Superwahljahr

 

Der Widerwille gegen die Kultur

Genauso hat man das 20. Jahrhundert in Erinnerung: lange Schlangen vor Schaltern, an denen freilich keine in vierfacher Durchschrift ausgefüllten Anträge auf Bewilligung einer vorläufigen Zutrittsbefugnis einzureichen, sondern nur zehn Euro zu berappen sind, zwölf am Wochenende – Vollzeitbeschäftigte haben halt Pech. Wer die heißbegehrte Eintrittskarte ergattert hat, darf sich drinnen der drängelnden und schubsenden Horde einander Fremder anschließen, die nichts verbindet außer der Angst, etwas zu verpassen. Immerhin wird hier nicht auf Godot gewartet, sondern auf das MoMA, und das MoMA ist, wie die flächendeckende Plakatierung schon Wochen zuvor verhieß, „der Star“. Mehr Einblick verschafft das weltweite Netz ( www.moma-in-berlin.de ) unter den Rubriken Home, Service, Specials, Shop – wer will, kann das alles außerdem auf englisch haben. Weiter unten auf der Seite bekennt die Deutsche Bank, sie sei „committed to art“. Das verstört etwas, hoffte man doch eigentlich, daß Banken sich weniger der Kunst als vielmehr dem Profit verpflichtet fühlen. Zweihundertzwölf Meisterwerke aus dem Museum of Modern Art holte der Förderverein der Freunde der Neuen Nationalgalerie nach Berlin – im Namen der deutsch-amerikanischen Freundschaft und weil sie „beim Umbau des New Yorker Stammhauses gerade im Weg standen“, wie das Stadtmagazin Tip zur Ausstellungseröffnung recht pietätslos anmerkte, um einsamen Herzen ein paar Wochen später die Warteschlange als Partnerbörse zu empfehlen: „Ganz gleich, ob Bild- oder Faz-Leser … – die Gelegenheit, neue Kontakte zu knüpfen.“ Knapp 400.000 Besucher verzeichnete Klein-MoMA seit Mitte Februar – 100.000 fehlen noch, bis die 8,5 Millionen Euro teure Ausstellung schwarze Zahlen schreibt. Eine digitale Leuchtanzeige, wie sie die Fassaden amerikanischer fast food-Restaurants architektonisch zu bereichern pflegten – „Zwei Millionen verkaufte Burger“ -, sucht man an der Neuen Nationalgalerie zum Glück vergebens. Huldigt die Schau selbst der jüngeren Vergangenheit, so stimmt die Preispolitik ihrer Betreiber auf die nahe Zukunft ein: auf jene Zweiklassengesellschaft, die auch die deutsche Regierung, Opposition und Wirtschaft derzeit mit vereinten Kräften auf den Weg bringen. Wer genug Geld hat, um Zeit teurer zu schätzen, kann sich für 27 Euro aus der Schlange freikaufen: Sechzig Berliner Edelhotels vertreiben sogenannte VIP-Tickets, die jeweils nur für ein bestimmtes Zeitfenster gültig sind und zum Eintritt durch eine eigene Drehtür berechtigen, während sich unwichtige Personen daneben die Beine in den Bauch stehen. Und weil sich der mündige Verbraucher ein Schnäppchen noch weniger entgehen läßt als einen Star, bietet der Kunstbuchversand Frölich&Kauf-mann Eintrittskarte und Katalog im Kombipaket an: „Wollen Sie sich auch einreihen? Müssen Sie nicht!“ Gar nicht einreihen will sich die im Mai 2003 gegründete Initiative „Berlin umsonst“, die unter launigen Parolen wie „Her mit dem schönen Leben“, „Schluß mit Schluß“ und „Alles für alle“ gegen die Ökonomisierung sämt-licher Lebensbereiche im allgemeinen und die Verteuerung öffentlicher Verkehrsmittel, Schwimmbäder und anderer Kultureinrichtungen im besonderen mobil macht – und ihren Internetauftritt ( www.berlin-umsonst.tk ) unter anderem mit Popup-Werbung für eine bekannte Kreditkarte finanziert. Am 17. April versuchten 150 Mitglieder und Sympathisanten mit selbstgedruckten „MoMA umsonst“-Eintrittskarten die Nationalgalerie zu stürmen. Ein Polizeieinsatz verhinderte das, kulturell weiterhin unbeleckt zog man von dannen, um sich einer Protestaktion gegen die jüngste Fahrpreiserhöhung in den Berliner S- und U-Bahnen anzuschließen. Gegen solche spaßgesellschaftlichen Flusen läßt sich