Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Zwischen Gebeten und Begierden

Zehn Jahre in dieser Gesellschaftswelt genügten, um mir zu zeigen, daß das Leben unverständlich ist ohne Gott.“ Dieser Ausspruch Evelyn Waughs kann als Schlüssel zu seinem Gesamtwerk dienen. Wenn auch in vielen seiner Romane – besonders in den Frühwerken – die Religion keine Rolle spielt, so ist doch in der Darstellung einer Welt ohne Gott die Sinn- und Glaubensfrage thematisiert. Seine Romane „Decline and fall“ („Auf der schiefen Ebene“, 1928) und „Vile bodies“ („Lust und Laster“, 1930) beschreiben das Leben der Londoner Dandys, zu denen auch Waugh gehörte, und entwerfen ein realistisches Sittengemälde seiner Zeit. Den Verlust der Werte stellt er gerade dadurch dar, daß existentielle Fragen wie die nach Glauben und Moral überhaupt nicht gestellt werden. Der am 28. Oktober 1903 als Sohn einer Verlegerfamilie geborene Evelyn Waugh konvertierte nach einer tiefen Lebenskrise und dem Scheitern seiner Ehe mit Evelyn Gardner 1930 zur katholischen Kirche. Zunächst änderte sich dadurch allerdings für ihn noch nicht sehr viel. Sein trinkfreudiges, promiskuitives und exaltiertes Partyleben ging weiter, mit dem Unterschied, daß er jetzt auch regelmäßig zur Beichte ging. Auch in zwischenmenschlichen Begegnungen war er stets spöttisch und oft sehr verletzend. Als man ihm einmal den Vorwurf machte, dies ließe sich nicht mit seiner Konversion vereinbaren, erwiderte er: „Wäre ich nicht Katholik, dann wäre ich noch viel unausstehlicher.“ Sein Zynismus und sein satirischer Humor prägen auch sein schriftstellerisches Wirken in den dreißiger und vierziger Jahren. 1932 schockiert er die Öffentlichkeit mit dem Roman „Black mis-chief“ („Schwarzes Unheil“), einer Satire auf Afrika, die auch dem zivilisierten Europa kannibalische Züge nachweist. Zwei Jahre später folgte „A handful of dust“ („Eine Handvoll Staub“), in dem er das Schicksal des Schloßherrn Tony Last schildert, den es in den Urwald des Amazonas verschlägt, wo er von einem Wilden gefragt wird: „Glauben Sie an Gott?“ Tony muß gestehen, daß er sich darüber bisher noch keine Gedanken gemacht hat. Zwar ging er in seiner Jugend zur Kirche, aber aus Tradition und nicht aus Glauben. Mit beißendem Spott schildert Evelyn Waugh, wie Tony in seiner Jugend den Gottesdienst erlebte: „Der Pfarrer kletterte mühsam auf die Kanzel. Er war ein älterer Mann, der die meiste Zeit seines Lebens in Indien Dienst getan hatte. Tonys Vater hatte ihm die Stelle auf das Drängen seines Dentisten übertragen. Er hatte eine edle und sonore Stimme und galt als der beste Prediger für viele Meilen im Umkreis. Seine Predigten waren während seiner rüstigeren Jahre für den Garnisonsgottesdienst verfaßt worden; er hatte nichts getan, um sie den veränderten Verhältnissen seiner Seelsorge anzupassen, und sie schlossen meist mit einer Erwähnung der Heimat und der Lieben in weiter Ferne. Die Dorfleute fanden dies in keiner Weise überraschend. Wenig von dem, was in der Kirche gesagt wurde, schien irgendeine bestimmte Beziehung zu ihnen selbst zu haben. Sie genossen die Predigten ihres Pfarrers sehr, und sie wußten, wenn er von ihrer fernen Heimat anfing, war es Zeit, die Knie abzustauben und nach dem Regenschirm zu fühlen.