Zum Schutz und Trutz zusammengestanden

Wenn vom August 1914, dem Beginn des Ersten Weltkriegs, die Rede ist, dann erwähnen die Zeitgenossen in allen Ländern immer wieder das rätselhafte "Augusterlebnis": ein Erlebnis, das für spätere Generationen schwer nachvollziehbar war und das auch in allen späteren Kriegen in seiner feierlichen Entschlossenheit eines ganzen Volkskörpers keine Parallele hatte. Langjährige überzeugte Sozialisten und Pazifisten meldeten sich freiwillig zur Fahne, alle gesellschaftlichen Gruppen, die bis dahin in tagespolitischem Kampf gegeneinander gestanden hatten, gliederten sich wie durch eine unsichtbare Hand und fanden sich zusammen zur Erreichung des einen großen Ziels: der Erringung des Sieges in einem als historischen Kampf empfundenen Weltkrieg. Die Erinnerung an diese Mobilmachungseuphorie galt es für die weitere Kriegszeit und darüber hinaus wachzuhalten. Diese Vorstellung erhielt ihre Form durch die "Ideen von 1914" – Überlegungen, wie die Welt nach dem Krieg auszusehen hatte und warum man diesen Kampf führte.

Steffen Bruendel untersucht in seiner Dissertation diese soziale Prägekraft kollektiv geteilter Wertvorstellungen. Er weist nach, daß die "Ideen von 1914" sehr schnell ein Eigenleben zu entwickeln begannen. Sie waren in Deutschland keineswegs der Ausdruck eines in sich erstarrten politischen Systems, sondern ganz im Gegenteil der Ausdruck des Gefühls, ein Land, das sich solchen Herausforderungen wie diesem neuartigen Weltkrieg gegenübersah, müsse sich auch innerlich völlig neu ordnen. Wo der Krieg die ganze Anstrengung eines Volkes beanspruchte, konnte es nach dem Krieg nicht einfach ein Weiterwursteln mit dem alten Bismarckschen System geben. Kurzum: Die "Ideen von 1914" symbolisierten, wie Bruendel schreibt, "den Zerfall älterer Legitimationsmuster und den Aufstieg neuer Legitimationsverheißungen". Entgegen ihren bisherigen Bewertungen waren sie ein Ausdruck der Moderne, nicht der Anti-Moderne. Sie waren freilich eine ganz spezifisch deutsche und idealistische Variante der Moderne, die wiederum eine Vielzahl von geistigen Ursprüngen hatte, unter denen die Jugendbewegung nur einer war. Die Frage nach den geistesgeschichtlichen Ursprüngen ist jedoch nicht das Thema des Autors, dies ist vielmehr ein politisches.

Die Frage war nur: Wo sollte man mit den Reformen des Reiches an Haupt und Gliedern beginnen? Welcher Geist sollte herrschen? Ein konstitutioneller und westlich orientierter, oder sollte es weiterhin eine Form der Klassengesellschaft mit fürstlichem Bundesrat und preußischem Herrenhaus geben? Oder sollte die Volksgemeinschaft, wie immer man sie definierte, die vorherrschende Art der Selbstorganisation sein? Die Antworten darauf waren nicht einfach zu geben und kristallisierten sich erst im Laufe des Krieges heraus. Die Form der Selbstorganisation, so die Diskussion, sollte keine Kopie der westlichen Kriegsgegner sein, sondern eine spezifisch deutsche werden. Der individualistischen westlichen Gesellschaftsverfassung stellte man die deutsche korporative Volksgemeinschaft gegenüber – und nutzte so bewußt den schon vorher von Ferdinand Tönnies geprägten Gegensatz zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft. Gegensätzliche Begriffspaare wie Kameradschaft statt Gleichheit, Mit-Regierung statt Selbstregierung, Nationaler Sozialismus statt Selbstregierung, und man könnte hinzufügen: deutsche Kultur statt westliche Zivilisation, prägten die Diskussionen. Dennoch schälten sich bereits früh zwei unterschiedliche Gruppen heraus: Die eine vertrat die Volksstaatsidee und setzte sich für eine konstitutionelle Reform ein, im Grunde also eine Verfassungsentwicklung im westlichen Sinne. Die andere, wesentlich größere Gruppe vertrat, obwohl häufig konservativen Zusammenhängen entstammend, eine korporative Volksgemeinschaft, einen "nationalen" Sozialismus, der westlich-konstitutionelle Reformen ablehnte. Doch auch die Vertreter der Volksgemeinschafts-Idee wollten nicht das alte Bismarcksche System perpetuieren. Im Gegenteil: Im Laufe der Zeit stellte sich heraus, daß gerade ihre Loyalität im Zweifelsfall eher dem deutschen Volk als dem deutschen Kaiser galt. Eine genaue Abgrenzung der Gruppen schien in der ersten Hälfte des Weltkrieges noch nicht möglich. Zu unscharf verliefen die Grenzen, zu sehr war man auf allen Seiten bemüht, die Stoßrichtung der Diskussion auf den äußeren Feind zu richten.

