Weltgeltung aus Plastik

Regelmäßigen Lesern der JUNGEN FREIHEIT sind längst alle Etappen der Geschichte bekannt, die Norman Mailer in „Heiliger Krieg. Amerikas Kreuzzug“ erzählt: der wahnwitzige Erdölverbrauch der USA; die Krise des amerikanischen Selbstverständnisses; George W. Bushs rapider Aufstieg vom Hanswurst der weltpolitischen Bühne zum wenn nicht ernstzunehmenden, so doch ernstgenommenen Staatsmann in der Folge des 11. September 2001; der lange Atem seiner imperialistischen Strategen; die Versuche, im Zuge des Kampfes gegen den Terror gleichzeitig die Opposition im eigenen Land mundtot zu machen; die Propagandalügen über irakische Massenvernichtungswaffen und Saddam Husseins Verbindungen zu al-Qaida. Originell ist der polternde Elan, mit dem Mailer einem Bauchredner gleich Worte aus seiner Trickkiste hervorzaubert, um sie seinen Pro- und vor allem Antagonisten in den Mund zu legen; erwähnenswert, daß hier ein Amerikaner wiederholt, was die „wirklichkeitsfernen“ Alt-Europäer seit Monaten predigen – von den Intellektuellen der Dritten Welt, den Arundhati Roys und Edward Saids, ganz zu schweigen. Mailer wurde das Meer aus rot-weiß-blauen Stars and Stripes zu bunt, das ihn seit dem 11. September auf allen Seiten umgibt. Sein Zorn – jeder andere Begriff wäre der leidenschaftlichen Parteinahme des inzwischen Achtzigjährigen unwürdig – gilt denen, die er als Fahnenkonservative bezeichnet, und er scheut sich trotz aller weltanschaulichen Differenzen nicht, Patrick Buchanan als Gewährsmann eines Konservatismus „der alten Schule“ zu preisen. Im Gegensatz zu diesem Schlag der „Wertkonservativen …, die an Familie, Nation, Religion, Tradition, Heim, harte und ehrliche Arbeit, Pflicht, Loyalität und einen ausgeglichenen Haushalt glauben“, legten die „Fahnenkonservativen“ um George W. Bush „Lippenbekenntnisse für einige konservative Werte ab, doch in Wirklichkeit scherten sie sich einen feuchten Kehricht darum“. Die Basis für ihren Eifer liege in dem – zwar durchaus aufrichtigen – Glauben, „daß Amerika die einzige Hoffnung für die Welt ist. Außerdem glaubt (Bush), daß das Land in rasender Geschwindigkeit immer zügelloser wird, und die einzige Lösung könnte darin liegen, nach einem Weltreich zu streben.“ Darüber hinaus galt Mailers Zorn seit jeher dem Plastik. Plastik bedeutet für ihn Konformität, Hygiene, Gefühlskälte, knallbunte Eintönigkeit. Plastik stinkt nicht – es sei denn, man verbrennt es -, und tatsächlich ist mittlerweile selbst das Geld der meisten Amerikaner aus Plastik. Aber man meint zu spüren, daß Mailer den Kunststoff mit zunehmendem Alter immer weniger als Metapher versteht: daß er tatsächlich fürchtet, an ihm zu ersticken. Diese Angst ist keine ökologische, sondern eher eine ästhetische. Die amerikanische Unkultur – würde er wohl ungeniert sagen, wäre ein solcher Ausdruck im Englischen geläufig – macht die Welt „häßlich“, indem sie alles Edle und Echte mit Plastik überzieht. Willi Winkler, dem trotz der Zeitknappheit eine zumeist souveräne Übersetzung gelungen ist, beschreibt im Nachwort, wie Mailers „Haß gegen den alles verschlingenden kapitalistischen Moloch“ ihn heute „das Ende Amerikas, … den Faschismus, den totalitären Staat“ heraufdämmern sehen läßt – „und hat er nicht oft genug recht behalten?“ Ein wenig liest sich Mailers „Heiliger Krieg“ wie eine Sesamstraßen-Folge für Erwachsene – hier ein Sketch, dort ein Schwank, die pädagogischen Absichten überall unverkennbar, und Monica Lewinsky gibt ein kurzes Gastspiel als Miss Piggy: Ihr sei zu verdanken, daß der Aufbau des amerikanischen Imperiums während der Clinton-Jahre vorübergehend zum Erliegen kam. So unterhaltsam hetzt sonst nur Michael Moore! Weitaus sachlicher geht es in Peter Pilz‘ Buch „Mit Gott gegen alle“ zu. Während Mailer sich einen Spaß daraus macht, Saddam Husseins Gedanken zu lesen – „Wenn ihr aber gegen mich in den Krieg zieht, wird Osama sich ins Fäustchen lachen“ -, hat der österreichische Grünen-Parlamentarier seine Zitate akribisch recherchiert. Allerdings hat Pilz ein großes Handicap: Er „liebt“ nämlich Amerika, und zwar so sehr, daß er es „gezähmt“ sehen möchte. Pilz träumt, um es kurz zu machen, von einer Welt, in der von Nord nach Süd, von Osten bis Westen