Wenn alles sinnlos ist, muß alles erlaubt sein

Albert Camus wurde am 7. November 1913 im algerischen Mondovi als Sohn eines elsässischen Landarbeiters und einer Spanierin geboren. Der Vater fiel bereits wenige Wochen nach Beginn des Ersten Weltkrieges, und so blieb Camus‘ Erziehung seiner Mutter überlassen. Nach einer überaus glücklichen Kindheit und Jugend machte er im Alter von 17 Jahren das Abitur an einem Gymnasium in Algier. In dieser Zeit erlitt er seinen ersten Tuberkuloseanfall. Dennoch spielte er noch neben dem Studium Theater. 1934 heiratete er, doch die Ehe wurde schon ein Jahr später wieder geschieden. Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitete Camus nun als Angestellter. Er trat der Kommunistischen Partei bei, verließ diese jedoch bereits nach ein paar Monaten wieder, was wohl auf den starken Einfluß des Humanisten Jean Grenier zurückzuführen war. 1936 legte er seine Diplomarbeit über „Die Beziehungen zwischen Hellenismus und Christentum in den Werken von Plotin und Augustinus“ vor. Da seine Tuberkulose-Erkrankung wieder offen ausgebrochen war, schloß man ihn jedoch vom Staatsexamen in Philosophie aus. Er selbst faßte seine Krankheit als einen „Überfall des Absurden“ auf und begab sich auf eine Theatertournee durch Algerien, um anschließend eine längere Reise nach Europa zu unternehmen. Camus‘ Reisen durch Afrika, Spanien, Italien und die Tschechoslowakei fanden ihren Niederschlag in den Werken „Die Hochzeit des Lichts“ (1938), „Der Mythos von Sisyphos“ (1942) und „Caligula“ (1944), die ihm jedoch zu Unrecht den Ruf eines Existentialisten einbrachten. Zwar sah er ähnlich wie Jean-Paul Sartre die menschliche Existenz als grundsätzlich „absurd“ an, aber bei Camus entspricht das „Absurde“ gerade nicht dem Sartreschen „Nichts“: Es gibt eine „menschliche Natur; jene philosophischen Lehren, die den Begriff ‚menschliche Natur‘ durch ‚Situation‘ ersetzen, gilt es zurückzuweisen“. Das Absurde ist bei Camus das, was der Mensch als conditio humana entdeckt. Während des Krieges betätigte sich Camus als Journalist, zuerst in Algier, später in Paris. Er prangerte die Ungerechtigkeiten des Kolonialismus an, trat der Résistance bei, wurde Mitbegründer und Leitartikler der Zeitung Combat, in der sich nach Kriegsende die nichtkommunistischen Kräfte des Widerstands sammelten. Politisch zählte er sich zur Linken, lehnte jedoch den Marxismus scharf ab. Die christliche Lehre wies er zurück, weil sie – wie unter dem Franco-Regime in Spanien – oft der Unterdrückung diene. Letztlich bekannte er sich zum Rationalismus, da es nichts jenseits der Vernunft gebe, diese aber lehrt, daß die Welt irrational ist. Camus‘ literarisches Werk erscheint in drei den Lebensstadien entsprechende Perioden gegliedert: Die Bücher der ersten Schaffensperiode enthalten Reiseeindrücke, beschreiben das Leben von Menschen, die sich mit der Natur vermählen. Der Tod erscheint hier als Hintergrund, um die Freude nur desto schärfer hervortreten zu lassen. Für Camus geht das Wesen der Existenz voraus Den Stil eines nüchternen Lyrismus behielt der Dichter jedoch auch in seinen philosophisch konzipierten Essays bei. In „Caligula“ wird der junge Kaiser, ursprünglich gerecht und gut, vom Spiel mit der Macht verdorben: Wenn alles sinnlos ist, muß auch alles erlaubt sein, das heißt alles bleibt bedeutungslos. „Der Fremde“ (1942) erzählt die Geschichte des „glücklichen Sisyphos“ und schildert das verträumte Glück, daß Meursault dem planlosen Dahinleben abgewinnt und dessen er sich erst am Vorabend seiner Hinrichtung bewußt wird. So heißt es im „Mythos des Sisyphos“ in fast juristisch anmutender Knappheit: „Früher ging es darum herauszufinden, ob das Leben einen Sinn haben müsse, um gelebt zu werden. Hier hingegen scheint es, daß es besser gelebt werden könne, wenn es jeglichen Sinns entbehrt.