“ Ähnlich köstlich spottet Waugh auch über die Sensationsgier der Journalisten im Roman „Scoop“ („Der Knüller“), über das Leben im Gefängnis, das er in seiner Erzählung „Love among the ruins“ („Und neues Leben blüht“, 1953) als wahres Schlaraffenland schildert, oder über die bizarre Leichenkosmetik und das gesamte Bestattungsgeschäft in Kalifornien im Roman „The loved one“ („Tod in Hollywood“, 1948). Generell spart der Engländer Waugh in seinen Werken nicht mit Kritik an der amerikanischen Gesellschaft. Waughs Hauptwerk „Brideshead revisited“ („Wiedersehen mit Brideshead“; 1945) wurde 1982 verfilmt mit Jeremy Irons in der Rolle des Hauptmann Ryder. Erst am Ende wird deutlich, daß der Glaube stärker ist als alle anderen Ideen, von denen sich die verschiedenen Charaktere treiben lassen. Obwohl sie bis dahin fast gänzlich glaubenslos lebten und sich auf unterschiedlichste Weise in schwere Schuld verstrickten, finden sie am Ende fast alle zum Glauben. Während sie selbst allen möglichen Hirngespinsten nachjagten, hat Gott sie doch nicht aufgegeben. Dies muß auch der Ehebrecher Ryder feststellen, und in der Schloßkapelle von Brideshead kniet er nieder vor dem Allerheiligsten. Diesen Aspekt bringt Waugh auch besonders deutlich zum Ausdruck in seinen Biographien über „Edmund Campion“ (1935) und „Helena“ (1950). Die Mutter von Kaiser Konstantin fährt in das Heilige Land, um das Kreuz Christi zu suchen, denn: „Ich bin immer für das Wahre in greifbarer Form.“ Nach dieser Wahrheit suchte auch der Anglikaner Campion und konvertierte zum Katholizismus. Für die erkannte Wahrheit ist er bereit in der Katholikenverfolgung vieles zu erdulden und schließlich als Märtyrer unter Elisabeth I. sein Leben hinzugeben. Den finanziellen Ertrag dieser Biographie läßt Waugh Pater D’Arcy für den Neubau des Jesuitenkollegs in Oxford zukommen. Eine Spannung durchzieht das ganze Leben von Evelyn Waugh: die Spannung zwischen Materialismus und Hedonismus einerseits und der Sehnsucht nach Orientierung und Ordnung andererseits. Die Sinnlosigkeit eines verweltlichten Lebens hatte Waugh schon früh erkannt und immer wieder heftigst attackiert und karikiert, wenn er sich auch zunächst selbst nicht davon losreißen konnte. Seine Konversion geschah – nach Aussagen seines Zeitgenossen Graham Greene – weniger aus emotionalen denn aus rationalen Gründen. In seiner Orientierungslosigkeit findet er Halt in der katholischen Kirche, in ihren Glaubensaussagen und in ihren Riten, über die er selbst früher nur spotten konnte. Daher wird Waugh neben anderen englischen Schriftstellern (wie die Krimiautorin Agatha Christie) ein großer Gegner der Liturgiereform im Anschluß an das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965). Er bedauert die Verdrängung der lateinischen Sprache und die weitreichende Beteiligung der Laien an der Gestaltung der Liturgie. Schilderte er noch in seiner Nachkriegs-Romantrilogie „Sword of honour“ („Ohne Furcht und Tadel“, 1952-1961) den Katholizismus als die einzige Macht, die den moralischen Niedergang überdauern und ewige Werte bewahren könne, so nennt er bereits 1965 in einem Vorwort diese Trilogie einen „Nachruf auf die römisch-katholische Kirche, wie sie jahrhundertelang in England existiert hat“. Und er gesteht: „Ich habe mich getäuscht und habe dort, wo ich Unwandelbares vermutete, Spuren einer Revolution wahrgenommen.“ In dieser Verbitterung stirbt Evelyn Waugh an Ostern 1966. Seine Werke sind heute nicht nur deshalb weiterhin gefragt, weil sie eine Zeit beschreiben, die der heutigen in der öffentlichen Absenz Gottes gar nicht so unähnlich ist, sondern weil Ironie und wohldosierter Zynismus auch einer religiösen Gesellschaftskritik von heute guttäten.

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