Joachim Kuhs

 

Aufwühlend

Es ist zwölf Monate her, da starteten Daryl Hall & John Oats ein fundamentales Comeback. „Do it for Love“ hieß das Album, mit dem sich das Popduo bei seinen Fans wieder ins Gedächtnis rief. Nun liegt die erste Live-DVD des so unterschiedlich veranlagten Duos vor; mitgeschnitten am 24. März 2003 im New Yorker John Jay College für die beliebte Fernsehshow „A&E Live by Request“. Das besondere an diesem Auftritt war, daß Fans während der Sendung direkt im Studio anrufen und sich die Lieblingslieder ihrer Idole wünschen konnten, die diese daraufhin aus dem Stegreif spielten. Heraus kam die ansprechende DVD „Live in Concert“ (SPV): 19 Klassiker aus über 30 Jahren Hall & Oats in unspektakulärem, auf das nötigste reduzierten Gewand. Während der inzwischen 57jährige Daryl in die Rolle der umschwärmten Diva schlüpfte und mit seiner noch immer brennenden, souligen Stimme das Geschehen beherrschte, hielt sich John Oats (wie eh und je) betont zurück, übernahm die Gitarrensoli und sorgte ansonsten für den Hintergrundgesang. Beiden steht die Freude im Gesicht geschrieben, endlich einmal wieder ihre unvergänglichen Hits gemeinsam vor einem begeisterungsfähigen Publikum aufführen zu können. Spätestens ab 1976/77 zählten Hall & Oats in ihrer amerikanischen Heimat zu den beliebtesten Popstars. Ihre Songs basierten auf schwarzem Soul, Rhythm’n’Blues, einer Prise Pop und sachten Rockelementen. Diese als „Blue Eyed Soul“ in die Musikgeschichte eingegangene Melange verband das Duo immer wieder mit aktuellen Stilrichtungen. Als zu Beginn der 1980er Jahre New Wave und New Romantics die Popwelt aufscheuchten, gelang Hall & Oats mit ihren Alben „Voices“ (1980) und „Private Eyes“ (1981) der weltweite Durchbruch. „I can’t go for that (No can do)“ oder „Kiss on my List“ hießen die mitreißenden Stücke aus amerikanischem Soul und europäischem New Wave-Sound. All dies und noch viel mehr zelebrieren Hall & Oats nun auf ihrer über 100minütigen Live-DVD. Begleitet von einer hochkarätigen fünfköpfigen Band, die sich niemals in den Vordergrund drängt, aber trotzdem genügend Raum erhält, ihre instrumentalen Fähigkeiten unaufdringlich darzulegen, lassen Hall & Oats Hit auf Hit folgen. Neben den Stücken der New Wave-beeinflußten Phase des Duos hören wir dramatische Soulballaden wie „She’s gone“ oder das hierzulande eher von Paul Young bekannte „Every time you go away“, neben Großstadtblues („Me and Mrs. Jones“), mal romantischem, („One on One“) mal relaxtem Soulpop („Sara Smile“, „Rich Girl“) und klassischem US-Rock/Pop („Maneater“, „It’s a Laugh“, „Family Man“). Die Songs ihres letztjährigen Albums fügen sich nahtlos in den Hitreigen ein. Während man bei den Studioaufnahmen Zugeständnisse an den musikalischen Zeitgeist machte und sich in die Nähe unsäglicher Boybands manövrierte, blieben Drumcomputer bei der Live-Aufführung ausgeschaltet und hielten sich die Synthesizer wohltuend zurück. Rock, Blues und Soul, erdigster und echtester Art, bestimmten auch aktuelle Songs wie „Getaway Car“, „Life’s too short“ oder „Do it for Love“ bzw. „Forever for you“. Neben den insgesamt 19 Live-Songs – davon fünf als Bonus -, runden ein Interview mit Hall & Oats, seltene Photos und die komplette Diskographie (leider jedoch ohne Titelliste und Erscheinungsdatum) die DVD ab. Und Hall & Oats-Fans, die keinen DVD-Spieler besitzen, dürfen trotzdem gerne zugreifen. Denn die 14 besten Songs dieses Auftritts befinden sich auf einer fast 72minütigen CD, die diesem Set zusätzlich beiliegt und beweist, daß „Hall & Oats – Live in Concert“ nicht nur ein großartiges Sehvergnügen ist, sondern auch ohne Bilder hochemotional, aufwühlend wirkt!

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