Wölfe des ewigen Friedens

Hobbes: Hast Du vernommen, Immanuel, daß wir jetzt zu hochpolitischen Ehren gekommen sind und gegeneinander ausgespielt werden? Robert Kagan, einer jener merkwürdigen „Neo-Cons“ in Amerika, die Konservatismus mit dem Recht verwechseln, andere Völker ungestraft in den Hintern treten zu dürfen, hat im Weekly Standard gesagt, Du mit deiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ stündest für das alte Europa und ich mit meiner Devise „Der Mensch ist des Menschen Wolf“ (homo honini lupus) für das junge Amerika. Kant: Das kommt davon, daß Du während Deines Erdengangs so wenig Ahnung von der Zoologie gehabt hast. Wie kann man das Wolfsrudel für den Inbegriff der blinden Gewaltanwendung und der Gesetzlosigkeit halten! Es gibt doch nirgendwo ein strengeres Gesetzesregiment als unter den Wölfen! Alles ist bei denen penibel geregelt, im Wolfsrudel herrscht das strikteste Friedensgebot, wahrhaft ein Ewiger Frieden. Hobbes: Ich mußte auch lächeln, daß Herr Kagan ausgerechnet mich für die amerikanische Demokratie in Anspruch nimmt, mich, den Autor des „Leviathan“, den Befürworter des absoluten Staates, den Demokratiefeind par excellence. Das läßt ja einiges erwarten. Übrigens: Du weißt so gut wie ich, daß ich das Gerede über Gut und Böse immer erbittert bekämpft habe, daß ich immer der Meinung war, es komme in der Politik nicht auf gut und böse an, sondern auf Friedensstiftung. Deshalb ja der Leviathan! Er zwingt die Guten wie die Bösen unnachsichtlich zum Frieden. Kant: Ja, aber Du hast dich eben zu wenig für die Außenpolitik interessiert, hast geglaubt, wenn jedes Volk seinen Leviathan hat, dann würden sie alle friedlich und auch über die Grenzen hinweg Frieden halten. Du hättest mehr auf Hugo Grotius hören sollen, den Völkerrechtler. Dein Leviathan ist der Staat; es gibt aber viele Staaten, und da es keinen Welt-Leviathan gibt – wie sollte der auch entstehen? -, muß es eben ein internationales Staatenrecht geben, ein Völkerrecht, wie ich es in meinem „Ewigen Frieden“ skizziert habe. Hobbes: Ach, Immanuel, Dein Ewiger Frieden, Dein Völkerrecht! Das sind doch alles bloße Sollenssätze, und niemand muß sich daran halten. Kann es nicht sein, daß dieser Herr Kagan doch recht hat und die heutigen Europäer, abgeschlafft und ängstlich, wie sie geworden sind, sich hinter Deinen Sollenssätzen verstecken, um überhaupt nichts tun zu müssen? Ist Dein Ewiger Frieden nicht bloße Utopie, eine schlechte Utopie? Hoffen und harren macht viele zu Narren. Kant: Gemach, gemach. Ich unterscheide sehr scharf, wie es meine Art ist, zwischen Völkerrecht auf der einen Seite und dem sogenannten „Weltbürgerrecht“ auf der anderen. Was das Völkerrecht betrifft, so paßt es genau in die Zeit der Zwietracht und der Interessengegensätze, weil es letztlich allen gleichmäßig nützt. Und es sind auch internationale Institute vorstellbar, die seine Regeln vorleben, anmahnen und durchsetzen. Hobbes: Bei Dir kommen sich doch Völkerrecht und Weltbürgerrecht dauernd in die Quere. Als Weltbürgerrecht deklarierst Du das „Recht auf Hospitalismus“, ein allgemeines Besuchsrecht also, wonach sich die Mächtigen und die Händler und die Lustreisenden der verschiedenen Staaten gegenseitig besuchen und kennenlernen sollen. Wie sieht die Wirklichkeit aus? Man „besucht“ sich, um den jeweils anderen zu zerstören, ruiniert die einheimische