Am Beispiel Richelieu

Unter jenen, die zwischen Machiavelli, Nietzsche und Max Weber über Macht reflektierten, ist Richelieu nahezu der einzige, der dank eigener – wenn auch indirekter – Ausübung, nicht nur theoretisch sondern als Praktiker mitreden kann.“ Mit dieser Feststellung beschreibt der an der Berliner Technischen Universität Finanzwirtschaft lehrende Marcus C. Kerber gleichzeitig seinen Antrieb, sich dem französischen Kardinal und Ersten Minister Armand Jean du Plessis, Herzog von Richelieu (1585-1642) zuzuwenden. Dabei richtet er das Augenmerk auf das politische Testament des Staatsmannes, dessen „Macht des Vorzimmers“ elementare Linien der französischen Politik bestimmte, ohne den schwachen Ludwig XIII. als Instanz in Frage zu stellen – sei es die innenpolitische Festigung des Souveräns gegen die Stände bis hin zur Wegbereitung des Absolutismus oder die außenpolitische Erlangung der europäischen Vorherrschaft gegen das Haus Habsburg. In der Interpretation schließt sich Kerber der bis heute gängigen Meinung über Richelieu an, die den Staatsmann in den Prozeß vom Ständesystem mit universalistisch-christlicher Weltanschauung zum modernen, auf weltlicher Räson aufbauenden Staat einreiht und ihm sogar eine Vorreiterrolle zuspricht, was mit Richelieus Gründung der Académie française 1635 sicher am signifikantesten belegbar ist. Zudem weist Kerber auf die moderne Gewißheit in des Kardinals politischen Selbstverständnis hin, in der sich trotz der noch dominierenden religiösen Rhetorik der Vernunftstaat bereits anbahne. Immer das Exempel Richelieu im Blick, leitet Kerber – der selbst die Vorzimmer der Macht als Berater kennengelernt hat – sogar „Handlungsparameter“ ab, die ein erfolgreiches Dasein in der Schlangengrube der Günstlinge und Ratgeber ermöglichen sollen. Daß die Verhältnisse im Dunstkreis der Herrscher im heutigen demokratischen System nicht viel anders sind als im 17. Jahrhundert, beschreibt Kerber anhand aktueller Pariser und Bonner Beispiele detailliert. Gerade dadurch widerlegt er aber eine entscheidende These aus Richelieus Testament, nach der „die Vergangenheit ohne Bezug zur Gegenwart“ sei. Markus C. Kerber: Richelieu oder Die Macht des Vorzimmers. Verbum Druck- und Verlagsgesellschaft, Berlin 2004, 100 Seiten, broschiert, 14 Euro

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