Die innere Spaltung kam etwa in der Mitte des Jahres 1916. Seither fiel die ursprünglich aus dem Gemeinschaftserlebnis des August genährte Gemeinsamkeit der deutschen Intellektuellen endgültig auseinander. Die bereits vorher vorhandenen inhaltlichen Unterschiede zwischen den Volksstaats- und den Volksgemeinschaftsanhängern weiteten sich zu ernsten und harten Auseinandersetzungen aus. Die Aufhebung des Verbots einer öffentlichen Kriegszieldiskussion im Herbst 1916 tat ein übriges. Überwogen bis dahin die Auffassungen einer "inklusiven" also auch die etwa von Bismarck noch als "Reichsfeinde" bezeichneten Gruppen einschließenden Volksgemeinschaft, so wandelte und radikalisierte sich der Volksgemeinschaftsbegriff zusehends und schloß nicht nur Katholiken, Sozialdemokraten, Elsässer und Polen, sondern auch Juden vermehrt aus. Der Streit gipfelte schließlich in der Gründung der Deutschen Vaterlandspartei, was zum vollständigen Bruch der beiden Gruppen führte und zur endgültigen Loslösung der Volksstaats-Gruppe von den Ideen von 1914, während die Intellektuellen, die der Vaterlandspartei nahestanden, diesen Begriff ganz für sich vereinnahmten.

Die äußerst vielfältige Wirkungsgeschichte der "Ideen von 1914" wird bei Bruendel vielleicht etwas zu beiläufig abgehandelt. Hierzu zählen sicher die Diskussionen über den Volksgemeinschafts-Gedanken in der Weimarer Republik und später im Dritten Reich, aber auch die (von Armin Mohler nicht für relevant gehaltenen) Auswirkungen auf die Ideen der Konservativen Revolution, deren revolutionärer Teil aber ohne die "Ideen von 1914" kaum erklärlich schiene. Auch die Gedanken der "National-Kommunisten" wie Wolffheim und Lauffenberg oder diejenigen von Niekisch wären untersuchenswert, ebenso der Sozialdemokraten wie Paul Lensch oder August Winnig, die zweifellos von den "Ideen von 1914" zutiefst geprägt waren. Doch auch in ganz andere, überraschende, Richtungen könnte eine solche Untersuchung gehen: etwa der Frage nach den Ursprüngen der Idee der Freien Marktwirtschaft aus den Ideen von Franz Oppenheimers "liberalem Sozialismus" (Ludwig Erhard war Doktorand Oppenheimers).

Der Autor wirbelt in wohltuender Weise die liebgewordenen Ideologeme einer deutschen Historikergeneration durcheinander, die seit Fritz Fischer und später Wolfgang Mommsen und anderen zur ständig wiederholten Liturgie geworden waren. "Die Ideen von 1914" seien, so Bruendel, eben nicht in einer direkten Kausalbeziehung zum Nationalsozialismus zu sehen. Den Historiker-Dogmen von deutscher Kontinuität und deutschem Sonderweg (für den die "Ideen von 1914" geradezu exemplarisch standen), dem allein durch "westliche Einbindung" – auch in der rückwirkenden Geschichtsdeutung – begegnet werden könne, weiß der Autor eine differenzierte Auffassung entgegenzusetzen. Ebenso ergeht es der Standardthese vom "chauvinistischen Kulturkrieg" und den aggressiven Germanisierungsabsichten Deutschlands.

Der Berliner Akademie-Verlag hat mit diesem Buch erneut gezeigt, daß er immer wieder für eine positive Überraschung gut ist. Dies ist um so bemerkenswerter, als die Arbeit Bruendels unter den Bielefelder Professoren Hans-Ulrich Wehler und Ingrid Gilcher-Holtey (die eine lesenswerte Geschichte der 68er verfaßt hat) zustande kam, die bislang nicht durch Neubewertungen dieser Art aufgefallen sind. Gute Ansätze sind also vorhanden. Hoffentlich kann der Autor sie gegen eine geballte Deutungsmacht des deutschen Historiker-Establishments verteidigen.

Ahriman Verlag
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