demokratische, rechtsstaatliche Verhältnisse herrschen, die Marktwirtschaft global gültigen Geboten der Gerechtigkeit untersteht und Amerika nur seine kulturellen Errungenschaften exportieren darf: Jazz und die Filme mit Robert de Niro, von denen Pilz so schwärmt. Damit werde sich ganz von selber der Gegensatz zwischen Freiheit und Sicherheit entspannen, den Mailer für unauflösbar hält: Der meint sogar, es gebe „ein erträgliches Maß an Terrorismus“, das man der Freiheit zuliebe in Kauf nehmen müsse. Als Schutzherren dieses Idylls schlägt Pilz verschämt die Europäische Union vor, die schließlich „nichts anderes als der gelungene Versuch“ sei, „aus dem Faschismus … Lehren zu ziehen“ – während „das amerikanische Lernen aus der eigenen Geschichte“ noch ausstehe -, als deren Verbündeten die Dritte Welt. Ihr trägt er an, eine Art dritten Weg zu weisen, sowohl bezüglich protektionistischer Volkswirtschaften als auch einer anzustrebenden Energiewende, denn es „liegt im Lebensinteresse der rohstoffarmen Länder, ihre knappen Mittel in heimische Energiequellen zu investieren: in Sonne und Biomasse“. Daß Pilz‘ Vorstellungen utopisch sind, weiß er und läßt sich davon keinen Moment lang beirren. Denn seit er „mit dem Euro in der Tasche“ sorglos „durch Schengenland fahren“ darf, fühlt er sich diesem irdischen Paradies schon ein ganzes Stück näher. Daß Kolonialreiche sich auf Dauer überdehnen, ist Präsident Bush mangels fundierter Geschichtskenntnisse vielleicht nicht bewußt. Wer meint, daß „Amerika und Japan in den letzten eineinhalb Jahrhunderten eine der großen und beständigen Allianzen der Neuzeit gebildet haben“, dürfte das Imperium Romanum für eine New Yorker Nobel-Pizzeria halten. Pilz prophezeit dem US-Empire denselben Untergang, den in diesen Seiten schon Alain de Benoist und Patrick Buchanan heraufbeschworen haben. Nicht nur die Welt, wie er richtig feststellt, auch die Weltmacht selber „hält das nicht aus“. Demokratie, darin sind sich beide Autoren einig, darf vom Staat nicht überwacht, sondern muß wachgehalten werden. Wo Pilz Amerika zähmen will, hat Mailer es lieber wild-romantisch: Er spricht von den „heiklen Versprechungen“ der Demokratie, von ihrer „ebenso schönen wie gefährlichen Idee …, die faktisch besagt, daß mehr Gutes als Böses entsteht, wenn sich der Volkswille frei äußern darf“. Und ganz ohne Transzendenz kommt er – bekennender „Linkskonservativer“ und „mit jeder Faser meines Herzens Jude“ – letztlich doch nicht aus. „Die Vereinigten Staaten“, so Mailer, „sind Gottes gewagtestes Experiment, seine Herzensangelegenheit. Die beste Erklärung für den 11. September scheint mir daher zu sein, daß der Teufel an jenem Tag eine große Schlacht gewonnen hat.“ Weder Mailer noch Pilz läßt ein einziges gutes Haar an Osama bin Laden oder Saddam Hussein, um Amerikas Umgang mit ihnen zu verdammen. Worauf sie abheben, ist – auch dies nichts Neues – die Symbiose, in der Bush erst mit dem einen, dann mit dem anderen lebte: drei Schurken, die einander als Buhmänner brauchen – „Mißbrauch“ sollte man das nicht einmal nennen. Ausgerechnet die deutsche Presse meinte, die arme Supermacht vor derlei Anfeindungen in Schutz nehmen zu müssen. Gregor Schöllgen wirft Pilz in der FAZ vor, mit seiner „nur bedingt rationalen Kritik“ auf einer „Welle des Antiamerikanismus“ zu reiten; Walter Laqueur fragt sich in der Welt, was Intellektuelle wie Mailer veranlaßt, „paranoid zu reagieren, wenn es sich um ein Thema wie Terrorismus oder amerikanische Politik handelt“. Wahr ist, daß beide Bücher polemisch und sozusagen mit rauchender Feder geschrieben sind. Daß sie kurz vor dem Irak-Krieg abbrechen, stellt die Gültigkeit ihrer Urteile nicht grundsätzlich in Frage. Allein die Tatsache, daß es überhaupt zu diesem Krieg kam, bestätigt sie eher – dessen Verlauf, Ausgang und aktuelles Nachspiel erst recht. „Ed Krier’s Independence Day Display“, Marion Faller 1998: Imperium Romanum sei eine Pizzeria Norman Mailer: Heiliger Krieg. Amerikas Kreuzzug. Rowohlt Verlag, Reinbek 2003, 123 Seiten, 12,90 Euro Peter Pilz: Mit Gott gegen alle. Amerikas Kampf um die Weltherrschaft. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2003, 287 Seiten, 22,90 Euro

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