Joachim Kuhs

 

Zündstoff

Im Editorial der aktuellen Ausgabe von Weißes Minarett, der im 19. Jahrgang erscheinenden und von Hadayatullah Hübsch und Tariq Habib Guddat herausgegebenen Zeitschrift des Islam, zieht der Autor eine vernichtende Bilanz der gesellschaftlichen, politischen, sozialen und kulturellen Zustände in Deutschland: „Zelebrierung des Egoismus, Zurschaustellung von Perversitäten, eine Vergnügungsindustrie, die moralisches wie religiöses Verhalten verspottet, 10 Millionen Alkohol- und Drogenabhängige, die Jugend weithin dem Konsum ergeben, zu Showeffekten entwürdigendes Politikergezänk, eine Kultur, die nach Sensationen giert und nicht mehr nach Werten schaut …“ Auch als christlicher Konservativer wird man dieser ebenso nüchternen wie verheerenden Lagebeschreibung kaum etwas entgegenzusetzen haben. Für mindestens genausoviel Zündstoff dürfte auch der Leitartikel des Herausgebers Hübsch über „Islam – Das Fremde in unserem Land“ sorgen. Sein Verdikt, „daß die derzeitige Präsenz von über drei Millionen Muslimen von Dauer sein wird, weil die meisten von ihnen entweder eingebürgert oder mit dem Recht auf unbefristeten Aufenthalt ausgestattet sind“, wird gewiß nicht jedem gefallen. Wenn dies aber tatsächlich so sein sollte, müßte man wohl wirklich begreifen, „daß damit auch eine Verantwortung verbunden ist, die Würde der Muslime nicht anzutasten und sie nicht de facto als Bürger zweiter Klasse zu behandeln“. Widersprechen muß man ihm jedoch, wenn er von den christlichen Kirchen fordert, deutlich zu machen, „daß es in islamischen Ländern sehr wohl Kirchen gibt, von gewissen Diktaturen einmal abgesehen, daß es dort ganz normal ist, daß Kirchenglocken läuten, während der Muezzin zum Gebet ruft …“ Hier ist wohl eher der Wunsch der Vater des Gedankens. Selbst in der laizistischen Türkei, die nun gewiß keine Diktatur ist, ist die Situation für Christen mehr als prekär. Ironischerweise hat gerade die neue islamistische Regierung den Christen jetzt erlaubt, in ihren Wohnungen Gottesdienste zu feiern. Und über den Terror, den Christen in islamischen Ländern wie Sudan, Nigeria, Pakistan und Saudi-Arabien erleiden, braucht man eigentlich kein Wort mehr zu verlieren. Die „Bücherecke“ befaßt sich mit Literatur zum 11. September 2001. Natürlich bekommt auch Samuel P. Huntington sein Fett weg, und sein Schüler Bassam Tibi wird im selben Aufwasch gleich mit abgewatscht. Was dabei leider immer wieder unterschlagen wird, ist, daß Huntington am Ende seiner globalpolitischen Analyse durchaus für eine Stärkung der Zivilisiertheit plädiert, wenn er schreibt, die Zukunft des Friedens und der Zivilisation hänge davon ab, „daß die führenden Politiker und Intellektuellen der großen Weltkulturen einander verstehen und miteinander kooperieren“. Man kann auch Verschwörungen entdecken, wo gar keine sind. Und Tibis Aufruf an die Europäer und vor allem an die Deutschen, weniger „Demut, Selbstverleugnung und falsche Toleranz“ zu zeigen, hat mit Kulturbiologismus nichts, mit Zivilisationsbewußtsein jedoch eine Menge zu tun. Anschrift: Babenhäuser Landstr. 25. 60599 Frankfurt. Der Einzelpreis beträgt 5 Euro.

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