Mentalität und Stimmung längst vergangene Welt" ist.

Folglich gerät die Lektüre gerade der ausführlichen Kapitel über Hockes zweiten italienischen Lebensabschnitt zu einer "archäologischen Entdeckungsreise". Nachdem er seit 1940 zunächst für die Kölnische Zeitung aus der Hauptstadt des faschistischen Achsenpartners berichtet und sich als Luftwaffendolmetscher auf Sizilien verdingt hatte, um dann ab 1943 als untergetauchter "Halbemigrant" in der ewigen Stadt die Ankunft der Westalliierten zu erwarten, hatte er als Auslandskorrespondent in Rom Gelegenheit, die Kapitolinischen Verträge, die die EU einst im März 1957 als Europäische Wirtschaftsgemeinschaft begründeten, und das langwierige Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) publizistisch zu kommentieren. Bereits bei seinem Start sah Hocke den europäischen Zug in die falsche Richtung rollen. Die Mißachtung der sich nicht "rechnenden" Kultur, der Primat des Ökonomischen, das nicht allein in Hockes italienischem Umfeld früh erkennbare "soziale Inferno" wie die Ausbildung mafiöser "Zwischenwelten" zeigten ihm untrüglich an, daß zwischen den abendländischen "Idealen des Westens" und der "gelebten Wirklichkeit" in der Europäischen Gemeinschaft rasch eine "verhängnisvolle Kluft" entstanden war.

Nicht nur in der Vergegenwärtigung dieser "Kluft" wecken Hockes Erinnerungen Neugierde und fordern aktuelle Vergleiche heraus. Sie dokumentieren zugleich, daß der Verfasser eines nur kurzfristig erfolgreichen, in NS-Zeiten "für die Schublade" geschriebenen Großromans ("Der tanzende Gott", 1948), extrem anspruchsvoller kunst- und kulturphilosophischer Reflexionen ("Die Welt als Labyrinth", "Manierismus in der Literatur", 1957/59) sowie eines fast resonanzlosen Mammutwerkes über "Das europäische Tagebuch" (1963) früh auf verlorenem Posten stand – ungeachtet seines geselligen Lebens, das dieser "Deutschrömer" in eindringlichen biographischen Skizzen über Ingeborg Bachmann, Marie Luise Kaschnitz, Hans Werner Richter, Stefan Andres, Hans Magnus Enzensberger oder Hans Werner Henze protokolliert.

Hocke, ein Genie der Freundschaft, erfaßt dabei Charaktere selbst im Vorbeigehen, wie 1929 "jenen Studenten aus Königsberg, Schneider, den ich wegen der für sein Alter ungewöhnlich scharfsinnigen Urteile über Literatur schätzte". Es handelt sich, was der bislang vornehmlich geographiehistorisch profilierte Editor Haberland offenbar nicht weiß, um jenen späteren "SS-Wissenschaftler" und scharfrichternden "Re-Zensor" Hans Ernst Schneider, dem nach 1945 als "Hans Schwerte" eine – bis zum "Skandal der Entdeckung" – steile bundesdeutsche akademische Karriere bevorstand.

Der zwar authentische, aber eben entschieden weniger wendig-"weltoffene" Europäer Hocke empfand sich als Auslandskorrespondent beizeiten als Relikt einer Presselandschaft, die selbst in der NS-Zeit nicht so "total" vom Triumvirat "Staat, Parteien, Wirtschaftsmächte" erdrückt worden sei wie "mitten in einer angeblich freien parlamentarischen Demokratie". Daß "geistige Unabhängigkeit" auch in der "pluralistischen Demokratie" nur bei "wirtschaftlicher Selbständigkeit" zu wahren ist, erfährt Hocke mehrfach in brutaler Weise, so daß sein Lebensbericht in dieser Hinsicht mehr bietet als nur einen Blick hinter die Kulissen der gegängelten "vierten Gewalt" Westdeutschlands, nämlich eine konkrete "Soziologie des Schriftstellers" und Journalisten – bis in Details poröser Altersversorgung.

Die wenigen deutschen Journalisten, die im 20. Jahrhundert als "groß" gelten können, zeigten keine Neigung zur Autobiographie. Friedrich Sieburg nicht, Margret Boveri eigentlich auch nicht, sieht man von den "Verzweigungen" ab, die Uwe Johnson ihr im Gespräch entlockte. Keine Regel ohne Ausnahme – wenn Gustav René Hocke sich auch erst zwanzig Jahre nach seinem Tod meldet. 

Foto: Gustav René Hocke, um 1930: Was hätte man von einer Kultur lernen sollen, die den Humanismus und die Aufklärung verpaßt hat?

Gustav René Hocke: Im Schatten des Leviathan. Lebenserinnerungen 1908-1984, herausgegeben und kommentiert von Detlef Haberland, Deutscher Kunstverlag, München /Berlin 2004, 879 Seiten, gebunden, 68 Euro

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