nur noch eine olle Kamelle wie die soziale Gerechtigkeit ins Feld führen: Die Demonstranten umsonst einzulassen, „wäre auch eine Ungleichbehandlung gewesen“, empört sich Jan Oelmann, Schatzmeister des Fördervereins. Wenn sich Berliner jemals wünschen könnten, in Braunschweig oder Magdeburg zu wohnen, dann jetzt. In den dortigen Landesmuseen ist der Eintritt seit kurzem tatsächlich frei. Das Kassenpersonal wurde schlicht eingespart, weil es mehr kostete, als es einnahm. Nicht mit überkommener Sozialromantik, sondern mit marktwirtschaftlichen Realitäten sei der Widerwille gegen die Kultur zu brechen und dem Steuerzahler zu vermitteln, daß selbige niemandem wenn nicht ihm gehört, lobte Die Welt diese Maßnahme: „Und wo man öfter hingeht, da spendet man auch gern, hofft man in Magdeburg.“ In Großbritannien, wo in den dreizehn staatlichen Museen und Galerien die im Rahmen von Margaret Thatchers Privatisierungspolitik eingeführten Eintrittsgebühren mit Hilfe einer Reform der Mehrwertsteuer und einer kräftigen Finanzspritze Ende 2001 wieder abgeschafft wurden, scheint sich das Rezept durchaus bewährt zu haben. Und auch hierzulande gilt: In harten Zeiten – schließlich könnte man für 27 Euro fast dreimal zum Arzt gehen – ist ein kostenloser Museumsbesuch allemal empfehlenswerter als ein Schaufensterbummel, der viel zu leicht zum Kaufrausch wird. Einen Luxus ganz anderer Art, nämlich stillzustehen (geschweige denn still zu stehen, was nur nach der neuen Rechtschreibung dasselbe ist), heißt es, gönne sich der ständig gehetzte Zeitgenosse nur auf der Rolltreppe oder im Fahrstuhl. Treppensteiger leben länger, halten Mediziner dagegen. So bleibt zum Müßigstand noch die MoMA-Schlange, während ringsum Bild-Leser mit FAZ-Lesern anbandeln und ganze Geschäftskorrespondenzen per Mobiltelefon abgewickelt werden. Die Moral schleift, die Gedanken schweifen: Auf die nach wie vor „andere“ Seite des Brandenburger Tors etwa, wo – als wäre New York nicht weit genug weg – die Terrakotta-Armee des ersten chinesischen Kaisers Qin Shi (259-210 v. Chr.) gastiert. Berlin versucht sich als Weltstadt, und der ausgeweidete Palast der Republik darf vor seinem Abriß noch einmal rote Flagge zeigen, nämlich die der Volksrepublik. Seit die lebensgroßen grimmigen Tonkrieger, die den Kaiser im Tod beschützen sollten, 1974 zufällig entdeckt wurden, hat die Welt ihr achtes Wunder und die von Gott wie Mao verlassene Provinz Shaanxi eine lukrative Touristenattraktion. Daß es sich bei der hiesigen Schau um eine „detailgetreue Nachbildung“ handelt – um die Kopie eines nie für Menschenaugen gedachten Originals zumal, ein waschechtes Simulacrum sozusagen -, diese Ironie hätten Andy Warhol und die anderen Postmodernen in der Nationalgalerie zu schätzen gewußt. Man mag auch jene weitere Ironie goutieren, daß Amerika einst seine kulturellen Minderwertigkeitskomplexe mit dem Erwerb teurer Kunstwerke kurierte – und Deutschland nun seine wirtschaftliche Schwäche zu kaschieren trachtet, indem der Bund in ungenannter Millionenhöhe für die Sicherheit der nach Europa zurückgekehrten Picassos, van Goghs, Monets, Klimts haftet. Was im übrigen das Warten auf MoMA betrifft, so hat – wie tröstlich – der Wahnsinn wenigstens Methode. „Wir wollen die Hysterie steigern“, verriet eine Sprecherin des Fördervereins der Berliner Zeitung. Über alledem wacht trügerisch naiv René Magrittes Riesenauge aus himmelblauem Himmel („Der falsche Spiegel“, 1928) – gut, daß es nebenbei großartige Bilder zu sehen gibt (JF 10/04)! Fotos: Besucherschlange vor der „MoMA“-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie in Berlin: „Wir wollen die Hysterie steigern“ / Krieger der Terrakotta-Armee: Nie für Menschenaugen gedacht

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