Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Auf Zeitreise

Mit „Slowly But Surely“ (Damaged Goods), ihrem zwölften Studioalbum in zehn Jahren, hofft Holly Golightly an den Erfolg von „Truly She Is None Other“ (2003) anzuknüpfen. Die Garage-Szene im englischen Medway in der Grafschaft Kent, der auch diese schwarzhaarige Circe entstammt, hat schon Talente wie The Prisoners und den allgegenwärtigen Billy Childish, Künstler, Schriftsteller und Sänger in unzähligen Bands, hervorgebracht. Golightly machte zuerst 1991 als Gründungsmitglied der Mädchen-Kombo Thee Headcoatees auf sich aufmerksam, die nicht nur einen eigenwilligen Namen trug, sondern auch temperamentvoll wie eine Punkband auf Nostalgietrip in die sechziger Jahre aufspielte. Die Lieder, so sie keine Cover-Versionen waren, schrieb Billy Childish. Zuletzt hat Golightly neben ihren Solo-Alben für Bands wie Rocket From The Crypt, The Greenhornes und Mudhoney gesungen und ist mit dem von der Kritik verhätschelten Detroiter Geschwisterpaar The White Stripes auf US-Tournee gegangen. Ein Gastauftritt auf deren letztem Album „Elephant“ bescherte ihr viel Kudos in der Musikpresse – und Rhapsodien von Jack White höchstpersönlich: „Ich möchte sie bitten, für mich zu singen … Welch weiche Töne, die meine Lider entspannen, Vibrationen in meinen Fingern. Ich vergesse die Papierstapel auf meinem Schreibtisch, die Plätzchen, die im Ofen anbrennen, das klingelnde Telefon und mach’s mir mit mir selbst gemütlich.“ Ihrem eigenen Werk hat diese Produktivität indes keinen Abbruch getan – Golightlys Songs, zumeist selbstgeschrieben, klingen so geschliffen und so bittersüß wie eh und je. Die Qualität ihrer Aufnahmen verdankt sich nicht zuletzt Liam Watsons Londoner Toe Rag Studios, wo übrigens auch „Elephant“ produziert wurde. Ohne Computer, sondern mit Originaltechnik von vor vierzig Jahren wird dort sozusagen in Handarbeit abgemischt, um einen authentisch „hohlen“ Retroklang zu erzeugen. Die Einflüsse auf Golightlys Alben reichen von Jazz, Folk und Gospel bis hin zum Elektro-Blues, von Country und Rockabilly bis hin zu den psychedelischen Klängen der Mittsechziger, und auch „Slowly But Surely“ entführt seine Hörer auf eine popmusikalische Zeitreise durch die letzten vier Jahrzehnte. Das erste Stück, „On the Fire“, ist eine wunderschön traurige Folk-Ballade. Wie eine abgebrühte Nancy Sinatra klingt Golightly, wenn sie über die Liebe als Lüge und die Liebe zu einem Lügner singt. Im nächsten Lied besingt sie dafür „The Luckiest Girl“ – mit wehendem Gitarren- und Sitarklang, als wäre es eine Beatles-Nummer aus der „Revolver“-Ära. Dann hebt eine Elektroorgel an, und plötzlich geht’s ordentlich zur Sache. „My Love Is“, die erste von drei Cover-Versionen, ist ein Jazz-Stück aus der Feder von Billy Miles. Der urige Doppelbaß ihres regelmäßigen Begleiters Matt Radford erdet Golightlys stimmsichere Höhenflüge. Die beiden anderen Covers sind Blues-Nummern. Der Titelsong, klassischer 1960er-R&B, beginnt mit brillantem Orgelspiel und zeigt dann, daß Golightly ihrer Stimme auch wohlig-warmen Tiefgang zu verleihen vermag. Mit „Mother Earth“, purem Delta-Blues, klingt das Album aus – Golightly nimmt das ursprünglich von dem legendären Blues-Pianisten Memphis Slim geschriebene und eingespielte Lied und macht daraus etwas ganz Eigenes. Überhaupt hat alles auf diesem Album Hand und Fuß – der stampfende Garage-Rocker „In Your Head“ ebenso wie „Through Sun and Wine“, das so beschwingt daherkommt wie der Sommerwind. In dieser Platte ist drin, was auf der Hülle steht: „Langsam, aber sicher“ frißt sich an langen Winterabenden ein Ohrwurm nach dem anderen ins Gehör und ins Gemüt. Davon kann man gar nicht genug kriegen.

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