Zwischenphase

Nachdem sich Meat Loaf 1982 von Entdecker und Mentor Jim Steinman getrennt hatte und sein 83er-Album "Midnight at the Lost and Found" weltweit floppte, verlor der beleibte Texaner zu allem Überfluß auch noch seinen Plattenvertrag bei Epic/CBS. Aber Marvin Lee Aday, wie Meat Loaf mit bürgerlichem Namen heißt, gab trotz Alkoholproblemen, Depressionen und ellenlangen Prozessen mit Ex-Managern nicht auf und unterzeichnete zwei Jahre später einen Vertrag mit Arista, einem Sublabel von Ariola.

Dort veröffentlichte Meat Loaf zwischen 1984 und 1987 zwei Studioalben und eine Live-LP. Zur Feier seiner derzeit laufenden "Last World Tour" hat BMG-Ariola Miller jetzt in den Archiven gekramt und ein kompaktes CD-Set ("Rock’n’Roll Hero") zusammengestellt, das auf drei Silberscheiben 30 Lieder mit einer Gesamtspielzeit von über 160 Minuten enthält. Die verschiedenen Produzenten, mit denen Meat Loaf für diese drei Alben zusammenarbeitete, waren auch für die stark differierende Qualität der Lieder verantwortlich. Bei "Bad Attitude" versuchten Paul Jacobs und Sarah Durkee an den fundamentalen Sound Steinmans heranzukommen; bei der erfolgreichen Single "Modern Girl" wird Steinman als Co-Komponist genannt, die Ballade "Surf’s Up" und den schnellen Rocker "Nowhere fast" hatte er selbst geschrieben. Tatsächlich gelang es Meat Loaf auf "Bad Attitude" zumeist, an seine Glanzzeiten anzuschließen. Die hochdramatisch inszenierte Rockarie "Modern Girl" läßt seinen Ruf als "Richard Wagner des Rock" aufleben, "Piece of the Action" erweist sich als eingängige Romantik-Nummer, während der treibende Rock’n’Roller "Jumpin‘ the Gun" von Melodie und Arrangement her an Kenny Loggins‘ "Footloose" erinnert. "Don’t leave your Mark on me" ist eine aufregende Großstadtballade; zwischen Glamrock und romantischer Überdrehtheit ertönt der wiegende Pop/Rock/Blues-Verschnitt "Cheatin‘ in your Dreams".

Nach erfolgreicher Tournee, auf der Meat Loaf bewies, auch ohne Steinman im Hintergrund agieren zu können, hörte er eines Tages eine im Sommer 1985 veröffentlichte Coverversion des Led-Zeppelin-Klassikers "Stairway to Heaven". Die Band, die dies verbrochen hatte, nannte sich FAR Cooperation, Strippenzieher dieses Studioprojektes war Frank Farian. Meat verliebte sich in Farians fade Fassung des Rockklassikers und beschloß daraufhin, sein nächstes Album von dem saarländischen Schlitzohr produzieren zu lassen. Heraus kam der kreative Tiefpunkt in der Karriere des Fleischklopses: "Blind before I stop" erschien im Oktober 1986 und beinhaltete nur wenig Ansprechendes, Bleibendes. Trotzdem sind alle Songs des Albums auch auf "Rock’n’Roll Hero" versammelt. Farian verpackte die Stücke in Plastikarrangements, setzte dümmliche Drumcomputer und unnötige wie unpassende Synthesizerkaskaden ein, verzichtete oft auf den klassischen Rock’n’Roll-Rhythmus und baute statt dessen auf funkige, tanzbare Schlagzeugparts, die zu Meat Loaf so gut paßten wie Heavy-Metal-Gitarren zu Boney M. Niedrige Verkaufszahlen waren die Strafe.

Mit "Blind before I stop" im Gepäck begab sich Meat Loaf im Frühjahr 1987 auf eine ausgedehnte Tournee, deren beste Momente im Herbst gleichen Jahres auf dem Album "Live" erschienen. Zwar entfalten Klassiker wie "You took the Words right out of my Mouth", "Paradise by the Dashboard Light" oder die Hymne "Bat out of Hell" live gespielt ganz neue Kraft und ungeahnte Inspiration. Doch kommerziell war "Live" wieder ein Fiasko. Meat Loaf trennte sich von Arista, verfiel erneut in Depressionen, tourte rastlos um die Welt – bis Weihnachten 1989 plötzlich Jim Steinman überraschend vor seiner Tür stand … Doch dies ist eine andere Geschichte.

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