Industrie, verhöhnt die angestammten Überlieferungen und Kulturen, stiftet Hader und sinnlose Sehnsüchte. Wie weise dagegen mein Leviathan! Er deklariert gegebenenfalls einfach: Grenzen zu, kehre jeder vor seiner Tür! Und der Friede ist gewahrt. Kant (etwas verlegen): Darf ich daran erinnern, lieber Thomas, daß ich das Problem im „Ewigen Frieden“ sehr wohl ins Auge gefaßt und kommentiert habe? Ich zitiere: „Sieht man nun auf das inhospitale Betragen der gesitteten, vornehmlich Handel treibenden Staaten unseres Weltteils“ (ich hatte damals England im Auge), „so geht die Ungerechtigkeit, die sie in dem Besuche fremder Länder und Völker (welches ihnen mit dem Erobern derselben für einerlei gilt) beweisen, bis zum Erschrecken weit. Amerika, die Negerländer, die Gewürzinseln, das Kap usw. waren bei ihrer Entdeckung Länder für sie, die keinem angehörten, denn die Einheimischen rechneten sie für nichts.“ Hobbes (begütigend): Da sind wir uns völlig einig. Was noch hinzukommt – und was Du in meinen „Elementen der Philosophie“ unter dem Stichwort „De homine“ nachlesen kannst -, ist der Betrug durch Sprache, die unglaubliche Verlotterung der Sprache und ihre Instrumentalisierung zum Zwecke der Herrschaft, damals zur Zeit meines Erdengangs von seiten der christlichen Proselytenmacher und angemaßten Propheten, später zu Deiner Zeit von seiten der sogenannten Aufklärer und revolutionären Menschenrechtler. Sie sprechen von Erlösung und Mündigwerdung, und in Wahrheit meinen sie Pfründen und Konzessionen und sadistisches Niedermachen aller Meinungsgegner. Du als „führender Aufklärer“ kannst Dich von diesem Treiben nicht ganz ausnehmen, lieber Immanuel. Kant: „Sapere audi! Lerne, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Das galt damals, und das gilt auch noch heute und wird immer gelten. Aber die Philosophen und die Mächtigen, das ist nun mal ein Kapitel für sich. Auch Du, lieber Thomas, an sich ein Mann der Konterrevolution und der Stuarts, hättest ja nicht ungern als Berater bei Oliver Cromwell angeheuert, trotz dessen blutiger Manchetten und unsauberer Hemdkragen, hättest ihn zum neuen Leviathan hochgejubelt, wenn sie Dich nur gelassen hätten. Was mich angeht: Ja, ich bin zu Kreuze gekrochen, als die fatale Kabinettsorder aus Berlin kam. Ich habe aber immerhin die Faust kräftig in der Hosentasche geballt. Wir haben uns gegenseitig nichts vorzuwerfen. Hobbes: Wissen möcht‘ ich aber gerne, was so einer wie der Herr Kagan mit seinem Weekly Standard von sich denkt. Da sitzt so ein kleiner Köter, mit der geballten Macht der administration einschließlich sämtlicher intelligenter Raketensprengköpfe hinter sich, hetzt zum Krieg, als wäre er Oliver Cromwell persönlich, und möchte in einem zehntausend Meilen von sich entfernten Wüstenstaat gewaltsam „die Demokratie“ einführen. Er hat von nichts eine Ahnung, ist hörbar weniger intelligent als seine Raketensprengköpfe und wagt es, uns beide gegeneinander zu hetzen. Was soll man davon halten? Kant: Herr Kagan ist im Moment der unwichtigste. Wichtig ist, wie es mit dem Krieg wird. Ich zitiere noch einmal mich selbst: „Es spricht die moralisch-praktische Vernunft in uns ihr unwiderstehliches Veto aus: Es soll kein Krieg sein, weder nach innen noch außen … Denn das ist nicht die Art, wie jedermann sein Recht suchen soll.“

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