Wegweisendes

Am 20. Juni dieses Jahres wäre der Multi-Instrumentalist Eric Allan Dolphy 75 geworden. Wäre, hätte der frühzeitige Tod aufgrund einer nicht rechtzeitig erkannten Diabetes nicht seiner Musikerkarriere am 29. Juni 1964 ein vorzeitiges Ende gesetzt. Dolphy trug zwar zur Lösung von den traditionellen Bindungen im frühen Free Jazz bei, hat deren letzte Grenze aber nicht überschritten. Der Musiker selbst hat immer wieder betont: „Ich bezeichne mein Spiel als tonal, denn wenn ich auch Noten bringe, die nicht in direkter Beziehung zur gegebenen Tonart stehen, so habe ich diese doch ständig im Ohr und empfinde daher meine Stimmführung immer als dazugehörig.“ Das unterscheidet Dolphy von seinem Freund Ornette Coleman, mit dem er hier und da zusammenarbeitete, mit dessen Konzeption er sich aber nie völlig identifizierte. Wie Dolphy dieses Musikverständnis konkret umgesetzt hat, davon kann sich der Interessierte auf der gerade erschienenen Sammlung „Eric Dolphy. Birthday Celebration“ (Vertrieb ZYX-Music Merenburg) überzeugen. Auf drei CDs sind insgesamt 26 Stücke zu hören, die Dolphy für Label wie Prestige, Riverside und Pablo aufgenommen hat. Sie dokumentieren die Erweiterung des Ausdrucksspektrums, die Dolphy aus seinen Instrumenten herausgeholt hat. Laut Jazz-Lexikon (1993) „improvisierte Dolphy mit großen Intervallsprüngen, komplizierten, rhythmisch vertrackten Linien“. Er ergänzte die „Ausdruckspalette um Vierteltonschritte, um Imitationen von Naturgeräuschen, Vogelgezwitscher, immer wieder Sprachfetzen und Schreien“, die konsequent „ins Konzept seiner expressiven Soli integriert waren“. Die solistische Freiheit, die Dolphy immer angestrebt hatte, fand er bei Charles Mingus. Mit John Coltrane, dem er sich 1961 anschloß, spielte er einige zentrale Platten wie „Africa Brass“ ein und ging mit diesem auf Tournee. Es folgte die Zusammenarbeit mit dem Trompeter Freddie Hubbard, ehe Dolphy vor einem Konzert in Berlin der Tod überraschte. Alles dies ist auf den drei Scheiben der „Birthday Celebration“ Stück für Stück dokumentiert. Dolphy gilt heute als Klassiker. Marcus Woelfle schreibt im Beiheft, daß Dolphy vor 40 Jahren die Grundlagen des Jazz von heute geschaffen habe. Da sei „die klare Dominanz von Bop, Post-Bop genannt, weil die so getaufte Musik immer klar zu verstehen gibt, sie sei nicht der alte Bebop oder Hard Bop der 50er Jahre, sondern ein Bop, der aus der Avantgarde und allen möglichen anderen Stilen zusätzliche Näherstoffe beziehe“. Dieser Stil beginne bei Dolphy und seinen Freunden, die heute feste Größen des Jazz sind: Charles Mingus, Mal Waldron oder auch Herbie Hancock. Dolphy war ein enorm produktiver Musiker. Allein für das Jahr 1960 seien fast zwei Dutzend Aufnahmetermine zu verzeichnen, merkt Woelfle an. Darunter befinden sich Dolphys ersten drei Alben unter eigenem Namen. „G. W.“, das Stück, das seinen Erstling „Outward bound“ eröffnete, steht auch am Anfang der „Birthday Celebration“. Nicht vergessen werden sollte, daß Dolphy der Baßklarinette nicht nur zum Durchbruch verholfen hat, sondern sie zu einem Soloinstrument gemacht hat. Er eröffnete mit diesem Instrument ein Ausdrucksspektrum, das bis heute unerreicht bleibt. Keiner der heutigen Baßklarinettisten wie Gianluigi Trovesi, Rudi Mahall oder auch John Surman wäre ohne Dolphy denkbar. Allein dadurch stellte sich Dolphy in die Reihe der Unsterblichen des Jazz. In erster Linie aber war Dolphy Altsaxophonist, der als Künstler auf diesem Instrument in etwa so maßgeblich geworden ist wie Charlie Parker im Bebop, Lee Konitz im Cool Jazz oder Ornette Coleman im Free Jazz.

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