“ Das einzige Problem bestehe darin, den Aufruf zum Glücklichsein mit der auf die Spitze getriebenen Lehre vom Absurden in Einklang zu bringen. Camus distanzierte sich damit deutlich vom physischen und intellektuellen Selbstmord des spiritualistischen Existentialismus. Das Thema der Werke seiner dritten Schaffensperiode ist der fragile Zustand der menschlichen Gemeinschaft, die dem Wüten der „Pest“ ausgesetzt ist. „Die Pest“ (1947) zeigt in Gestalt des Dr. Rieux einen Menschen, der sein persönliches Glück dem Glück seiner Mitmenschen opfert, wohl wissend, daß der Sieg über die „Pest“ – worunter Camus nicht allein die Krankheit, sonder auch Krieg und Besetzung, das Leiden der Unschuldigen, den Tod und die moralischen Übel versteht – immer nur vorläufig ist. Das Motiv der ehrenhaften Gesinnung und liebevollen Zuneigung zu den Menschen tritt hier in den Vordergrund. Aber schon in „Der Mensch in der Revolte“ wird in essayistischer Form das Problem des Absurden wieder aufgenommen: „Die erste und einzige klare Erkenntnis, die aus den Erfahrungen mit dem Absurden gewonnen werden kann, ist die Revolte“, und: „Ich lehne mich auf, daher sind wir.“ Im Gegensatz zu Sartre geht jedoch für Camus das Wesen der Existenz voraus. Weil in der Gegenwart die Revolte zur „Revolution“ verkommen ist, erscheint nach der Ermordung des Königs und dem Tod Gottes im modernen Atheismus die nihilistische Versuchung in Form eines individuellen oder eines Staatsterrorismus, der irrational (im Faschismus und Nationalsozialismus) oder rational (im Marxismus) auftritt. Die wahre Auflehnung verwirft diese Ideologien und wählt den schmalen Mittelweg zwischen zwei Extremen, dem Extrem des Yogi als Abkehr von jeder Aktivität und Flucht in die Kontemplation und dem Extrem des Kommissars, des kämpferischen Kommunisten. Völlig zu Unrecht gilt Camus als führender Existentialist Poetisch kamen diese Ideen, die 1952 zum endgültigen Bruch mit dem damals noch dem Kommunismus zuneigenden Sartre führten, in „Die Heimkehr nach Tipasa“ (1954) zum Ausdruck. Die 1956 erschienene Erzählung „Der Fall“, eine Satire auf die Pharisäer und die Selbstgerechtigkeit des Bürgertums, gehörte dagegen dem gleichen literarischen Genre an wie „Der Fremde“, nur weiß im Unterschied zu Meursault der büßende Richter Clamence, daß er an den Sünden und Übeln einer verderbten Welt mitschuldig ist. Camus, dem auch heute noch viele Literaturwissenschaftler völlig zu Unrecht das Etikett eines führenden Existentialisten anhängen, hatte auf das geistige Leben nach dem Zweiten Weltkrieg einen tiefgehenden Einfluß. Zwar betrachtete auch er, ähnlich wie der klassische Existentialismus und die frühen Situationisten, die Existenz des Menschen als absurd und absolut sinnlos, rief aber im Gegensatz zu diesen den hilf- und hoffnungslos auf sich selbst zurückgeworfenen Menschen zur Revolte gegen die Absurdität des Lebens auf. Seine politischen Äußerungen – er ergriff öffentlich Partei für die Aufständischen am 17. Juni 1953 in Ost-Berlin, rief während des Algerien-Krieges zu einem „Burgfrieden“ auf und forderte die europäischen Schriftsteller während des Ungarn-Aufstands 1956 zur Solidarität mit dem um seine Freiheit kämpfenden ungarischen Volk auf – waren geprägt von der Überzeugung, daß Daseinsabsurdität, Despotismus und Gewalt mit menschlicher Solidarität, Sorge um das Glück des Nächsten und durch opferbereiten Einsatz bewältigt werden können. Am 4. Januar 1960 starb Albert Camus an den Folgen eines Autounfalls nahe Paris. Drei Jahre zuvor hatte er den Literatur-Nobelpreis erhalten für seine „bedeutende literarische Schöpfung, die mit klarsichtigem Ernst die Probleme des menschlichen Gewissens in unserer Zeit beleuchtet“.

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